Rote Karte für das Rot-Weiß-Rot-Stickeralbum

Kommentar | Eva Zelechowski
25. Mai 2012, 12:40
  • Ein Rindvieh, die Berge und der vergoldete Strauß - das sind die Sujets, die auf dem Cover des "Unser Österreich Stickerbuchs" von Billa prangen.
    foto: billa

    Ein Rindvieh, die Berge und der vergoldete Strauß - das sind die Sujets, die auf dem Cover des "Unser Österreich Stickerbuchs" von Billa prangen.

Die "Heimat"-Kampagne von Billa reduziert Österreich auf Rindviecher, Berge und den vergoldeten Strauß

Ein Rindvieh, die Berge und der vergoldete Strauß - das sind die Sujets, die auf dem Cover des "Unser Österreich Stickerbuchs" von Billa prangen. Ausgewählt wurden die Motive "möglichst facettenreich - wie es auch unserem Land entspricht - von berühmten Töchtern und Söhnen, bekannten Musikern, kulinarischen Schmankerln bis hin zu Prachtbauten oder Tieren", so die Auskunft der Marketingabteilung von Rewe. Dass sich unter den insgesamt 39 Berühmtheiten nur zwei weibliche befinden, ehrten die Redakteurinnen von dieStandard.at mit einer "Zitrone".

Die 2011 gestartete Stickerkampagne von Billa stieß auch dem Werberat ungut auf. Mit dem lockenden Slogan "Hol dir jetzt dein Stickerbuch" handelte sich der Konzern Klagen wegen "verbotener Kinderwerbung" ein. Ein ganz anderer Aspekt der Kampagne ist es aber, der für mich persönlich in einem Billa-Boykott resultierte.

"Möglichst facettenreich"

Dieser weitere, bisher unbeachtete Knackpunkt der Aktion ist: Es erzeugt ein Österreichbild, das es so nicht gibt und vor allem nie gegeben hat. Zudem werden viele Lebensrealitäten ausgeschlossen. Abgesehen von Frauen sind es zum Beispiel die Einwanderer. Die selbst so genannte "möglichst facettenreiche" Auswahl ist eher ein Sammelsurium volkstümlicher Heimatmotive, das kaum über den Tellerrand blickt, als dass es ein Überblick über die vielfältige Gesellschaft Österreichs wäre.

Was man und frau sich anstelle zumindest einiger der öden Kirchen-, Wiesen- und DJ-Ötzi-Sticker vorstellen könnte? Harri Stojka, das Kulturzentrum auf dem Spittelberg oder eine Erwähnung des Kulturtreibens auf dem Naschmarkt, der nicht zuletzt wegen seiner Diversität einzigartig ist. Natürlich auch weit und breit kein Sticker der Wiener Tschuschenkapelle. Welches Kind ist schließlich an einer Ethno- und Weltmusik-Band interessiert? Aber hoppala, Kinderwerbung war ja böse.

Blunzn?

Dann kommen wir zum Guten. Zur Vorbildfunktion, die Billa hätte einnehmen können, dies aber verabsäumt hat. Leider also nur ein Konjunktiv. Denn dem Konzern scheint es blunzn zu sein, dass sich viele Menschen nicht mit dem Wald-und-Wiesen-/DJ-Ötzi-und-Edelweiß-Schmäh identifizieren können. Während es häufig MigrantInnen sind, die beim Billa an der Kassa sitzen, erfahren sie im heimatlichen Stickeralbum keine Repräsentanz. Ist es nicht auch ihre Heimat, zumindest eine Wahlheimat?

Ist es wirklich zu viel verlangt, die neuen ÖsterreicherInnen direkt anzusprechen als einen wesentlichen wirtschaftlichen und kulturellen Beitrag leistenden und nicht wegzudenkenden Teil der Gesellschaft? Vielleicht hätten dann noch mehr Menschen die Sticker-Kampagnen-Frage "Kennst mi?" mit "Eh kloar" beantworten können.

