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Herausgeber des Bandes "Rot-Weiß-Rot": Espérance-François Bulayumi.

Komlan Jean Kponvi Dzaka schmückt mit seinem Konterfei nicht nur das Cover, auch er hat einen Beitrag geschrieben. Für den aus Togo eingewanderten Religionslehrer ist Österreich "liebliche Heimat, schützende Quelle und wärmendes Nest".
vergrößern 500x333Mitra Shahmoradi-Strohmaierin, Malerin und Lyrikerin; Krankenschwester Léontine Muzinga Ngongo, Sinan Ertuğrul und Grace Marta Latigo (v. li.).

Sinan Ertuğrul, der Taxler und Politologe, der nicht Gastarbeitersohn genannt werden will und für den Identitätsdebatten nicht das Wichtigste im Leben sind.
Rot-Weiß-Rot. Wer denkt da nicht gleich an die Farben der österreichischen Flagge oder an die Rot-Weiß-Rot-Card, die den Zuzug von hochqualifizierten Zuwanderern aus Drittstaaten außerhalb des EU- und EWR-Raums fördern soll. Mit der Rot-Weiß-Rot-Card, die bei ihrer Einführung im vergangenen Jahr von Sozialminister Rudolf Hundstorfer und Innenministerin Johanna Mikl-Leitner als neues, besseres Einwanderungsmodell mit einem kriteriengeleitetem Punktesystem gepriesen wurde, hat der neu erschienene Sammelband "Rot-Weiß-Rot" aber auf den ersten Blick nicht viel zu tun.
Keine typischen Migrationsgeschichten
Das Buch, das im AA-Infohaus-Verlag, dem Verlagshaus des Afro-Asiatischen Instituts in Wien, erschienen ist, enthält keine Analysen von Integrationsexperten, Soziologen, Einwanderungsgegnern oder -befürwortern. Hier wird nicht über die Migranten geschrieben, hier werden sie nicht ethnisiert oder katalogisiert. Es ist nicht der x-te Sammelband, der von Kriterien, Maßnahmen und Aktionsplänen der Integration handelt oder die Integriertheit von Menschen auf die Lupe nimmt. Hier wird nicht über Einwanderer gesprochen, in "Rot-Weiß-Rot" kommen sie selbst zu Wort, als Individuen mit ihren eigenen Geschichten.
Der Herausgeber, Espérance-François Bulayumi, der vor Jahrzehnten aus dem Kongo nach Österreich eingewandert ist und sich selbst als Afro-Wiener bezeichnet, will mit dem Sammelband weder tragische Migrationsgeschichten, in denen Migranten bemitleidet werden, noch soziologische Analysen, die Migranten als Opfer oder Täter betrachten, liefern. Stattdessen hat er sieben Menschen unterschiedlichster Herkunft gebeten eine Erzählung über ihren Lebensalltag, ihren Beruf, ihre Wünsche und Träume zu schreiben.
"Schüsselschwester" statt Schlüsselkraft
Die Geschichte von Léontine Muzinga Ngongo, die vor 26 Jahren aus Kinshasha in der heutigen Demokratischen Republik Kongo nach Österreich zu ihrem Mann, der damals noch in Wien studierte, ausgewandert ist, handelt dann auch von ihrem Berufsalltag als Diplom-Krankenschwester. "Ich musste kämpfen und ich kämpfe weiter", sagt sie während der Buchpräsentation auf dem Podium.
Für sie war es ein Schock erst einmal als Stationsgehilfin zu arbeiten, wo sie doch zuhause in der Heimat, als Diplom-Krankenschwester arbeitete. Es sollten Jahre, vier Prüfungen und ein Praktikum vergehen, bis sie den Bescheid für die Nostrifikation, die Anerkennung ihres Diploms als Krankenschwester, in den Händen hielt.
Respekt statt Erniedrigung
In ihrer Erzählung gibt sich Ngongo nicht beleidigt ob der langen Dauer der Nostrifizierung. Aber sie schreibt und beschreibt warum sie sich als ausländische Krankenschwester die ersten Jahre erniedrigt gefühlt hatte. So wurde sie als "Schüsselschwester" bezeichnet, als diejenige Krankenschwester, die dafür zuständig war den bettlägerigen Patienten die Bettschüssel zu bringen oder diese zu entleeren. "Da ich Afrikanerin war, war dies die Aufgabe, die man mir zuschrieb, und die ich wohl ohne Verantwortung verrichten konnte", schreibt Ngongo im Buch über die ersten Jahre als Krankenschwester in Österreich.
Heute, 26 Jahre später, ist sie nicht mehr die "Schüsselschwester" und wird als Diplom-Krankenschwester gewürdigt. Respektiert werden, das ist was ihr am Anfang im Job gefehlt hat. Und auch wenn sie sich heute manchmal von fremden Menschen in der U-Bahn anhören lassen muss, sie solle froh sein, dass sie in Österreich überhaupt etwas zu Essen bekomme, ist Wien für Ngongo zur Heimat und zum Lebensmittelpunkt geworden.
