Ich - Ausländerin

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    foto: rainersturm / pixelio.de

Eine unverwechselbar schwere und größtenteils unangenehme Atmosphäre beherrscht die MA 35. Ein Erfahrungsbericht, Teil zwei

Bisher hat mich bei der Magistratsabteilung (MA) 35 noch nie jemand gefragt, was ich an Österreich mag und warum ich dieses Land als meinen Lebensmittelpunkt gewählt habe. Auch fragte mich niemand danach, wie es ist, in Österreich ein Ausländer zu sein.

Seit 18 Jahren lebe ich durchgehend in Österreich. Es sind die Menschen, die Sprache, das Land, das kulturelle Leben, die meine Entscheidung, hier zu leben, bedingt haben. Meine Staatsbürgerschaft wollte ich nicht aufgeben, weil ich aus meinem Geburtsland im Zuge der "ethnischen Säuberung" vertrieben wurde. Die meiste Zeit genieße ich es, hier zu leben, und ich bin dankbar dafür, in Österreich meine neue Heimat gefunden zu haben. Doch jedes Mal, wenn ich meine Aufenthaltsgenehmigung einholen muss, werde ich daran erinnert, nur ein Ausländer zu sein. Es ist eine Erfahrung, die mich jedes Mal erneut erschüttert und mir das Gefühl vermittelt, minderwertig zu sein. Es fängt schon bei den Vorschreibungen über das persönliche Erscheinen an, setzt sich fort in den tristen Gängen, die als Warteraum dienen, und findet seinen Höhepunkt im Vollzug des Amtsaktes.

Ich habe in Linz, Krems und Wien gelebt - doch eines haben alle mir bekannten MA 35 gemeinsam: eine unverwechselbar schwere und größtenteils unangenehme Atmosphäre. Alles ist so unpersönlich wie möglich errichtet, angefangen von den Nummernautomaten bis hin zu den abweisenden Aufschriften an den Türen, dass man nicht eintreten darf.

Die Atmosphäre lässt keine Möglichkeit zu, dem Akt die notwendige Wertschätzung zu geben. Meist konnte schon eine einfache Frage an einen Bediensteten zu einer gereizten Stimmung beitragen. Nur wenige der Bediensteten nahmen sich Zeit und gingen auf mich ein. Immer jedoch fühlte ich mich in diesem Amt als unerwünschte Bittstellerin, als jemand, der auf einen Gnadenakt wartet. Und auch wenn ich es jedes Mal durchgestanden habe, dass meine Aufenthaltsgenehmigung verlängert wurde, so bin ich niemals erfreut aus dem Gebäude hinausgetreten. Nur in meiner Vorstellung hatte ich immer einen großen, ja, einen feierlichen Akt vor mir.

Heute habe ich eine Daueraufenthaltsgenehmigung, dennoch muss ich jedes fünfte Jahr die "Card" verlängern. Anfangs wurde mir gesagt, dass ich die Card ohne irgendwelche zusätzlichen Unterlagen nur auszutauschen habe. Aber so einfach ist es nicht. Ich muss jedes Mal nochmals Formulare und Unterlagen abgeben, letztes Mal auch die Fingerabdrücke. Außerdem wird verlangt, dass ich nachweise, die vergangenen fünf Jahre ohne Unterbrechung in Österreich gelebt zu haben, da mir die Daueraufenthaltsgenehmigung sonst wieder entzogen wird.

