Die Grünen und das Atom

Kommentar | Olja Alvir
24. Mai 2012, 12:14

Als Beitrag zur Bildungsdebatte schlagen die Grünen vor, den Atomreaktor der TU Wien abzuschalten. Eine populistische Reizwortpolitik

Im Forschungsreaktor der Technischen Universität Wien, der seit 1962 im Wiener Prater in Betrieb ist, werden nun alte Brennstäbe gegen neue ausgetauscht. Das hat die Grünen wieder auf ihren Gründungsmythos und eines ihrer Lieblingsthemen aufmerksam gemacht - die Atomkraft. Eva Glawischnig und ihr Pressesprecher Reinhard Pickl-Herk meinen: Der Forschungsreaktor bringe keinen relevanten Nutzen mehr, Atomforschung sei Hochrisikotechnologie und deshalb komplett verzichtbar, und angesichts der prekären finanziellen Lage der TU sei es nur ratsam, den teuren Reaktor abzuschalten. Wer kein Geld für Bildung hat, hat auch kein Geld für Atomforschung, meinen die Grünen in Richtung TU und Wissenschaftsministerium.

Unkritische Masse

Was man hier beobachten kann, ist uninformierte, populistische Reizwortpolitik, ohne die offenbar keine Partei in Österreich auskommt. Dabei hätte man vor pauschaler Verurteilung der Atomforschung und generellem Kontaminationsverdacht einiges bedenken müssen: den Unterschied zwischen einem kommerziell betriebenen und einem Forschungsreaktor beispielsweise oder die Bedeutung von Grundlagenforschung und angewandter Forschung vielleicht. Oder gar die Tatsache, dass tausende (angehende) Wissenschaftler vom Forschungsreaktor profitieren, wovon zahlreiche, nein, zahllose Diplomarbeiten, Dissertationen und Publikationen zeugen. Auch regelmäßige Führungen für Schulklassen sowie Hands-on-Praktika und Studierende, die der Inspiration, Faszination und Wissensvermittlung dienen. Und dass er durch die Ausbildung von Strahlenschutzexperten und Atominspektoren der internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) sogar zur Sicherheit von Atomforschung und -Kraft beiträgt und sich zu allem Überfluss dadurch auch noch selbst finanziert.

Glühende Überzeugung, brennendes Engagement

Forschungsbetrieb einstellen also wegen Angst und Angstmache bei Wörtern wie "Atom" und "Reaktor"? Nun ja, da muss man sich ins Bewusstsein rufen, dass die Grünen die einzige Partei sind, die wie eine Klette auf den Themen "Atomkraft" und "Nachhaltigkeit" sitzt. Folglich müssen sie sich alleine aus Imagegründen sofort zu Wort melden, wenn es Neuigkeiten mit Schlagwörtern gibt. Und nachdem das im reaktor- und bald atomstromfreien Österreich abgesehen von spärlichem Temelín da und Mochovce hier seltener passiert, als ihnen lieb wäre, ist jede Schlagzeile gut genug.

Strahlende Strategie

Wir wissen also nun, dass die Ursache für die Abneigung der Grünen gegenüber Grundlagenforschung und Physik die Festigung und Radikalisierung ihrer Position in Umweltfragen ist. Doch wie verhält sich das zu ihrem Standpunkt zur Bildungsdebatte? Waren nicht die Grünen die einzige Partei, die sich noch vor einigen Wochen mit den Studentenprotesten gegen autonom eingeführte Studiengebühren und die Einstellung des Internationale-Entwicklung-Bachelors solidarisiert haben? Siehe da! Plötzlich kann man Bildung und Forschung einstellen, wenn es auch nur peripher mit einem Grundprinzip der Grünen kollidiert. So schnell kann der saure Wind drehen.

Der Verschwörungstheorie um die Rolle der USA beim Austausch der Brennstäbe sollte prinzipiell nachgegangen werden - aber um Transparenz und Wahrheit willen. Die etwas verdächtige, laut TU-Professor Heinz Oberhummer vom Ministerium verhängte temporäre Pressesperre für Beteiligte spricht hier für sich. Aber nicht weil Atomforschung per se zu verurteilen wäre. Oder gar mit Slogans à la "Kein Geld fürs Bachelorstudium - aber Millionen für Atomforschung!", die darauf aus sind, verschiedene Wissenschaftsdisziplinen gegeneinander auszuspielen.

