Trauma als Belastung und Abwehr als Selbstschutz

Interview |
  • Die Schule ist für Kinder mit Flucht- oder Migrationserfahrung ein besonders sensibles Feld.
    foto: apa / helmut fohringer

    Die Schule ist für Kinder mit Flucht- oder Migrationserfahrung ein besonders sensibles Feld.

  • "Ein Wesen des Traumas ist, dass es sich unbewusst immer wieder neu 
inszeniert. Gerade Lehrer repräsentieren die Polizei, weil sie 
Regeln erstellen, loben und bestrafen. So wird der 
Konflikt in der Schule noch einmal abgehandelt", sagt ÖVIP-Projektleiterin und Psychotherapeutin Margot Matschiner-Zollner. (rechts)
Familienbetreuerin und Sozialpädagogin Barbara Salzl (links) weiß: "Wenn wir es schaffen, ein Netz zu konstruieren, können Gefühle der Ablehnung nach dem Motto "mich will keiner" überwunden werden."
    foto: derstandard.at/eva zelechowski

    "Ein Wesen des Traumas ist, dass es sich unbewusst immer wieder neu inszeniert. Gerade Lehrer repräsentieren die Polizei, weil sie Regeln erstellen, loben und bestrafen. So wird der Konflikt in der Schule noch einmal abgehandelt", sagt ÖVIP-Projektleiterin und Psychotherapeutin Margot Matschiner-Zollner. (rechts)

    Familienbetreuerin und Sozialpädagogin Barbara Salzl (links) weiß: "Wenn wir es schaffen, ein Netz zu konstruieren, können Gefühle der Ablehnung nach dem Motto "mich will keiner" überwunden werden."

  • "Wenn wir die Familien zum Beispiel zum Arbeitsmarktservice begleiten, fungieren wir auch als eine Art Konstante", sagt Heil- und Integrativpädagogin Nicole Frühauf (links im Bild). 
Julia Stieber (rechts) ist ebenfalls psychoanalytische Pädagogin und widmete sich in den letzten Jahren vor allem der freizeitpädagogischen Betreuung von sozial benachteiligten Mädchen mit Migrationshintergrund.
    foto: derstandard.at/eva zelechowski

    "Wenn wir die Familien zum Beispiel zum Arbeitsmarktservice begleiten, fungieren wir auch als eine Art Konstante", sagt Heil- und Integrativpädagogin Nicole Frühauf (links im Bild). 

    Julia Stieber (rechts) ist ebenfalls psychoanalytische Pädagogin und widmete sich in den letzten Jahren vor allem der freizeitpädagogischen Betreuung von sozial benachteiligten Mädchen mit Migrationshintergrund.

Wieso torpedieren Mütter einen Kindergartenplatz und wie wird ein Trauma wiederbelebt? Vier Pädagoginnen über den schützenden Charakter von Traumatisierungen

"Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit" lautete der Titel des Vortrags von Nicole Frühauf, Barbara Salzl und Julia Stieber im April zur Relevanz von Beziehungen und geschützten Räumen für Kinder in der Migration. Mit daStandard.at sprachen sie und Psychotherapeutin Margot Matschiner-Zollner über die neue Welt voller fremder Regeln, die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse im Migrationsprozess und wieso das schulische Umfeld besonders sensibel ist. 

derStandard.at: Das Projekt, um das es in Ihrem Vortrag geht, handelt von der Betreuung sozial benachteiligter Familien. Ein besonderer Schwerpunkt war dabei die Zusammenarbeit mit der Schule. Weshalb gerade die Schule als Fokus?

Stieber: Da wir direkt in den Familien arbeiten, dachten wir, dass vor allem LehrerInnen von unseren Erfahrungen profitieren können: Wie erleben Kinder ihr Umfeld, ihr neues Zuhause und die Gesellschaft in Österreich und wie können belastete Kinder dabei unterstützt werden, um im Schulsystem Fuß zu fassen? Wir haben beobachtet, dass das sehr schwierig für Kinder ist.

Matschiner-Zollner: Das Besondere an dieser Arbeit ist, die Dynamik innerhalb der Familie zu verstehen. Zum Beispiel: Wieso reißt ein Kind immer wieder aus? Oder wieso torpediert eine Mutter einen Kindergartenplatz, obwohl es wichtig für das Kind ist?

derStandard.at: So etwas kommt vor?

