Die Grünen und das Atom

Kommentar |

Als Beitrag zur Bildungsdebatte schlagen die Grünen vor, den Atomreaktor der TU Wien abzuschalten. Eine populistische Reizwortpolitik

Im Forschungsreaktor der Technischen Universität Wien, der seit 1962 im Wiener Prater in Betrieb ist, werden nun alte Brennstäbe gegen neue ausgetauscht. Das hat die Grünen wieder auf ihren Gründungsmythos und eines ihrer Lieblingsthemen aufmerksam gemacht - die Atomkraft. Eva Glawischnig und ihr Pressesprecher Reinhard Pickl-Herk meinen: Der Forschungsreaktor bringe keinen relevanten Nutzen mehr, Atomforschung sei Hochrisikotechnologie und deshalb komplett verzichtbar, und angesichts der prekären finanziellen Lage der TU sei es nur ratsam, den teuren Reaktor abzuschalten. Wer kein Geld für Bildung hat, hat auch kein Geld für Atomforschung, meinen die Grünen in Richtung TU und Wissenschaftsministerium.

Unkritische Masse

Was man hier beobachten kann, ist uninformierte, populistische Reizwortpolitik, ohne die offenbar keine Partei in Österreich auskommt. Dabei hätte man vor pauschaler Verurteilung der Atomforschung und generellem Kontaminationsverdacht einiges bedenken müssen: den Unterschied zwischen einem kommerziell betriebenen und einem Forschungsreaktor beispielsweise oder die Bedeutung von Grundlagenforschung und angewandter Forschung vielleicht. Oder gar die Tatsache, dass tausende (angehende) Wissenschaftler vom Forschungsreaktor profitieren, wovon zahlreiche, nein, zahllose Diplomarbeiten, Dissertationen und Publikationen zeugen. Auch regelmäßige Führungen für Schulklassen sowie Hands-on-Praktika und Studierende, die der Inspiration, Faszination und Wissensvermittlung dienen. Und dass er durch die Ausbildung von Strahlenschutzexperten und Atominspektoren der internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) sogar zur Sicherheit von Atomforschung und -Kraft beiträgt und sich zu allem Überfluss dadurch auch noch selbst finanziert.

Glühende Überzeugung, brennendes Engagement

Forschungsbetrieb einstellen also wegen Angst und Angstmache bei Wörtern wie "Atom" und "Reaktor"? Nun ja, da muss man sich ins Bewusstsein rufen, dass die Grünen die einzige Partei sind, die wie eine Klette auf den Themen "Atomkraft" und "Nachhaltigkeit" sitzt. Folglich müssen sie sich alleine aus Imagegründen sofort zu Wort melden, wenn es Neuigkeiten mit Schlagwörtern gibt. Und nachdem das im reaktor- und bald atomstromfreien Österreich abgesehen von spärlichem Temelín da und Mochovce hier seltener passiert, als ihnen lieb wäre, ist jede Schlagzeile gut genug.

Strahlende Strategie

Wir wissen also nun, dass die Ursache für die Abneigung der Grünen gegenüber Grundlagenforschung und Physik die Festigung und Radikalisierung ihrer Position in Umweltfragen ist. Doch wie verhält sich das zu ihrem Standpunkt zur Bildungsdebatte? Waren nicht die Grünen die einzige Partei, die sich noch vor einigen Wochen mit den Studentenprotesten gegen autonom eingeführte Studiengebühren und die Einstellung des Internationale-Entwicklung-Bachelors solidarisiert haben? Siehe da! Plötzlich kann man Bildung und Forschung einstellen, wenn es auch nur peripher mit einem Grundprinzip der Grünen kollidiert. So schnell kann der saure Wind drehen.

Der Verschwörungstheorie um die Rolle der USA beim Austausch der Brennstäbe sollte prinzipiell nachgegangen werden - aber um Transparenz und Wahrheit willen. Die etwas verdächtige, laut TU-Professor Heinz Oberhummer vom Ministerium verhängte temporäre Pressesperre für Beteiligte spricht hier für sich. Aber nicht weil Atomforschung per se zu verurteilen wäre. Oder gar mit Slogans à la "Kein Geld fürs Bachelorstudium - aber Millionen für Atomforschung!", die darauf aus sind, verschiedene Wissenschaftsdisziplinen gegeneinander auszuspielen.

Kerngesundes politisches Denken

Ich wüsste gerne, welche Wählerschaft die Grünen mit dieser Aktion ansprechen wollen. Akademiker und Studenten vielleicht, Gruppen, auf die sie sonst immer hoffen? Da klingt es eher, als hätten sie überlegt, wie sie am besten beide gleichzeitig verärgern könnten. Das heißt doch, lieber im radioaktiv verseuchten Becken der Populismusanfälligen fischen. Ich bin mir sicher, die TU Wien würde mit Freuden für Eva Glawischnig und die Grünen eine Führung im Atominstitut organisieren. Vielleicht sollte man in diesem Zusammenhang den Grünen gleich erklären, dass sie selbst auch nur aus Atomen bestehen. (Olja Alvir, daStandard.at, 24.5.2012)

Share if you care