Kerngesundes politisches Denken

Ich wüsste gerne, welche Wählerschaft die Grünen mit dieser Aktion ansprechen wollen. Akademiker und Studenten vielleicht, Gruppen, auf die sie sonst immer hoffen? Da klingt es eher, als hätten sie überlegt, wie sie am besten beide gleichzeitig verärgern könnten. Das heißt doch, lieber im radioaktiv verseuchten Becken der Populismusanfälligen fischen. Ich bin mir sicher, die TU Wien würde mit Freuden für Eva Glawischnig und die Grünen eine Führung im Atominstitut organisieren. Vielleicht sollte man in diesem Zusammenhang den Grünen gleich erklären, dass sie selbst auch nur aus Atomen bestehen. (Olja Alvir, daStandard.at, 24.5.2012)

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Eine Frage:

Wozu braucht man Atomforschung, wenn man keine Atomenergie will?

Ja wozu braucht man überhaupt Atome?

(sind eh so klein, ich hab nocht nicht mal eins gesehen...)

Ihr Namenspatron, Kaiser Franz Josef I., hätte wohl die selbe Frage gestellt.

Strahlenschutz, Medizin, Grundlagenforschung, Supraleitung, Dosimetrie, Radiochemie, Archäologie,...
kleines Beispiel über eben jenen bösen Praterreaktor: man hat am Wiener Reaktor erstmals Neutroneninterferometrie erzeugt, und damit gezeigt, dass auch Neutronen Welleneigenschaften haben.

Nur so nebenbei,

bin ich ein Teil der Verschwörung, wenn ich schon seit Längerem weiß, dass die Brennstäbe ausgetauscht werden?
Man hat mir nämlich (vor ca. einem Jahr glaub ich) nahe gelegt, mich zu beeilen, falls ich den Reaktor noch in Betrieb sehen will, weil bald die Brennstäbe ausgetauscht werden. Habs dann leider nicht Rechtzeitig geschafft. Aber ich war letzte Woche dort, und ich lebe immer noch. (und da wir ein Dosimeter dabei hatten weiß ich auch, dass ich nicht verstrahlt wurde;) )

Atomkraft ist nunmal das Kernthema der Grünen

Und die Forderung der Grünen lautet: "Keine Atomkraftwerke weltweit". Und dann kann man sich einen Forschungsreaktor auch schenken.
Die vielen auf diesem Gebiet hochkarätig ausgebildeten hätten dann eine nutzlose Kompetenz.
Da ist es nur konsequent auch die Abschaffung der Forschung zu fordern.
Dass sich die Grünen da nicht durchsetzen werden weiß ohnehin jeder. Aber wenn sie es nicht fordern treten sie von ihren Mindestforderungen zurück und werden unglaubwürdig.
Also wozu die Aufregung?
Wieso der Sturm im Wasserglas?

warum

pudeln sich denn alle auf wenn ein Schwarzer oder Blauer irgend einen rassistischen oder sexistische Schwachsinn von sich gibt, der weder rechtlich noch realpolitisch durchsetzbar ist ?
Weil man Dummheiten und Grauslichkeiten entgegentreten soll und sie als solche brandmarken muss. Das trifft dann halt die Grünen wenn es sich um Energie/Atom/Gentechnik/Genderthematik dreht, weil die da sehr oft Schwachsinn erzählen.
Keine Macht den Dummen !!

Seit der Mensch den Aufbau des Atoms verstanden und herausgefunden hat, wie man die Kernkraft nutzbar macht hat diese Erkenntnis extrem viel Leid und Schaden über die Menschen gebracht.
Jetzt gibt es Zyniker die Behaupten, dass die Atomunfälle eh alle "nicht so schlimm" waren. Die abgeworfenen Atombomben waren es aber auf jeden Fall. Auch die, mit denen derzeit nur gedroht wird, sind eine gefährliche Sache.
Da kann man auch als intelligenter Mensch auf die Idee kommen, dass diese Technologie deutlich mehr Schaden als Nutzen für die Menschheit gebracht hat und wir sie deshalb aufgeben sollten.
Darin besteht keine Dummheit, sondern es ist einfach eine andere Ansicht gegenüber jenen die meinen, dass das alles nur besser erforscht werden muss.