Stieber: Ja, das kann aufgrund eines Traumas der Mutter passieren. Da müssen wir schauen, wie wirken sich Krisensituationen auf die soziale Lage der Familie aus und wie kann man sie dahingehend unterstützen, dass sie selbst ihre soziale Situation absichern?

Matschiner-Zollner: Ein Wesen des Traumas ist, dass es sich unbewusst immer wieder neu inszeniert. Zum Beispiel mit Institutionen wie Schule, Lehrern, Polizeibeamten. Gerade Lehrer repräsentieren wie die Polizei eine Regel ausführende Instanz, weil sie loben und bestrafen. Das heißt ein Trauma von folternden Polizisten wird beim Lehrer wiederbelebt. So wird der Konflikt in der Schule noch einmal abgehandelt.

In so einem Fall kehren Betroffene die Rolle um und drängen den Lehrer in die Rolle, in der sie selbst waren. Das soll ihm signalisieren: Schau, so geht's mir. Durch das Verstehen dieser Lage entsteht ein neuer Handlungsspielraum, um gegen das Ohnmachtsgefühl vorzugehen.

Stieber: Wenn es zum Beispiel einen Vorfall in der Schule gegeben hat, setzen wir uns mit Lehrern, Eltern und Kindern zusammen und versuchen über die entstandene Wut, Gewalt und die Hintergründe aufzuklären.

derStandard.at: Spricht man dann von "haltenden Beziehungen" und "geschützten Räumen" für Kinder?

Salzl: Ja, wenn man es schafft, ein Netz zu knüpfen und die Gründe für die Konfliktsituation erforscht, entsteht langsam das haltende Umfeld, das die Kinder auffängt. So können Gefühle der Ablehnung nach dem Motto "mich will keiner" überwunden werden. Dann wird den Kindern signalisiert: Wurscht, wie du dich aufführst, wir halten dich!

derStandard.at: Migration ist ja nicht gleich Migration, da Menschen aus unterschiedlichen Gründen aus ihrem Heimatland flüchten. Wann ist eine Migration traumatisch?

Matschiner-Zollner: Menschen haben von Natur aus mitgegebene Abwehrmechanismen, die sie vor psychisch belastenden Situationen schützen. Der berühmteste heißt "Verdrängung". Und ein Erlebnis wird dann traumatisierend, wenn alle zur Verfügung stehenden Mittel der Abwehr nicht mehr ausreichen, weil eine Traumatisierung so massiv ist; wenn ich zum Beispiel die abgetrennten Köpfe von Verwandten nach deren Folterung sehe, dann bin ich so überfordert, dass ich nicht mehr damit umgehen kann.

derStandard.at: Kann ein Trauma dann auch eine Art Schutz sein?

Matschiner-Zollner: Ein Trauma selbst ist nie ein Schutz, sondern eben traumatisierend. Die danach einsetzende Abwehr gegen die überwältigenden Gefühle von Vernichtungsangst und unaushaltbarem Schmerz stellt den Schutz her. Abwehr heißt, dieses schreckliche Erlebnis irgendwie abzuspalten und tief im Inneren zu verstecken. Die Folge ist aber, dass die ganze Psyche beeinträchtigt ist, da der Mensch nicht "gespalten" funktioniert.

Stieber: Wenn Menschen zum Beispiel in ihrem Ursprungsland mit einem massiven Bespitzelungssystem konfrontiert waren, fühlen sie sich durch österreichische Behörden ebenfalls überfordert. Diese Überforderung und Ohnmacht kann in einer konkreten Alltagssituation abgemildert werden, wenn wir Familien zu Amtsterminen begleiten und die Strukturen transparenter für sie machen.

Frühauf: Wenn eine Frau also bei der Behörde plötzlich Herzrasen bekommt und panisch wird, weil sie vor Verfolgung und Bespitzelung geflohen ist, ist es als Betreuerin wichtig, die Zusammenhänge zu ergründen, warum sie sie plötzlich so fühlt. 

derStandard.at: Welche Traumata können durch Migration entstehen und wie können sich erlebte Traumata später äußern?

Stieber: Was man klar beobachten kann sind psychische und physische Beeinträchtigungen wie Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und "sich den Kopf zerbrechen", wie es eine Mutter einmal ausgedrückt hat.

Salzl: Dazu kommen Schul- und Lernschwierigkeiten, Autoaggressivität (Gewalt an sich selbst, Anm. d. Red.) sowie Gewalt als Schutz vor der eigenen Hilflosigkeit, und das Hineinkippen in die Opferrolle, die man selbst provoziert oder produziert.

derStandard.at: Und umgekehrt, welche Bedingungen können die Bearbeitung von Traumata im neuen Land erschweren?