Aber zurück zum Thema: Neo-ÖsterreicherInnen direkt ansprechen. Billas Ziel ist, "mit dem 'Österreich-Fokus' die Österreicherinnen und Österreicher einzuladen, ihre Heimat noch ein Stück näher zu entdecken und kennen zu lernen".

Ein Schluck Heimat

Eine Reihe von Unternehmen schafft diesen "gewagten" Sprung, trotz Risikos. Die Firma NÖM zum Beispiel zeigte sich mit dem Versuch, mit ihrer "Süt"-Kampagne die türkischsprachige Bevölkerung anzusprechen, innovativ und couragiert zugleich. Die ängstlichen Reaktionen im "Wo kommen wir denn da hin?"-Stil führten schließlich dazu, dass der Konzern zurückruderte. Die Folge: Plakate mit "Trink einen Schluck Heimat". Puh, alles wieder im Lot.

"Heimat großer Häferl"

An der Vermittlung des "nützlichen Wissens", das Billa mit dem Rot-Weiß-Rot-Album an die KonsumentInnen weitergeben wollte, ist man ordentlich vorbeigeschrammt. Die Folge war - inzwischen ist die Stickerpromotion "Österreich" ausgelaufen - eine peinliche und oberflächliche Inszenierung, die mit der tatsächlichen Vielfalt von Land und Leuten konterkariert.

Teil der Kampagne waren übrigens auch Rot-Weiß-Rot-Häferl, die noch vereinzelt zu finden sind. Wenn Sie beim nächsten Einkauf eines sehen, würde ich mir wünschen, Sie sind kein Häferl und gehen weiter. (Eva Zelechowski, daStandard.at, 25.5.2012)

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"Sie sind kein häferl"

?? weiß die guteeigentlich, welche bedeutung ihr geschreibe hat ?

es gibt sicherlich gute gründe einen supermarkt zu boykottieren, es wegen einem pickerlalbum zu tun, ist meiner meinung nach ein bissl ... kindisch ;)
btw. billa, wird an ihrem boykott sicherlich zu grunde gehen ;)

Österreich - barock- und rokokohörig

An diesen Trachten und auch an den Sujets hauptstädtischer Kulturpflege ist erkennbar, dass Tradition und Geschichte in Ö. ihr A und O in der Barockzeit hat.
Das MA dauerte jahrhundertelang, fast ein Jahrtausend: Weder in Musik- noch Bekleidungstraditionen ist davon ein Hauch zu finden, im Unterschied zur Kulturpflege in zB. England, Schottland, Irland.
Woran das wohl liegen mag?
Wäre dankbar für Hinweise!

Woher kommt eigentlich dieser Hass auf die eigene Herkunft bzw. Kultur...?

Unverständlich.

wo sehen Sie Haß,

bzw. bei wem?

nicht mal eine käsekrainer...

...mit slowenischen wurzeln war dabei. skandalös eigentlich.

Empörung, weil die Österreich-kampagne typisch österreichische Kultur zeigt und nicht die Kulturen anderer Länder oder gar Subgenres wie Ethnomusik?

Witzig aber auch, wie man erkennt, dass die Autorin in Wien lebt und diese durch Migration beeinflusste Wiener Kultur über jene der Bundesländer stellt.

Da findet man dann Berge und Tracht irre lächerlich, während Spittelberg/Naschmarkt zum Zentrum der Kulturlandschaft erhoben werden.
Bei anderen Ländern würde man aber niemals dieser Diversität einfordern. Weder in Bezug auch Akzeptanz für Migration, noch hinsichtlich der offen geforderten Aufgabe kulturell-geitiger Identitäten. ("Wir Tiroler")

Österreich ohne Spittelberg/Naschmarkt oder auch Clara Luzia wäre ein Grund zum Auswandern.

lol traumhafter kultur aus dem bäuelrichen 18 jahrhundert diese hosen und kühe (gewiss nicht am hof oder beim bügrertum).... sie wissen schon dass vor dem 18 jahrhundert die kleidung auf dem land anders waren dass mal dudelsack das hauptinstrument war..etc----
konservative traditionalistens sind so ziemlich das schlechteste was einer gesellschaft passieren kann.. ein bisschen angst und hass reingießen udn es werden zu fpölern.-.-.. wenn sie eine kuh und kleidung als identifikation brauchen malen sie sich doch eien an die wand.