Es mag vielleicht eine andere Ansicht sein, aber die Dummheit bleibt. Es ist nämlich dumm zu glauben, wenn man die Atomkraft abschafft, dass sich an all diesem Schaden an der Menschheit nur irgendwas ändern würde - ganz im Gegenteil. Wenn hier bzw. generell zB keine Inspektoren der IAEA und anderes kompetentes fachkundiges Personal mehr ausgebildet würde, könnten Länder, so wie es dem Iran momentan nachgesagt wird, ganz einfach Atomwaffen bauen und noch mehr Leid anrichten. Kontrollieren, aufdecken oder verhindern kann es dann keiner mehr, weil das Fachwissen, das zur gegenseitigen Kontrolle notwendig ist einfach nichtmehr vorhanden wäre...

jede technologie ....

kann nützen aber auch schaden.
wir würden immer noch steine klopfen wenn wir uns nur auf den schaden konzentrieren würden.
als die dampfkraft weiter zu lokomotiven entwickelt wurde, haben hoch angesehene wissenschaftler der damaligen zeit behauptet, dass das gehirn des menschen bei geschwindigkeiten über 50 km/h einen irreperablenschaden erleiden würde. samma froh, dass die damaligen "forscher" in dem bereich nicht auf diese hoch angesehenen wissenschaftler hörten!
auch in der atomenergie muss mmn weiter geforscht werden und sei es nur um sicherere reaktoren konstruieren zu können. denn die atomenergie wird uns wohl weiter erhalten bleiben. ob wir es nun wollen oder nicht!

Na, da sind wir heute zum Glück etwas weiter.
Damals konnte man sich einfach nicht vorstellen, dass das noch nicht bekannte ohne Schaden abgehen kann.
Genau darum geht es hier aber nicht. Wir haben eine ausreichende Vorstellung davon was Kernkraft ist, die wir nutzen wollen und was Radioaktivität ist, die in der Biologie grundsätzlich schädlich wirkt, aber auch nützlich gemacht werden kann.
Und wir kennen dramatische negative Folgen bei Kontrollverlust über diese Technologie.
Mit diesen Informationen gilt es zu entscheiden. Und da gewichten verschiedene Menschen nun mal unterschiedlich, weil sie positive und gefährliche Potenziale unterschiedlich groß einschätzen. Diese Einschätzungsunterschiede gibt es auch unter den Forschern.

Die Atomwaffenarsenale der Supermächte haben verhindert, dass der kalte Krieg heiß wurde. Selbst wenn man - mangels naturwissenschaftlicher Bildung - gegen die Nutzung von ziviler Isotopentechnik auftritt, sollte man das zumindest nicht verschweigen.

Dass die Atomwaffenarsenale irgendwas verhindert haben wird zwar gerne behauptet, ist aber nicht zu beweisen. Es standen sich zwei Blöcke gegenüber die durch einen Krieg nichts zu gewinnen hatten. Und die Kräfteverhältnisse waren seit dem 2WK klar und wurden immer wieder mal an Nebenschauplätzen getestet.
Die Nutzung von Isotopentechnik und sonstiger Nuklearmedizin übersteigt gewöhnliche naturwissenschaftliche Allgemeinbildung bei weitem.
Deswegen brauchen wir ja Forscher, die sich damit auskennen und sagen was sinnvoll ist und wo die Grenzen liegen.

Was zu gewinnen gewesen wäre, war das selbe, das bei jedem Krieg zu gewinnen ist: Ressourcen. Nur wenn ein Großteil der Menschheit tot oder sterbend ist, lassen sich diese nicht nutzen.

