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vergrößern 500x268Josip Broz Tito mit engen Mitarbeitern. Im neu gegründeten jugoslawischen Staat, der sich weitgehend über den antifaschistischen Befreiungskampf definiert, ist Dragica gut vernetzt und stets in der Nähe des Machtzentrums.
"Ich habe noch nie einen Menschen mit einem so guten und starken Gehirn kennengelernt wie Dragica", erzählte der Regisseur Želimir Žilnik vor der Projektion seines Dokumentarfilms "Eine Frau - ein Jahrhundert" im Wiener Depot über seine Hauptprotagonistin Dragica Srzentić-Vitolović. Der Filmtitel trägt nicht zu dick auf, denn die alte Dame ist zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 99 Jahre alt.
In der Tat ist Dragicas Gedächtnis bemerkenswert. Die auf Istrien geborene Dragica Srzentić-Vitolović kann jeden einzelnen Namen, jede Jahreszahl und jeden Ort korrekt nennen, während sie ruhig und lakonisch ihre bewegte Lebensgeschichte erzählt. Schier unglaublich ist, was Dragica zu erzählen hat.
Als 17-Jährige zieht sie zu ihrem Bruder nach Belgrad und hat zunächst Angst, in der Metropole zu vereinsamen und unterzugehen. Doch keine Woche dauert es, und Dragica hat schon eine Arbeit als Stenotypistin gefunden, wo sie liebevoll aufgenommen wird.
Sie lernt bald politisch engagierte Intellektuelle kennen und wird selbst aktiv. Sie schreibt für eine linke Frauenzeitschrift und hilft bei der Verbreitung illegaler progressiver Blätter mit. Nach einer früh eingegangenen, eher freundschaftlichen Ehe heiratet sie zum zweiten Mal, diesmal ihre große Liebe Vojo Srzentić, einen glühenden Kommunisten. "Er hatte einfach Feuer in sich", erzählt Dragica und lächelt schelmisch.
Partisanenkämpferin
Von nun an intensiviert sich ihr politisches Engagement. Dragica bewegt sich in antifaschistischen Kreisen, wo es für sie immer etwas zu tun gibt: Flugblätter verteilen, Artikel schreiben, an politischen Diskussionen teilnehmen ... In den Kriegswirren wird Dragica Partisanenkämpferin. Sie erlebt die volle Härte der Front. Einmal zieht sie vor der Überquerung eines Flusses im Winter intuitiv ihre Kleidung aus und transportiert sie auf ihrem Kopf, während sie durch das eisige Wasser watet. Viele ihrer Kampfgefährten erfrieren, weil die nasse Kleidung sich binnen Sekunden in einen Eispanzer verwandelt. Dragica jedoch überlebt und findet ihren Mann nach dem Krieg wieder.
Besuch bei Stalin
Im neu gegründeten jugoslawischen Staat, der sich weitgehend über den antifaschistischen Befreiungskampf definiert, ist Dragica gut vernetzt und stets in der Nähe des Machtzentrums. Als eine integre und zuverlässige Genossin wird sie schließlich mit einer staatstragenden Aufgabe betraut: 1948 überbringt sie einen Brief von Tito an Stalin. Vom brisanten Inhalt ahnt sie nichts. Der Brief ist nämlich der Anfang des Konflikts zwischen Tito-Jugoslawien und der Stalin-Sowjetunion, der schließlich in den offenen Bruch münden wird.
Dissidentin
Dragicas Schicksal nimmt bald darauf eine tragische Wende. Sie wird als Dissidentin und Stalinistin denunziert, weil sie bei einer Gelegenheit gesagt hatte, Belgrad wäre ohne die Russen nicht befreit worden, und die ungleiche Verteilung von Gütern in der jugoslawischen Gesellschaft bemängelt hatte. Diese beiden Aussagen reichen für eine zehnjährige Haftstrafe, die Dragica als politische Gefangene unter unmenschlichen Bedingungen absitzt. Weiterhin ruhig und lakonisch, jedoch mit einem leisen Beben in der Stimme erzählt sie von der "Hölle" in der Zelle 18 im Gefängnis in der bosnischen Stadt Stolac, wo jene Häftlinge, die ein Geständnis abgelegt haben, ihre Mitgefangenen, die ein Geständnis verweigern, drangsalieren und foltern. Dragica bleibt standhaft und weigert sich, ein fingiertes Geständnis zu unterzeichnen.
Nach ihrer Gefängnisstrafe ist es ihr als verurteilter "Stalinistin" nicht mehr möglich, in die Öffentlichkeit zurückzukehren. Sie lebt mit ihrem Mann zurückgezogen in einem Haus in Montenegro, wo sie Zimmer an Touristen vermietet.
Linke geblieben
Žilnik folgt seiner Protagonistin nach Moskau, wo sie die die Erster-Mai-Feierlichkeiten am Roten Platz vom Rollstuhl aus mitverfolgt, und auch in ihren idyllischen Geburtsort, wo das ganze Dorf zusammenkommt, um Dragica willkommen zu heißen. Durchbrochen wird der Film von Comics und Originalaufnahmen, die den Erzählfluss der alten Frau geschickt illustrieren.
Im Anschluss an den Film erzählt der Regisseur vom Diskussionsprozess, den sein Film in den jugoslawischen Nachfolgestaaten ausgelöst hat: "Ich hatte befürchtet, die Leute würden sich für Dragicas Geschichte nicht interessieren, die Leute wollen ja alles vergessen. Aber Dragica ist ein eindrücklicher Beweis dafür, dass die Menschen eben nicht alles vergessen." Das Medienecho auf den Film war groß, Dragica konnte sich vor Interviewanfragen kaum erwehren.
Interessanterweise entzieht sich Dragicas Erzählung der klassischen ideologischen Deutung, wonach man entweder für oder gegen Jugoslawien sein konnte. Dragica blieb trotz ihrer brutalen und willkürlichen Gefängnisstrafe eine überzeugte Linke. Im Anschluss an eine Filmprojektion empörte sie sich darüber, dass viele sich jetzt im Nachhinein als Opfer Jugoslawiens inszenieren und den Kommunismus für die Verbrechen verantwortlich machen: "Wir waren im Knast, weil wir größere Kommunisten waren als die Tito-Spitze", sagte sie, erzählt Žilnik. Sein Film habe eine offene Diskussion über die Hoffnung und den Schrecken des Staatskommunismus in Gang gesetzt. (Mascha Dabić, daStandard.at, 11.6.2012)
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Porträt von Dragica Srzentić-Vitolović in der kroatischen Zeitung "Slobodna Dalmacija"
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