Undenkbar, dass sich derselbe Spott über indigene Kulturen im Amazonas-Regenwald ergösse, wenn sich diese der bereichernden Vielfalt der Kulturen aus aller Welt verschließen. Dort gilt es dann plötzlich das Spezifische dieser Kultur wie eine kostbare Porzellanvase vor allen Einflüssen von außen (die dann plötzlich pauschal als verderblich gelten) zu schützen.

"indigene kulturen im amazonas-regenwald" mit einem nationalstaat zu vergleichen ist ungefähr genauso schwachsinnig wie der kommentar von frau zelchowski selbst. zumindest hinkt er gewaltig.

zelechowski heißt sie, verzeihung

eigentlich ist der vergleich eine frechheit, die indige bevölkerung die in den amerikas gelebt hat wurde umgebracht massakriert vertrieben etc....da ist es nur logisch, dass man die letzten nicht auch noch verklavt bzw erobert... hingegen geht die veränderung in österreich von der natievn bevölkerung selbst aus.. nur ein paar ewig gestrieg findens cool in irgednwelchen komischen kleidern zu hampeln.

weil diese im einklang mit der natur leben was die ländlcuihe bevölkerung nicht macht.. brandrodungen bvoden mit schlechten dünger zerstören mensanto hörig sein udn sonntags in einen steintempel gehen sind nicht im einklang mit der natur.

well said.

Naja, sooo schlecht ist die Billa Pickerlkampagne auch wieder nicht!

Nur die Pickerln hätt ich mir anders vorgestellt:
- den Herrn Karl,
- 2 Deix- Polizisten,
(überhaupt die ganze Gestaltung von Deix oder Haderer)
- eine Statistik des Alkoholkonsums p.a. (für unsere RechenkönigInnen unter den Kids)
- ein orig. Pissoir,
- die Abbildung eines "Wr. Schnitzel v. Schw. m. gem. Sal."
- einen Autobus nach Poderdorf/See,
- ev. auch noch den Herrn Dr. Schuschnigg (?)
- und nat. den GRÖOZ dazu (größter Ostmärker aller Zeiten)

und als Spinoff des ganzen Pickerlheftls:
"ein echter Wiener geht nicht unter" als Fotoroman zum selber einkleben!

Irgendwann reicht es auch

Und das sage ich als Österreicher mit Migrationshintergrund. Dieses krampfhafte Geschwafel über arme Migranten nervt einfach nur noch. Irgendwann muss Schluss damit sein. Ich will einfach nur mein Leben leben, ohne ständig auf meinen Migrationshintergrund erinnert zu werden.

Ja. Ich weiß erst, dass ich mich als fremder fühlen sollte, seit ich den Standard lese.

@ Abbilden von "Lebensrealitäten"

Inwieweit ist eigentlich die größte Einwanderergruppe in der dastandard-Redaktion vertreten?

sie stellt 90% der Posts

moin, moin

der artikel ist aber nicht wirklich ernst gemeint, oder?

Doch .. .leider ..

... es gelten ja nur aktuelle Migrationen als nennenswert, während bis zu 1.000 Jahr alte Migrationen als "österreichisch" und "böse" gelten ...

welcome to the new world order ...

Ich geh nicht oft zum Billa

aber jedes Mal fragt mich mein Hausverstand: "Was um Himmels willen tust du da?"

vermutlich einkaufen.

"REWE" ist halt kein österreichischer Konzern, sondern ein ausländischer...

....und die österreichische Tourismuswerbung vermittelt doch seit Jahrzehnten diese Klischees von Österreich. Und wir merken gar nicht, wie wir in der Welt tatsächlich gesehen werden.

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