"Nicht hauptberuflich Migrant"
Genauso wie für Sinan Ertuğrul, der gar nicht Gastarbeitersohn genannt werden will und sich sein Studium der Politikwissenschaft mit dem Taxifahren finanziert hat. Sein Beitrag im Sammelband dreht sich dann auch um eine Taxifahrt im Frühling mit einer betagten Dame aus dem feinen Wien-Döbling als Passagierin, die mit dem Taxler ins Gespräch kommt und ihm von einer alleinstehenden Bekannten erzählt, um die sich niemand kümmert und die bald ins Altersheim muss.
Ertuğrul schreibt über den Beruf des Taxifahrers und die Anonymität im Taxi, die viele Fahrgäste dazu verleitet, auch Privates aus ihrem Leben auszuplaudern. Sein so genannter Migrationshintergrund, Debatten über Identität oder das Anders- und Fremdsein interessieren ihn nicht und beherrschen auch nicht seinen Lebensalltag. "Über Identität muss ich dann nachdenken, wenn ich von anderen damit konfrontiert werde", sagt Ertuğrul. Wenn also andere wissen wollen, woher er kommt, oder als was er sich fühlt, als Österreicher, Migrant, Gastarbeiterkind, Türke? Als Taxler, Politologe und Philosoph würde er wohl am ehesten antworten.
"Es ist kein Buch über die Menschen, sondern von den Menschen. Sie schildern ihre Sicht auf die Welt und schreiben über ihren normalen Alltag. Diese Menschen sind ja auch nicht hauptberuflich Migrant", betont Nikolaus Heger, Geschäftsführer des Afro-Asiatischen Instituts in Wien-Alsergrund.
Die ewigen Migranten?
Espérance-François Bulayumi, der die Idee zum Sammelband hatte, versteht nicht, warum Menschen, die seit Jahren und Jahrzehnten in Österreich leben und arbeiten immer noch als Migranten bezeichnet werden. "Das sind unsichtbare Leute, die hier viel gemacht haben, Österreich ist durch sie bunter geworden, es hat sich nicht abgeschafft", sagt Bulayumi. Er wollte mit den individuellen Erzählungen im Buch "Rot-Weiß-Rot" auch bewusst einen Gegenpol bilden zu den mittlerweile zahlreichen Sachbüchern über (partei-)politische Integrationsdebatten und der kommunitaristischen Kategorisierung von Einwanderern in bestimmte Gruppen.
"Ich wollte kein Buch über die Serben, die Türken oder die Afrikaner in Österreich herausgeben. Ich wollte auch nicht die Vereine sprechen lassen, sondern die einzelnen Menschen, die hier leben", so Bulayumi. Eben weil nicht die üblichen Verdächtigen zu Wort kommen, weil nicht ein Minister, ein Staatssekretär, ein Experte oder ein Vereinsobmann oder ein auserkorener Vertreter einer bestimmen Migrantengruppe zu Wort kommen, ist der von ihm herausgegebene Sammelband äußerst lesenswert.
Oder wie es Mitra Shahmoradi-Strohmaier, auch nicht Migrantin von Beruf, sondern freischaffende Malerin und Lyrikerin, die in "Rot-Weiß-Rot" mit ihrem ersten Prosatext aufwartet, ausdrückt: "Ich habe mich nicht als Fremde gesehen, sondern die anderen haben mich als Fremde gesehen." (Güler Alkan, daStandard.at, 25.6.2012)
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Ansonsten: Danke für den Artikel!
Na das hört sich doch mal lesenswert an. Ich werde sicher sein, es auf meine Kaufliste zu setzen, danke für den Tip.
Was "Vereine" zu sagen haben, "NGO", oder Zeitungstanten, ist ja hinlänglich bekannt. Deshalb ist es einmal erfrischend, die wenigen direkt zu "hören", und in Ihre Geschichte einzudringen.
Solche Anknüpfungspunkte benötigt es, meiner Meinung nach, um so manche die es offensichtlich wollen, hier zu verwurzeln. Das hilft zwar nicht gegen das "fremd" aussehen, etwas über das auch ich mir in einem anderen Zusammenhang meine Gedanken mache, aber es schafft Verständnis.
P.s. und nicht als Scherz oder Spöttelei gedacht. Als ich Foto Nummer 1 sah, habe ich mir gedacht, dass das Gesicht wegzensuriert worden wäre. Und erst bei näherem Hinsehen war zu erkennen, dass da einfach schlechte Lichtverhältnisse vorherrschen, die sein Gesicht so erscheinen lassen. Könnte vllt. nach bearbeitet werden, zum besseren erkennen, falls sich die Redaktion dahin gehend Mühe machen will.
die jeder Migrant, ja jeder Mensch schlechthin verdient.
Dass aber Leontine Ngongo nicht automatisch als Krankenschwester anerkannt wurde, obwohl sie in der DR Kongo eine entsprechende Ausbildung erhalten hatte, kann ich angesichts meiner persönlichen Erfahrung in einer Klinik im Kongo nur gut heißen.
Aber wo wiederum steht geschrieben, dass man Menschen, auch wenn man ihre Ausbildung nur bedingt anerkennt, deswegen nicht respektvoll behandeln muss?
ganz abgesehen davon klang mir da ein bisschen durch, als ob eine "schüsselschwester" etwas minderes sei, der - im gegensatz zur diplomkrankenschwester - nicht unbedingt respekt gebühre (sie war ja schließlich was "besseres").
aber vielleicht bin ich einfach nur zu empfindlich ...
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