Großvater kam bis Bleiburg

Glosse | Bogumil Balkansky, 3. Mai 2012, 09:00

Unter jedem Stein - ein Bein! Keine allzu fröhliche Geschichte über Großvater, den kroatischen Partisanen

Es jährt sich zum 67. Mal, und weil es Teil meiner unbedeutenden Familiengeschichte ist, was 1945 in Bleiburg geschieht, erzähle ich heute von meinem Großvater, dem kroatischen Partisanen. Und ein wenig von meiner Großmutter, der volksdeutschen Partisanin.

Backe, backe - Offizier!

Mit 14 Jahren schicken seine Eltern ihn zu einem Bäckermeister in die Lehre. Doch die vom Teigkneten riesig gewordenen Hände benützt der trunksüchtige Meister hauptsächlich zum Prügeln seiner Lehrlinge. Bald hat Großvater genug davon und meldet sich freiwillig für die königliche Jugoslawische Armee. Seine vom Teigkneten kräftig und flink gewordenen Finger und sein Musiktalent fallen einem Kapellmeister auf, der meinen Opa in die Militärmusikkompanie des Regiments aufnimmt. Da lernt er den Kontrabass zu spielen. Der Kapellmeister prügelt seine Lehrlinge ebenfalls - aber streng nach Vorschrift! Damit kann Opa jedoch gut leben, weil immer klar ist, wann er wofür wie viele Prügel bekommt.

Als der Zweite Weltkrieg im April 1941 über Slavonska Požega in Kroatien hinwegrollt, ist mein Großvater Offizier und Kapellmeister. Einer, der die Kadetten nie prügelt. Er wird zusammen mit seinen alten Kameraden in eine neue Uniform gesteckt, bekommt den alten Job als Kapellmeister und dirigiert seine Kapelle nun als Domobran, ein regulärer Soldat des Unabhängigen Staates Kroatien. Er muss auf niemanden schießen und keiner schießt auf ihn. Bis 1942 ...

Opas Partisanenapfel

Sie geht von Feuer zu Feuer und sieht immer gleiche magere Gestalten. Einer davon muss mein Großvater sein, der Wochen zuvor zu den Partisanen gestoßen ist. Später sagt die Oma, sie habe den Opa erkannt, weil niemand in unserer Familie einen Apfel so weit in den Mund schieben und dann abbeißen kann wie der Opa. So finden meine Großeltern einander als bewaffnete Aufständische in den Wäldern des Papuk in Slawonien wieder. Der vermeintliche Apfel ist aber eine Zwiebel, das einzige Nahrungsmittel, das Opa noch dabeihat. Ein Partisanenapfel eben.

Großvater geht zu den Partisanen, weil ihm die Idee eines klassenlosen Jugoslawien in Arbeiterhand einfach besser gefällt als ein kroatischer Patriotismus unter deutscher Faust. Die Verbrechen der Wehrmacht und der Ustascha werden hinter vorgehaltener Hand unter den Offizieren diskutiert und als Unrecht empfunden, die Verbrechen der Partisanen als Propaganda abgetan oder als das kleinere Übel hingenommen. So beschließt eine Gruppe von ihnen, mit ihren Waffen zu den Partisanen überzulaufen. Mein Opa erschießt seinen Kontrabass, um sein Gewehr zu testen, und schließt sich ihnen an.

Oma geht auch in den Wald

Meine Großmutter ist nicht politisch motiviert, als sie ebenfalls beschließt, ein Gewehr in die Hand zu nehmen. Sie ist nur verzweifelt. In Slavonska Požega wird ein Soldat der Wehrmacht angeschossen. Dafür sollen laut dem berüchtigten "Geiselbefehl" 50 Zivilisten erschossen werden. Meine Großmutter wird zusammen mit ihren Kleinkindern - meiner späteren Mutter und Tante - auf der Straße verhaftet und in das Gefängnis gebracht. Die Erschießung ist für den nächsten Tag angesetzt.

Ein Cousin beim Ustascha-Sicherheitsdienst interveniert bei der Wehrmacht. Meine Oma, so der Cousin, sei erstens eine Volksdeutsche, und die werden nicht erschossen. Und zweitens sei mein Opa gar nicht bei den Partisanen, sondern nur mit einer anderen Frau nach Pleternica abgehauen, weil die Oma so eine unerträgliche Nörglerin ist, was der einzige Grund sein könnte, sie zu erschießen. Immer, wenn die Oma uns später diese Geschichte der Rettung in letzter Sekunde erzählt und an diese Stelle anlangt, nickt der Opa zustimmend. Hinter ihrem Rücken.

