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Geboren und aufgewachsen ist Grace in der Sozialistischen Tschechoslowakischen Republik, als Tochter einer Slowakin und eines Uganders. Mit 14 Jahren kam sie nach Wien.
An einem heißen Sommernachmittag am Siebenbrunnenplatz in Wien-Margareten drängt sich zwischen Grace Marta Latigo und mir zunächst ein naheliegendes Thema auf: Sonnenbrand. Ich brüte gerade einen schmerzhaften aus, und Grace heitert mich mit eigenen Sonnenbrandanekdoten auf. Und da wir schon beim Thema Haut sind, fällt mir auf, dass wir die gleiche Impfnarbe am linken Oberarm tragen, die wir uns mit all jenen teilen, die in einem bestimmten Zeitraum im Ostblock oder im blockfreien Jugoslawien aufgewachsen sind. "Der Ostblockstempel!", ruft Grace aus und lacht aus voller Kehle.
"Schwarz-weiße Revolution"
Geboren und aufgewachsen ist die dunkelhäutige Grace nämlich in der Sozialistischen Tschechoslowakischen Republik, als Tochter einer Slowakin und eines Uganders, der in den 60er Jahren über das Martin-Luther-King-Projekt in der Tschechoslowakei Elektrotechnik studierte. Die beiden starteten ihre "schwarz-weiße Revolution", wie Grace es nennt. "Erst später kamen sie drauf, dass sie komplett unterschiedliche Einstellungen hatten", erzählt Grace, die den Ausdruck "bikulturelle Ehe" ablehnt. "Meine Mutter kommt aus einer panslawisch angehauchten, antifaschistisch geprägten Familie. Mein Vater wiederum stammt aus einer konservativen pro-englischen, monarchistisch eingestellten Familie. Da mein Vater im tiefsten Wesen antikommunistisch war, hatte er nie vorgehabt, sein Leben in der Tschechoslowakei zu verbringen." Nach der Promotion wollte er nach Uganda zurückkehren, was aber durch die dortigen Kriege verhindert wurde.
Kolonialsprache als Nötigung
Grace wächst in der Tschechoslowakei zweisprachig auf, ihr Vater spricht Englisch. Allerdings entwickelt sie mit der Zeit eine Aversion gegen die Kolonialsprache: "Es ist eine Nötigung, was da mit Englisch passiert. Ich verstehe Englisch sehr gut, komme aber niemandem damit entgegen, außer er braucht es wirklich."
Vor lauter Lernen keine Zeit für Unfug
Die Lust am Lernen sollte Graces Kindheit stark prägen. In der sozialistischen Tschechoslowakei wurde Bildung großgeschrieben, und vor lauter Zusatzkursen wie Puppenspielen, Rezitieren und Tanzen gab es "keine Zeit für Unfug." Grace zählte zu den "Propagandakindern", wie ihr später bewusst wurde, ein Vorzeigeprodukt der angestrebten sozialistischen Völkerverständigung: "Ich wurde schon früh fotografiert und gefilmt, bin auf der Bühne gestanden. Mir hat das gut gefallen, während mein Bruder solche Dinge abgelehnt hat." Ob es in der Tschechoslowakei keinen Rassismus gab? "Doch, das gab es schon, aber es galt immer die Karte 'Das ist rassistisch'. Es war verboten." In der Slowakei habe sie generell viel Selbstbewusstsein vermittelt bekommen: "Ich war immer eher mollig, aber nie lasch. Versagen gab's nicht. 'Am stärksten bin ich in Völkerball' - das gab's."
Schock und Systemschizophrenie
Als die Familie später nach Wien zog - Grace war damals 14 Jahre alt und wurde "mitgeschleppt" -, änderte sich vieles schlagartig. "Es war ein kompletter Schock. Ich habe lange gebraucht, um diese Systemschizophrenie zu verdauen."
Vor dem Hintergrund einer sozialistischen Erziehung musste Grace sich an viele neue Dinge gewöhnen: "Ich hatte den Vergleich, weil ich in einem anderen System aufgewachsen bin. Ich habe nicht verstanden, warum hier niemand an Wissen interessiert war. Die privilegierten Kinder kriegen viel hineingestopft, aber viele andere Kinder bleiben auf der Strecke. Mein Deutsch war anfangs zwar schlecht, aber ich hatte das Gefühl, meine Mitschüler lesen hier Kinderliteratur." Grace brauchte Zeit, bis sie sich mit den hiesigen Gegebenheiten vertraut machte und begriff, wie manche Dinge funktionierten: "Ich habe Schlager akzeptiert, weil ich zunächst geglaubt habe, das ist die Kultur hier. Etwas anderes bekommst du nicht geboten. Erst später habe ich gesehen, dass es auch andere gibt wie Helmut Qualtinger oder Georg Kreisler, aber solche Sachen lernst du nicht einfach so kennen. Die Masse bekommt Schrott geboten."
