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"Es wird eine Welt konstruiert, die es aufrechtzuerhalten gilt. Es tut weh, das zu sehen, das macht die Menschen kaputt", sagt Umut Dağ über die türkisch-kurdische Migrantenwelt.

Was zuerst wie die Hochzeit zwischen Ayse und Fatmas Sohn Hasan aussieht, entpuppt sich als Scharade: Ayse wird die Kuma von Fatmas Mann Mustafa - seine Zweitfrau.

In Österreich angekommen, wird Ayse von Hasan, ihrem Ehemann auf dem Papier, gemieden und von Fatmas Töchtern Kezvan und Nurcan angefeindet - die jüngeren Kinder wissen nicht, wie sie mit Ayse umgehen sollen.
Umut Dağs Debütfilm "Kuma" (Zweitfrau) handelt von der Beziehung zwischen zwei Frauen einer türkischen Familie in Wien: Fatma, einer Mutter mit Prinzipien, für die die Familie alles ist, und Ayse, einem Mädchen aus Anatolien, das als Zweitfrau ihren Platz in der Familie sucht. Mit daStandard.at sprach Dağ über die geschlossene Welt der türkisch-kurdischen Gastarbeiter in Wien und über die Aufnahme seines Films in Österreich.
daStandard.at: Wie entstand die Idee zu Ihrem ersten Langfilm?
Dağ: Die Mutterfigur hat mich schon immer sehr interessiert. Diese Mütter der ersten Generation, die aus einer anderen Welt kommen und ihr ganzes Leben an dieser Welt festhalten, weil sie nichts anderes haben. Alles, was davon abweicht, lehnen sie ab, weil sie denken, das wird sie, ihre Familie und ihre Kinder verderben. Sie leben nur für die Außenwelt und den Schein. Sie dürfen keine Schwäche zeigen, weil sie sonst das Gesicht verlieren. Ich habe mich dann gefragt, was passiert, wenn sie sich unter solchen ungewöhnlichen Umständen doch jemandem öffnen.
daStandard.at: Wie ungewöhnlich ist eigentlich das Konzept der Zweitfrau?
Dağ: Nach offiziellen Zählungen aus dem letzten Jahr gibt es in der Türkei 186.000 solcher Ehen. Die Dunkelziffer ist sicher noch höher. In der Türkei ist die Bigamie zwar verboten, aber traditionell sehr verankert. Vor dem Imam kann man ja nach dem islamischen Recht heiraten, obwohl das dann vom weltlichen Gericht nicht anerkannt ist.
daStandard.at: "Kuma" ist ein sehr emotionaler Film, der Plot kommt aber teilweise sehr konstruiert rüber. Wieso muss der Sohn zusätzlich zu allen emotionalen Verwicklungen auch noch schwul sein?
Dağ: Es fällt mir auf, dass viele diesen Moment als sehr künstlich empfinden. Aber dieses "Schwulsein" ist ja der Grundpfeiler für das ganze Kartenhaus, das von der Mutter aufgebaut wurde. Die Mutter thematisiert das natürlich nicht, aber sie weiß das die ganze Zeit. Sie versucht einfach, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Sie formt die Zweitfrau als ihre Nachfolgerin, und ihr Junge hat endlich eine Frau.
daStandard.at: Was glauben Sie, wie "Kuma" bei den türkischen Migranten in Österreich ankommen wird?
Dağ: Ich hoffe, gut. Es gibt ja nicht diese eine Community, es gibt unterschiedliche Zielgruppen. Wir versuchen aber auch, diese Generation der Mütter, die ich porträtiert habe, zu erreichen. Das wird schwer bis unmöglich. Wir plakatieren aber auch in Moscheen und schalten Werbung in konservativen türkischen Sendern.
Ich habe natürlich bei der Entstehung des Films auch an die türkischen Zuschauer gedacht. Das Letzte, was ich wollte, war ein Schulungsvideo für den Westen. Ich wollte nicht, dass jemand mit einem türkischen Hintergrund den Film sieht und denkt: "Was für ein Unsinn." Bei den bisherigen Screenings habe ich beobachtet, dass Frauen mit orientalischem Hintergrund meine Frauenfiguren gut verstehen können. Männer hingegen sind es nicht gewöhnt, einen Film zu sehen, in dem keine Männer im Vordergrund stehen. Für Europäer ist der Film, glaube ich, eher verstörend.
daStandard.at: Sehr verstörend ist auch die Figur der jungen Zweitfrau.