Eigentlich sollte das alles einfach sein, ist es aber nicht. Allein den durchgehenden Aufenthalt in Österreich nachzuweisen ist nicht einfach, obwohl ich eine Wohnung auf meinen Namen habe, jedes Semester Studiengebühren zahle und auch eine Jahreskarte für die Wiener Linien besitze. Es steht auch nirgends "kleingeschrieben", wie dieser Nachweis erfolgen soll, noch wurde es mir mitgeteilt. Erst auf mein Nachfragen sollte ich meine Kontoauszüge der letzten fünf Jahre mitbringen, um nachzuweisen, dass ich meine Rechnungen selbst bezahle. Die Beamtin hätte auch einfach nach meiner E-Card fragen können, um meine Versicherungszeiten abzurufen und zu sehen, dass ich die meiste Zeit berufstätig war und so auch in Österreich gelebt haben musste. Stattdessen regte sie sich auf, dass ich sie danach fragte, auf welchem Wege ich beweisen sollte, in Österreich gelebt zu haben. Erst als ich sie höflich darauf hinwies, dass sie über meine E-Card alles überprüfen kann, hat sie den Antrag angenommen.

Die Höflichkeit und vielgepriesene Kundenfreundlichkeit ist bei diesem Amt eine etwas komplexere Angelegenheit. Es ist deutlich zu merken, dass die Bediensteten überfordert sind und es sich abgewöhnt haben, übliche, geschweige denn höfliche Umgangsformen zu pflegen. Oft wollte ich sagen: "Freuen Sie sich, dass ich hier bin, denn sonst hätten Sie ja keinen Job!" Aber ich verkneife mir meinen Kommentar und verwende, sobald ich durch die Tür ins Amtsgebäude trete, ausschließlich den Konjunktiv. Höflichkeit wird in Österreich großgeschrieben, Scheinhöflichkeit aber nicht minder! Gleich welche, wird sie in diesem Haus vorwiegend von den Ausländern praktiziert. Eine Begrüßung im Amt wird zumeist ausgelassen und es wird erwartet, dass sich der Ausländer unaufgefordert auf den gegenüberliegenden Stuhl setzt. Wenn man steht und auf eine Aufforderung wartet, dauert es länger, und die Situation versteift sich. Man setzt sich also lieber schnell hin und gibt der ausgestreckten Hand die Unterlagen.

Nachdem alle Unterlagen mit dem absolut kompliziertesten Antragsformular abgegeben wurden (ich bin überzeugt davon, dass auch einige Angestellte des Amtes einige Formulierungen und Felder nicht korrekt ausfüllen könnten), erhält man die Antwort, dass man über das Resultat informiert werden wird. "Könnten Sie mir sagen, wie? Per E-Mail, Anruf, Brief?", frage ich. Die Beamtin: "Per Brief." Ich sitze weiter. Die Bedienstete schreibt etwas mit gebücktem Haupt. Es kommt der nächste Bittsteller, und ich gehe hinaus. Es ist fast immer so. Für Abschiedsgrüße gibt es keine Notwendigkeit.
Beim letzte Mal, als ich hinausging, liefen zwei Kinder hintereinander im Gang umher, das erste prallte fast auf mich. Die stumpfen Blicke der Wartenden verfolgten die spielenden Kinder im kahlen Wartegang. Ich habe mich gefragt: Woran werden sich diese Kinder erinnern, wenn sie an ihre ersten Jahre in Österreich denken? (Alba Nero, daStandard.at, 7.6.2012)

Alba Nero, 46, bosnischer Herkunft. Wissenschaftliche Mitarbeiterin. "Alle ausländischen Bürger, die in Österreich längere Zeit verbringen möchten, müssen unweigerlich das Prozedere der MA 35 durchmachen. Damit ist die MA 35 gleichsam eine Visitenkarte Österreichs. Dennoch, die Vorgehensweise der Einwanderungsbehörde ist eine der unangenehmsten und unpersönlichsten, die es unter den Magistratsabteilungen gibt. Dabei ist Österreich eines der schönsten und kulturreichsten Länder weltweit. Im Gespräch mit Herrn Pawlik, den ich zufällig im Wartegang des Hauses Friedrich-Schmidt-Platz 3 (MA 35) traf, beschlossen wir, darüber zu schreiben, um zu appellieren, dass die Visitenkarte unserer Wahlheimat etwas freundlicher sein möge."

Nachlese

Behördengang, Teil 1: Ich - Ausländer

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