Gegen den Materialismus, für den Humanismus
Vieles hat Grace in ihrem Leben gemacht, und auch heute ist sie vielseitig aktiv. Im Alter von 28 Jahren begann sie sich im Flüchtlingsbereich zu engagieren, was für sie einem "Eintauchen in die Realität" gleichkam: "Davor war ich eine Tussi gewesen. Zwar mit einem Sinn für Gerechtigkeit, aber recht oberflächlich. Aber als ich sah, wie dreckig es vielen Leuten geht, konnte ich nicht mehr verstehen, wie man in Ruhe seine Melange trinken kann, während andere Menschen um ihr Leben kämpfen." Grace begann, sich für ihre "dekadenten Wünsche" zu schämen.
Die gnadenlose Konfrontation mit der Realität und der künstlerische Anspruch bilden für sie keinen Gegensatz: "Das Künstlerische kann mich abheben lassen. Die Realität zwingt mich, am Boden zu bleiben. Es ist für mich eine interessante Auseinandersetzung, wenn man sich gegen den Materialismus und für den Humanismus entscheidet. Ich kann das, was ich gesehen habe, nicht mehr leugnen." Sie erzählt von einem afghanischen Flüchtlingsmädchen, dessen größter Traum es sei, in einem sauberen Büro als Sekretärin zu arbeiten: "Ich dachte mir, das ist dein Traum? Ich hätte mir eher vorgestellt, mit einer Harley Davidson herumzufahren. Das hat unbeschreiblich wehgetan."
Auch am eigenen Leib musste Grace erfahren, was es heißt, illegalisiert zu werden. 1992 wurde ihr der legale Aufenthaltstitel entzogen, weil es durch Umbrüche in der Tschechoslowakei einerseits und die harte politische Lage in Österreich andererseits zu einem bürokratischen Chaos kam und sie plötzlich ohne Papiere dastand, obwohl ihre Eltern die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen. "Es ging mir sehr dreckig, aber ich habe dann erst gesehen, wie dreckig es erst anderen Leuten geht, die gar nichts haben."
Die Biografie von Grace Marta Latigo widersetzt sich einer chronologischen Darstellung, zu vielseitig sind ihre Interessen und ihr Engagement. Sie ist nach wie vor im Flüchtlingsbereich aktiv, schreibt, malt, tritt als Sängerin auf. Derzeit versucht sie, sich als Lebensberaterin zu professionalisieren. "Klar könnte ich mich kommerziell verkaufen", schmunzelt sie, "ich bin ja eine optische Täuschung. Ich schaue anders aus, als ich bin." (Mascha Dabić, daStandard.at, 20.6.2012)
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Oida...
Wissbegierig sein =/= aus einem System kommen, wo Fernsehen NICHT als Verdummungsmasche benutzt wird und daher die erfahrungsgemäße Erstannahme haben, dass es im neuen Land genauso ist...
Sie hat eh gelernt und umgelernt, wie im Artikel steht.
hat es immerhin geschafft für die kommunisten zu kanditieren um nachträglich drauf zu kommen, dass es dafür der österreichischen staatsbürgerschaft bedurft hätte. sonst ist sie ok, die grace, hauptsache, sie singt nicht.
also ich habe skeptisch begonnen diesen artikel zu lesen. je mehr ich gelesen habe, desto interessanter wurde es. klingt nach einer tollen frau, die die brille dieser systemschizophrenie abgenommen hat. leider ist bei den meisten von uns die brille noch zu fest am kopf...
danke für diesen artikel.
wo sie recht, hat sie recht - mir ergeht es nach 20 jahren in Ö. immer noch so - das Allgemeinwissen der Österreicher ist sehr niedrig... zb. so gut wie kein Österreicher kennt einen Österreichischen Schriftsteller Gustav Meyrink! was mich zur dem echt erschüttert hat, das im Gym kein Lernfach Literatur mehr angeboten wird, bzw. nur als Freifach! arme österreichische kinder, es entgeht ihnen dadurch so viel schönes und interessantes!
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