Dağ: Wir sehen eine junge Frau, die in ärmlichen Verhältnissen lebt. Für sie ist es eine Gelegenheit, in Europa zu leben, und ihre Familie hat einen Mund weniger zu füttern. Sie hinterfragt wenig, weil sie unter Bedingungen aufwächst, in denen das normal ist. Beim bildungsbürgerlichen europäischen Publikum kommt das schlecht an: Wie kann man so eine Figur zeichnen, die sich so wenig entwickelt?! Aber das ist eine elitäre Scheuklappensicht.
daStandard.at: Die abgeschlossene Welt, die man im Film sieht - ist das auch die Welt Ihrer Kindheit in Brigittenau?
Dağ: Das ist die kurdisch-türkische Welt in der Diaspora. Das traue ich mich zu verallgemeinern. Diese Menschen haben sehr wenig, und das, was sie haben, wird geteilt. Sie haben ihre Kinder, für diese leben sie, und sie haben ihre Verwandten und Bekannten, mit denen sie über ihre Kinder reden. Es wird eine Welt konstruiert, die es aufrechtzuerhalten gilt. Es tut weh, das zu sehen, das macht die Menschen kaputt.
daStandard.at: Werden diese geschlossenen Welten und Weltsichten in der zweiten und dritten Generation Ihrer Meinung nach aufgeweicht oder werden sie noch einmal "zubetoniert"?
Dağ: Ich glaube, viel wird nicht aufgeweicht. Es gibt einige wenige, die versuchen, sich zu emanzipieren, aber das bedeutet gleichzeitig, mit dieser Welt zu brechen.
daStandard.at: Fühlen Sie sich als junger Künstler mit türkischem Hintergrund und Ihrer Herkunft aus einer Arbeiterfamilie in der österreichischen Filmwelt fremd?
Dağ: Erst nach diesem Film. Aber ganz ehrlich, hätte ich dieses Thema nicht gewählt, hätte ich nicht so schnell einen Film gemacht. Den Nachteil, mit dem ich immer behaftet war, habe ich ins Gegenteil verkehrt. Man traut mir zu, dass ich dieses Thema besser bearbeiten kann, obwohl ich genauso recherchieren muss wie alle anderen! (lacht) (Olivera Stajić, daStandard.at, 24.4.2012)
Link:
Video: Regisseur Umut Dag im Gespräch
Umut Dağ wurde 1982 in Wien geboren und wuchs als ältestes Kind einer kurdischen Einwandererfamilie im Bezirk Brigittenau auf. Nach der Vienna Business School studierte er zunächst Internationale Entwicklung, Religionswissenschaften und Pädagogik. Mit der Zeit konzentrierte er sich immer mehr auf seine Kurzfilme und arbeitete schließlich zeitgleich in der österreichischen Spiel- und Werbefilmlandschaft, wo er an vielen Spielfilmen und mehr als 50 Werbefilmen mitarbeitete.
Seit 2006 studiert er Regie an der Filmakademie Wien bei Peter Patzak und Michael Haneke, 2011 gewann sein Film "Papa" unter anderem den First Steps Award für den besten mittellangen Film. Sein erster Langfilm "Kuma" wurde als bester Beitrag beim Filmfestival "Linea d'ombra" in der süditalienischen Stadt Salerno ausgezeichnet. "Kuma" läuft ab 27. April in den österreichischen Kinos.
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Ich denke mir immer wenn ich solche Menschen sehe, egal welcher Herkunft, die sich an alte Traditionen und Gesellschaftsbilder klammern, das diese nur Karikaturen von Menschen darstellen! Unfähig sich zu entfalten und Gedanken zu denken, die nicht schon vorher von unzähligen Generationen Gedacht wurden. Dabei lernen wir jede Sekunde etwas neues über unser Universum und die einzige Ausrede die wir haben dies alles nicht zu lernen, is Zeit und die Limits unseres Verstandes, wir sich freiwillig von der Realität abschottet, verstümmelt meiner Meinung nach seine Menschlichkeit
Erstens einmal: nur weil Menschen irgendwo in Anatolien oder auch hier ihre Traditionen fortdenken und fortleben, verstümmeln sie sich noch lange nicht in ihrer Menschlichkeit. Auch die noch so verhüllteste Kopftuchdame, auch der noch so mit trad. Paschallüren vollgepackteste "Ehren"mann, sie bleiben in ihrer Menschlichkeit ungebrochen.