Das Grab im Wald

Bleiburg bleibt für mich nur ein Dorf in Kärnten, bis ich meinen Großvater frage, wie weit er 1945 mit den Partisanen marschiert ist. Es ist ein warmer Abend in Sutivan, im Sommer 1985, nur ich und Großvater sitzen noch auf der Terrasse und trinken Wein, während alle anderen schon schlafen. Ich meine, alle Kriegsgeschichten meiner Großeltern zu kennen, die Stolz auf ihren Kampf gegen ungebetene Besatzer sind. "Bleiburg ...", sagt Großvater, schließt die Augen. Eine Träne. Dann zwei. Dann weint Großvater. Und erzählt nach 40 Jahren zum ersten Mal von Bleiburg.

Großvater bekommt noch vor Bleiburg einen Kontrabass und andere Instrumente, requiriert aus einer Musikschule, und den Auftrag, eine Kapelle zu bilden. Falls Tito nach Kärnten kommt, um mit den Engländern zu verhandeln. In einem Dorf bei Klagenfurt üben sie die Hymne "Hej, Sloveni". Eine Patrouille bringt einen jungen Ustascha, aufgestöbert im nahen Wald. Das Hauptquartier befiehlt, den Gefangenen einfach zu erschießen. Doch der Kommandeur vor Ort setzt trotzdem ein Standgericht zusammen, das diese "Verhandlung" protokolliert und das Todesurteil ausspricht. Mein Großvater wird als Zeuge der Hinrichtung abkommandiert. Ein Grab im Wald ist schon ausgehoben.

Der Ustascha, der so jung ist, dass ihm noch nicht einmal ein Bart wächst, den man sicherlich erst wenige Wochen zuvor unter Zwang rekrutiert hat und der nun vor seinem Grab steht, zittert. Und weint. Ein Offizier befiehlt ihm, in das Grab zu steigen und sich dort niederzulegen. Das halbe Kind in einer zerrissenen schwarzen Uniform dreht sich langsam um und fragt schluchzend: "Soll ich mich auf den Rücken oder auf den Bauch legen?" Schüsse statt einer Antwort schleudern ihn in das Grab.

Am Ende des Tages

Mein Großvater bleibt in der Volksarmee und wird als Major in den 60ern pensioniert. Zusammen mit meinem Vater baut er das Haus auf Brač. Er freut sich besonders auf die langen Sommerabende, mit seiner Familie auf der großen Terrasse, die auf die Adria blickt. Der Cousin aus dem Ustascha-Sicherheitsdienst ist seit 1944 in Bosnien vermisst. Der Chef der Polizei von Slavonska Požega, M. A., lebt bis ins hohe Alter unbehelligt in Klagenfurt. Meine Großmutter kommt 1944 aus dem Wald und kehrt zu ihren Töchtern nach Slavonska Požega zurück. Großvater spricht nie wieder über Bleiburg. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 2.5.2012)

Hintergrund

Auf dem Loibacher Feld bei Bleiburg (Pliberk) im Kärntner Bezirk Völkermarkt findet die alljährlich organisierte Feier zum Gedenken an die "Bleiburger Tragödie" des Jahres 1945 statt. Diese wird von den kroatischen Rechten besucht und für ihre Zwecke missbraucht. Weitere Infos gibt es hier.

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Pozega ist schon ein schöner Flecken

Ihre ohnehin nicht unbeträchtlichen Sympathiewerte bei mir steigen und steigen.... Sehr gut geschrieben

Meinen Urgroßvater (weder Ustascha noch Domobran) haben die Partisanen, genau auf diesem Papuk Gebierge mittels zweier Birken im wahrsten Sinn des Wortes in der Luft zerissen. Weder die eine noch die andere Ideologie hat ihn interessiert, muss also ein recht netter Kerl gewesen sein der Urgroßvater....

Es gibt definitiv zu viele negative Ereignisse in unserer Geschichte. Durch Ihre Kolumnen und die geschilderten Einzelschicksale könnten vermutlich viele Menschen eher erkennen das es auf beiden Seiten sowohl gute als auch schlechte Menschen gab. Und dies würde nur einem besseren Miteinander dienen.
Daher mein Apell, bitte ein Buch!