Stieber: Eine ganz klare Rolle spielt Diskriminierung und Ablehnung. Das kann sich im Alltag auf dem Amt abspielen, wo zwei Personen über mich hinweg kommunizieren und ich mich wieder in einer unsicheren Situation befinde. Und schließlich nicht "ankommen" kann.

Salzl: Und das Ausgrenzen in einem solchen Moment liegt nicht nur der fehlenden Sprachkenntnis zugrunde. Die Menschen finden auch kulturelle Unterschiede im Umgang miteinander vor und beobachten uns zum Beispiel, wie wir uns am Telefon oder bei der Behörde verhalten.

Frühauf: Bei diesen Erledigungen, zum Beispiel beim Arbeitsmarktservice, fungieren die BetreuerInnen auch als eine Art Konstante. Denn die AMS-MitarbeiterInnen können noch so bemüht sein, häufig Mal hat man es mit einer anderen Person zu tun, wodurch wieder Unsicherheit entsteht.

derStandard.at: Immer häufiger liest man Statistiken, laut denen türkischstämmige Migrantinnen besonders oft an Depressionen leiden. Wie erleben Sie das in ihrer Tätigkeit?

Matschiner-Zollner: Ich bin da sehr skeptisch. Denn auch in der österreichischen Bevölkerung nehmen Depressionen zu. Ich frage mich immer, wie das erhoben wird. Antidepressiva werden auch bei Schlafstörungen verschrieben, das ist noch kein Indikator. Depression heißt, Wut, Trauer und Trennung nicht gut verarbeitet zu haben. Wenn bestimmte Kulturen Frauen Aggression nicht zubilligen, dann wird es eher zu depressiven Erkrankungen kommen.

derStandard.at: In welchem Kontext steht das zur Auswanderung?

Matschiner-Zollner: Wenn ich meine Wut und Trauer, die ich spüre, da ich mein Heimatland verlassen musste, nicht äußern darf, dann können die Gefühle als Depression zutage treten. Bei den Männern müsste man fragen: Wie äußern sich diese Emotionen bei ihnen, steigt der Alkoholismus?

derStandard.at: Die erste und zweite Generation hat sicher unterschiedliche Erfahrungen zu verarbeiten. Wie sehen diese Unterschiede aus?

Salzl: Man sieht das zum Beispiel anhand von Töchtern im Teenager-Alter, die unter anderen Bedingungen aufwachsen als ihre Mütter, und dann in eine Revoluzzer-Rolle schlüpfen. Die Freiheit gepaart mit der kulturellen Identität, welche den jungen Frauen Rückhalt gibt und ihnen enorm wichtig ist, führt zu einer Zerrissenheit, die mitunter auch auf die Mutter überschwappen kann.

derStandard.at: Löst sich dieser Identitätskonflikt irgendwann?

Matschiner-Zollner: Ja, aber über viele Generationen. Frei sind Menschen - genauso wie Länder, die von einer Diktatur in eine Demokratie übergeführt werden - erst nach langer Zeit. Das spiegelt sich auch bei den jungen Frauen wieder: Freiheit - ja! Aber damit geht eine große Unsicherheit einher. Und es dauert lange, bis sich das "alte" mit dem "neuen" integriert und mehrere Kulturen in einem Menschen schließlich ein Ganzes ausmachen. (Eva Zelechowski, daStandard.at, 18.5.2012) 

Integrationsprojekt des ÖVIP

Nicole Frühauf, Barbara Salzl und Julia Stieber sind psychoanalytische Pädagoginnen und Mitarbeiterinnen im Projekt "Vereinbarkeit von Familie, Ausbildung und Beruf durch soziale Integration", das vom Österreichischen Verein für Individualpsychologie (ÖVIP) ins Leben gerufen wurde. Projektleiterin ist Margot Matschiner-Zollner.

Das Integrationsprojekt entstand, weil individualpsychologische PsychotherapeutInnen, die mit Personen mit Trauma- und Krisenerfahrungen zusammenarbeiten, einen großen Bedarf an der nachgehenden Arbeit mit Familien gesehen haben, also der direkten Beetreuung von Familien im Lebensumfeld.

Share if you care
1 Posting
Schöne Aussichten...

Wenn ich da an meine - weil keine Anlaufstelle vorhanden - unbehandelten Traumata denke, gepaart mit allen Traumatas der Migrationsfrauen: na servas!

:)

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.