Auch sonst ist Ihnen ihr Pferdchen namens intellektuelles Utopia durchgegangen:
Wo sind denn "bei uns" diese vielen Menschen die frei und ungebrochen täglich neue Gedanken generieren? Ich meine damit den Bevölkerungsdurchschnitt und nicht eine intellektuelle oder kreative Elite.
Und Sie meinen mit ihrem Anspruch sicher nicht die kreative Denkleistung, sich tgl. ein neues App aufs Iphone zu laden, oder?
.
und das ist - wie ich aus erfahrung im persönlichen umfeld weiß - ein sehr schmerzhafter bis traumatischer schritt.
denn in vielen fällen kommt das einer "verbannung" gleich, in der kontakt von der familie nicht nur vollkommen abgebrochen wird, sondern es bleibt auch das wissen, die familie (die einem ja "alles" zu bedeuten hatte und hat) furchtbar enttäuscht zu haben.
ein dilemma, das nicht zu unterschätzen ist.
als Kulturerlebnis?
Da wäre es besser, wenn man diese Dokumentation dazu benützen würde, um den Migranten zu zeigen, wie weit sie von der österreichischen Gesellschaft und den österreichischen Gesetzen entfernt sind.
Wo bleibt der Aufschrei der Grünen bei "Zweitfrau"?
Ahh verstehe, die sind ob der multikulturelen Bereicherung noch ganz verzückt...
Bemühen Sie sich nicht.
Es gibt abertausende Krimis, gute sogar, die dramatisch zeigen, wie die bad guys am Ende einsitzen gehen oder in älteren Krimis sogar schlimmeres geschieht (Fahrstuhl zum Schafott).
Und was nützt es?
Die Krimimalitätsrate will und will einfach nicht sinken. Ob´s daran liegt, dass all die schweren Jungs keine Krimis anschauen?
Also bleibt zu befürchten, dass dieser Film, den Sie offenbar als pädagogisches Zeigestaberl verwenden möchten, nicht das bringen wird, was Sie erwarten.
Dass die Abschottung und Einzementierung in praktisch mit der westlichen Verfassung völlig unvereinbare Verhaltensweisen auch noch an die 2. und 3. Generation unverrückbar weitergegeben wird, müsste eigentlich auch jeden Politiker erschüttern. Aber man tut so, als wär das kein Problem. In 50 Jahren ist es ein so großes gesellschaftliches Problem, dass angestammte Österreicher wohl auswandern müssen.
So wichtig das Thema und alle humanen und nicht nur besserwisserisch- schulmeisternden Aktivitäten der Alternativen dazu sind:
Um die westlichen Verfassungen haben sich verantwortlich die gewählten Regierungen, Parteien und andere gesellschaftsrelevante Organisationen, auch die unabhängige Verfassungsjustiz jedes Staates zu kümmern.
Einzelne Personen, Familien, kleinere Gruppen sind nicht für den Schutz der Verfassung gewählt, beauftragt und somit verantwortlich.
Sie können, müssen sich aber nicht darum kümmern.
Menschlich hinterfragbares Sozialverhalten einzelner ist daher kein Verfassungsbruch. Den kann nur ein Staat begehen.
Sie machen es sich ja einfach, die Augen verschließen und schon ist das Problem weg.
Die beiden Frauen finden sich und ihre Situation vielleicht auch inkompatibel mit Österreich, können aber anders nicht überleben.
Nur wenn man ihre Situation kennt, kann man die passenden Integrationsmaßnahmen setzen. (Z.B. Deutschkurs nur für Frauen, kurdischsprachige Sozialarbeit etc., damit zumindest die nächste Generation selbstbestimmt in Österreich leben kann.)
Der Film wirft ein Licht auf die Welt jener Zuwanderer, von der wir Normalbürger wenig Ahnung haben. Auf dem gepachteten Biofeld treffe ich immer wieder Familien aus der Türkei. Sie sind freundlich aber zurückhaltend und lassen Einblicke in ihr Alltagsleben nicht zu, genau so, wie sie ihren eigenen Anbaustil weiter tradieren.
Mich hat der Film nachdenklich gemacht und ich hoffe, dass ihn viele türkisch-/kurdisch-stämmige junge Leute auch gesehen haben.
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