Großartig wie immer!

liebe geschichte

Vor allem der berühmte Geiselbefehl in Kroatien denn es dort nie gegeben hat!!! Die Auslegung für einen verwundeten wehrmachtsoldaten 50 und für einen toten 100 zivilisten gab es am ganzen balkan nur in serbien aufgtund der draza cetniks und der partizanen. Diese Steckbtieflichen befehle können sie im internet finden. Hauptleidtragender war zentralserbien kraljevo und kragujevac sowie südvojvodina Pancevo. Falls andere beläge haben bitte zeigen ansonsten liebe Geschichtsfälschung!!

Ein Beispiel

Im März 1944 haben Deutsche Soldaten und Tschetniks auf der „Suche“ nach Partisanen 1500 Kroatische Zivilisten, in Docu Donjem in der Nähe von Sinj ermordet. Das ist eine Tatsache.

Die Tschetniks haben mit den Deutschen teilweise zusammen gekämpft und sie waren keine heroischen antifaschistischen Kämpfer. Ihre heutigen Anhänger brüsten sich damit, aber nur um den Schein einer ehrbaren Organisation zu wahren.
Falls Sie es nicht wissen sollten, in Bleiburg und den anschließenden Todesmärschen sind auch tausende Tschetniks ums Leben gekommen. Und nicht deshalb weil sie sich im Kampf gegen die Faschisten hervorgetan haben.

Lassen Sie die Wirtshausgeschichten dort wo sie hin gehören und recherchieren Sie selbst.

soweit ich weiss hat auch hier jemand eine Auszeichnung sowohl von den Franzosen sowie von den Amerikanern erhalten... ich glaube sein Name war... Draza Mihailovic...helfen Sie mir mal... was war der schnell??

Was für eine Auszeichnung? Auch die Tuareg in der Sahara haben Waffen von den Alliierten bekommen um gegen Rommels Afrikakorps zu kämpfen. So what?

liebere geschichte

was rechnen sie hier eigentlich auf?
kroatien gegen serbien, oder was?
sind sie ein bezahlter kriegstreiber?

???!!!

habe lediglich gesagt dass das einzige Staatsgebiet im 2 Weltkrieg wo es soclhe Repressalien gab Serbien war. Zig Steckbrife und Bekaantmachungen als Fotos im Internet zeugen davon.
Ich habe weder den Schreiber kritisiert noch seine Geschichte.
Ich hab nur gesagt das genau dieser Abschnitt eben nur eine Geschichte ist

Er bringt einen nicht nur zum Lachen sondern auch zum Weinen. Ganz wie er will.

bitte schreiben Sie ein Buch

50-jahre spätere rache

bleiburg wurde dann 1995 in operationen sturm (oluja) und blitz (bljesak) als legitimierung für kriegsverbrechen angesehen!

und ich habs gewußt!

der bogumilski ist einer von uns!

wirklich gut! danke!

sehr schöne kolummne, bin gespannt, wann ein buch kommt

Danke, für's Mitteilen!

Ein großartiger Artikel, dessen Inhalt zwar einen "gelernten" Historiker wie Dr. Gerhard Kurzmann nicht klüger macht, dafür aber mich. Danke!

Die Essays von Bogumil Balkansky sind immer ein Genuss...

Ein exzellenter Artikel, in Wort UND Inhalt!

Bitte mehr davon, das bildet ungemein!

Endlich mal jemand, der schreiben kann

und darüber hinaus auch etwas zu sagen hat. Das ist schon seine dritte Kolumne, die mir positiv auffällt.

Dem kann ich absolut zustimmen!

Bitte mehr davon.

Danke für den großartigen Artikel!

Wo bleiben die hunderten selbstgerechten Poster

welche sonst immer so schnell von Kriegsverbrechen sprechen?
Ein Alter aus unserem Dorf war auch in Jugoslawien und hat eigentlich fast nur von Kriegsverbrechen gesprochen.
Warum die Partisanen anscheinend einen solchen Bonus in der Geschichte haben ist mir schleierhaft. Sie gingen ebenso mit extremster Brutalität zur Sache.

ihr Nickname ist Programm

Und Sie sind einfallslos wenn das ihr einziger Standpunkt ist.

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