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Hor 29. Novembar: Nach der Probe gibt es Sliwowitz!

Café Boem im 16. Wiener Gemeindebezirk: "Gastarbeitertreff" und Galerie in einem.
vergrößern 500x705Das Eckcafé Boem im 16. Wiener Gemeindebezirk sieht von außen nicht unbedingt wie die Location eines wichtigen Festivals der österreichischen Hochkultur aus. Von innen übrigens auch nicht: Die Stammkundschaft setzt sich größtenteils aus ex-jugoslawischen Bauarbeitern zusammen. Die platinblonde Kellnerin hinter dem Tresen sorgt mit ihrer ungezwungenen Art für eine gemütliche Wohnzimmeratmosphäre, man merkt ihr aber gleich an, dass sie auch mit schwieriger Klientel durchaus fertig wird.
Irgendwo zwischen den Schnaps- und Weinflaschen prangt auch ein Tito-Bild. Alles in allem ein typisches Gastarbeiterlokal von schlicht-herb-schmuddeliger Heimeligkeit für die harten Burschen von der Baustelle. Oder doch nicht? Da und dort tummeln sich vereinzelt auch junge Frauen mit fledermausärmligen Tops, Leggins, Hornbrille und lässiger Undercut-Frisur, die man eher in einer Galerie am Naschmarkt vermuten würde. Was jetzt also: Gastarbeiterlokal oder Galerie? Kneipe für das Bier nach dem Feierabend oder Tummelplatz für Hipster?
Kunst, kuratiert von Stammkunden
Boem ist beides und noch vieles mehr. In einem weiß getünchten Raum hinter dem Lokal ist die eigentliche Galerie untergebracht. Derzeit ist dort die Ausstellung "Lebt und arbeitet in Wien" zu sehen, die wiederum Teil der New Boemian Gastarbeiter Opera ist, im Rahmen der Wiener Festwochen. Unter anderem werden Werke von Stammkunden des Boem gezeigt: kleine Keramikskulpturen, gefertigt aus Bruchstücken von Fliesen; mädchenhaft-romantische Bleistiftzeichnungen, auf denen Herzen, Rosen und Hände dargestellt sind; auf einem Flachbildfernseher läuft ein untertiteltes Interview mit einem ex-jugoslawischen Ex-Polizisten, der vom Krieg und vom schwierigen Ankommen im Frieden erzählt und davon, wie er als Stammkunde die Verwandlung des Boem von einem ganz gewöhnlichen Lokal zu einer Kunstgalerie erlebt hat; eine Fotocollage an der Wand dokumentiert eine ausgelassene, flippige Hochzeit, im Übrigen die erste ex-jugoslawische Schwulenhochzeit in Wien - die Hochzeitsgesellschaft ließ den Abend im Boem ausklingen; hinter einem schwarzen Vorhang läuft das Videoporträt einer ehemaligen Boem-Kellnerin.
Niederschwelliger Zugang
Vieles und viele finden Platz in diesem relativ kleinen Raum. Der künstlerische Leiter Alexander Nikolić erklärt: "Die Idee war, eines dieser eher hässlichen Wiener Eckkaffeehäuser zu übernehmen und zu versuchen, soziale, künstlerische, partizipative Aktionen zu inspirieren und zu ermöglichen, Überschneidungen und Übersetzungen zu finden. Und dafür eine Niederschwelligkeit sicherzustellen, die niemanden überfordert und niemanden abschreckt, in einen solchen Raum zu treten und zu handeln."
Jugoslawische Arbeiterklubs
Früher trafen sich die Wiener Gastarbeiter in mehr als hundert Arbeiterklubs, in denen, so Nikolić, die sozialistische Folklore in Form von Theater, Film, Fußball und politischer Agitation fortgeführt wurde. "Die jugoslawischen Arbeiterklubs wurden vom Krieg regelrecht überrascht, sie begannen erst nach und nach damit, ihre Klientel als Serben, Kroaten oder Moslems zu identifizieren. In solchen Klubs hat Jugoslawien gewissermaßen zehn Jahre länger überdauert, man sprach hier nicht Serbokroatisch, sondern Jugo." Nikolić will diese Ära aber nicht idealisieren oder nostalgisch verbrämen: "Die Klubs standen auch unter Kontrolle Jugoslawiens, und die Mechanismen waren durchaus brachial, man war ja angewiesen darauf, seinen Reisepass zu bekommen. Der Kontakt zur Heimat war über zentrale und offizielle Kanäle gefiltert."
"Gast des Kapitals"
Boem soll also eine Plattform bieten, um sich in einem hochkulturellen Rahmen mit dem Phänomen der Arbeit und des Gastarbeiters auseinanderzusetzen. Gastarbeiter, das ist heute ein jeder, meint Nikolić - nämlich im Land des Kapitals. "Ein zentrales Thema der Gastarbeiteroper ist, dass heute alles und jeder zum Gastarbeiter gemacht wird. Man ist also für kurze Zeit Gast des Kapitals. Das wollen wir erklären." Darüber hinaus soll die Gastarbeiteroper auch emanzipatorisches Potenzial freisetzen und Selbstermächtigung ermöglichen.
Teaser New Boemian Gastarbeiter Opera
Turbofolk-Vorlesung
An diesem Abend wird die Galerie kurzerhand zu einem Hörsaal umfunktioniert. Auf Plastikstühlen sitzend lauschen die Besucher einem englischsprachigen Vortrag über popkulturelle Phänomene im gesellschaftspolitischen Kontext, genauer gesagt über das Phänomen "Turbofolk" im Zersetzungsprozess postjugoslawischer Gesellschaften. Auf dem großen Flachbildfernseher laufen nun ausgesuchte Musikvideos, zum Teil mit sinistren Lady-Gaga-ähnlichen Inszenierungen, zum Teil sind es Persiflagen auf die sozialistische Kitsch-Ästhetik. Es ist dies "Akt V" der New Boemian Gastarbeiter Opera.
Gruppendynamik auf der Baustelle
Was aber ist diese Oper überhaupt? Laut Ankündigung ist es "eine Baustelle", "Pfusch natürlich". Mehrere Bausteine wurden im Rahmen von Akt I bis V zusammengesetzt, unter anderem in Form von öffentlichen Chorproben des Hor 29. Novembar, die Aufführungen finden dann ab dem 2. Juni im WUK statt. Der Versuch, die Handlung zu rekonstruieren oder nachzuerzählen, macht wenig Sinn, denn die Oper ist jeweils das, was die Anwesenden daraus machen: ein Raum, der es möglich macht, Gesellschaftspolitisches zu verhandeln und sich von der jeweiligen Gruppendynamik überraschen zu lassen, Akt für Akt. (Mascha Dabić, daStandard.at, 31.5.2012)
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