Sie haben vorher gepostet, dass Sie keine Ahnung von Isotopentechnik hätten. Schließen Sie also von Ihrem Unwissen nicht auf das von anderen.
Und Schaumschläger wie den Kromp, die zu Themen, medial Meinungen abgeben, zu denen Sie mangels Wissen gar nicht in Fachjournalen publizieren können, kann man auch gern verzichten

Erstens: Mit Politik und Geschichte kenne ich mich ganz gut aus.
Zweitens: In öffentlichen Diskussionen (nicht nur in Foren) stellt sich jeder gerne als Experte für fast alles dar. Ich weiß ausreichend viel über Radiologie und Nuklearmedizin die Größe der Thematik abschätzen zu können und zu wissen, ob jemand ahnungslos dahin redet oder zumindest Minimalkenntnisse hat.
Ich weiß sogar, wie die medizinische Anwendung in vielen Fällen funktioniert. Was ich nicht weiß ist was notwendig ist, um die benötigten Strahler zu erhalten und wie lagerfähig sie sind. Ich kann mir da einiges zusammenreimen - das wäre dann aber nur qualifiziertes raten.
Aber mein Wissen erlaubt mir doch auf das Unwissen anderer zu schließen.

"Ich weiß ausreichend viel über Radiologie und Nuklearmedizin die Größe der Thematik abschätzen zu können [...]"
versus
"Da kann man auch als intelligenter Mensch auf die Idee kommen, dass diese Technologie deutlich mehr Schaden als Nutzen für die Menschheit gebracht hat und wir sie deshalb aufgeben sollten"

Und darin sehen Sie einen Widerspruch? Ich nicht.

Sie wissen aber schon auch

das Atomrekatoren Isotope erzeugen die in der Medizin gebraucht werden.

braucht er nicht!

denn nur wer den sinn von grünen und roten stricherln nicht unterscheiden kann, darf höhere mathematik als "nutzlose Kompetenz" betrachten.
aber vielleicht wollte er nur in der politikabteilung posten - und hat sich einfach vertan.
man möge ihm den unterschied zwischen "richtig" und "falsch" nachsehen!

Wer nicht sinnerfassend lesen kann, sollte wirklich gut aufpassen wem er unterstellt etwas als "nutzlose Kompetenz" aufzufassen.
Aus Sicht der Grünen ist die Forderung eine rein programmatische und politische. Ich habe nur beschreiben worauf diese Forderung basiert. Das bedeutet nicht, dass ich sie für richtig halte.

Wie gesagt: die Grünen werden sich damit nicht durchsetzen und wissen das auch

Deshalb ist es kein ernsthaftes Thema.
Zur die Anwendung von Isotopen in der Medizin verfüge ich über keinerlei Fachwissen.
Aber ich würde annehmen, dass es mehr als genügend Reaktoren gibt, um Isotope in ausreichender Menge zu erzeugen.

möglicherweise gibt es genügend reaktoren, um isotope in ausreichender menge zu erzeugen.

blöd nur, wenn diese reaktoren so weit entfernt sind, dass das gewünschte isotop NICHT in der gewünschten intensität geliefert werden kann, da es aufgrund der kurzen halbwertszeit bis zum ziel zerfallen ist. die patienten werden es den grünen danken, wenn das isotop erst in amerika bestellt werden muß ...

Soweit ich weiß werden medizinische Radioisotope heutzutage großteils in Zyklotronbeschleunigern hergestellt (das AKH hat zum Beispiel seinen eigenen Zyklotron im Keller stehen...)
Ist die Herstellung medizinischer Isotope wirklich eine der Aufgaben des Forschungsreaktors im Prater? Weiß da jemand mehr dazu?

Das Problem dürfte sich doch erst stellen, wenn alle grenznahen AKWs zugesperrt haben?
Allerdings möchte ich nochmal betonen, dass mich persönlich der Forschungsreaktor nicht im Geringsten stört. Schon meine Mutter hat in ihrem Studium dort geforscht und ich bin ein 'Fan' jeder Grundlagenforschung. Trotzdem ist die Forderung der Grünen aus ihrer Logik heraus das konsequenteste, was sie in den letzten 10 Jahren getan haben (ganz im Gegensatz zur Forderung nach Fahrradnummernschildern und dergleichen).

was haben grenznahe Kernkraftwerke mit der Isotopenherstellung für medizinische Zwecke und/oder Forschung zu tun?

Was hat ein Mountainbike mit einem Motorrad für Straßenrennen zu tun? Beides hat 2 Räder und man kann sich damit von Ort zu Ort bewegen - OK und sonst? Keine Unterschiede?

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