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Nach einem Monat habe ich satte 500 Euro verdient und gehe zum Sozialamt, um das, was zur Grundsicherung fehlt, von der Republik zu erbitten.
Ob ich vom Schreiben leben kann? Alles andere, so meint ein Leser, wäre eine unglaubliche Verschwendung. Was mir sehr schmeichelt. Ein anderer Leser zieht einen Vergleich zu Rosamunde Pilcher. Dazu kann ich nur sagen, dass es mein größter Wunsch ist, eines Tages unter folgendem Epitaph zu ruhen: "Er schrieb genauso schlecht wie Rosamunde Pilcher - und war genauso reich!" Ich denke, das ist bescheiden genug. Die Realität eines Schreiberling-Lebens indes ist äußerst profan ...
Die Maßnahme
Es ist nur wenige Wochen her. Ich sitze Frau Magistra O. gegenüber. Sie ist die Leiterin des Kurses, den ich im Zuge der Bemühungen des Arbeitsmarktservice, mir einen echten Job zu vermitteln, besuchen muss. Im Jargon des AMS ist das eine Maßnahme zu nennen. Frau Mag.a O. bespricht mit mir das Kursangebot. Im Programm sind ein Deutschkurs, ein Workshop über das richtige Erstellen von Bewerbungsschreiben, ein Workshop über das richtige telefonische Bewerbungsgespräch, eine Diätberatung, eine Schuldenberatung und irgendwas, das mich auf ein Leben als Töpfer vorbereiten soll.
Während ich ihrer Stimme lausche, denke ich nur an die Verschwendung der Schönheit dieser wunderbaren Frau. Tagein, tagaus sitzt das langbeinige, großäugige, perfekt gebaute weibliche Überwesen in einem Büro und muss Leuten, die noch hoffnungslosere Fälle sind als ich, die Sinnhaftigkeit der Kunst der Verarbeitung von Ton zu bunten Wandtellern, Aschenbechern und Vasen nahebringen. Um diesen Job ausüben zu können, muss Frau Mag.a O. ein abgeschlossenes Studium der Psychologie vorweisen können. Zu Recht! Denn einer wie ich hört ihre Worte wohl und möchte mit aller Kraft glauben, was sie sagt. Doch in meinem Kopf schlingen sich diese Beine, die nicht zum ordinären Gehen geschaffen sind, sondern zum Vermessen dieser Welt, um meine Taille, und die einzigen Worte, die sie spricht, lauten: "Nimm mich, Silberrücken! Nimm mich hier! Nimm mich jetzt!" Später, zu Hause, sitze ich an meinem Netbook und verfasse einen Widerspruch zur Maßnahme, den ich am nächsten Tag als eingeschriebene Briefsendung an das AMS schicke.
Anus Mundi
Es ist nur zwei Jahre her. Ich habe einen echten Job. Aus dem WWW. Ein Callcenter sucht Mitarbeiter, die Menschen überzeugen können, für lauter gute Sachen Geld per Einziehungsauftrag abzudrücken. Die guten Sachen betreffen den Schutz aussterbender Egel, Clowns, die in Spitälern todkranken Kindern den Rest geben, oder Vereine, die Handys für hungernde Afrikaner organisieren, damit diese endlich eine Pizza bestellen können. Ich fühle mich gut! Denn ich habe nicht nur einen Job: Ich helfe, das Leid der Welt zu mildern. Kann das Leben sinnvoller sein?
Hier gibt es ein motivierendes Belohnungssystem. Wer einen Abschluss tätigt, trägt das für alle anderen sichtbar auf einer Tafel ein und darf anschließend fünf Minuten Pause machen. Ich bekomme sogar eine Pause von zehn Minuten, weil ich eine 90-jährige Frau überzeuge, mir ihre Kontonummer aufzusagen, damit russische Kinder Deutsch lernen können. Die alte Dame findet diese Idee besonders gut, weil sie meint, damit dem Tod ihres Mannes einen gewissen Sinn zu geben. Der Mann der alten Dame, so erzählt sie mir, sei "damals" bei Stalingrad umgekommen, als sein Panzer explodiert ist. Fast will ich ihr sagen, dass dieser Panzer von "damals" nicht ihrem Mann gehörte, sondern Adolf Hitler. Aber im Interesse meiner Pause und der guten Sache unterlasse ich diese Belehrung.
Nach einem Monat habe ich satte 500 Euro verdient und gehe zum Sozialamt, um das, was zur Grundsicherung fehlt, von der Republik zu erbitten. Meine Betreuerin beim Sozialamt jedoch erklärt mir, dass für diese Art Job keine Unterstützung vorgesehen ist. Sie rät mir, die Arbeit im Callcenter aufzugeben, in einem Monat wiederzukommen und erneut einen Antrag auf Sozialhilfe zu stellen, der bestimmt in zwei Monaten positiv beschieden werden wird. Einen Rat, wie ich mit 500 Euro bis zu diesem Zeitpunkt überleben soll, hat sie nicht. Seit dieser Zeit wird mir übel, wenn ich Pasta und Tomatenmark im Supermarkt auch nur sehe. Und wünsche mir ein Handy, um eine Pizza aus Afrika zu bestellen.
Tarnen und Täuschen
Es ist nur wenige Monate her. Herr Slobodan richtet sich im Lager im Hof, unter meinen drei Fenstern, ein. Er ist Waschmaschinendealer und hat ein Problem. Manche seiner potenziellen Kunden trauen ihm nicht, weil er zu tschuschig aussieht und schlecht Deutsch spricht. Also mache ich für ihn den Austriaken. Weil ich gar nicht tschuschig aussehe und perfekt Deutsch spreche, obwohl ich schon seit 40 Jahren in Wien lebe. Meine Kunden, deren Vertrauen ich durch diese Mimikry gewinnen soll, sind Türken, Ex-Jugos und manchmal auch Asiaten, die allesamt halt anderen Tschuschen nicht über den Weg trauen. So lobe ich fünf Jahre alte Waschmaschinen als fast neue Geräte, die meine Mutter in Wien zurücklässt, weil sie beschlossen hat, mit Herrn Jorge nach Spanien zu ziehen, um Oliven zu malen. Künstler halt.
Ich bekomme für jede verkaufte Waschmaschine 20 Euro in bar und total schwarz. Dieses Geld investiere ich in Windeln, Kakao und Spielzeug aus China. Meiner Freundin kaufe ich eine Jahreskarte für den Zoo, das Technische Museum und einen Fitnessclub. Frau Mag.a O. schicke ich einen Wandteller aus Ton. Mit Widmung.
Die Internationale erkämpft des Menschen Recht!
Seit März 2012 schreibe ich nun diese Kolumne. Eines der ersten Postings ist zugleich mein liebstes. Ich zitiere und bitte den Lektor von derStandard.at, das Zitat unverändert zu lassen: "VORSICHT!!! Achtung, Herr Balkansky ist ein fanatischer Atheist mit Missionierungsgehabe. Wäre ich bösartig, würde ich sagen, er ist dem Bolschewismus nahe? (sic!) Jedenfalls hasst er alles Religiöse wie die Pest und ist damit nicht ungefährlich."
Das muss jemand sein, der mich von früher kennt. Bis jetzt überlege ich eine Antwort. Allein, es will mir keine einfallen! Zum Schluss noch dies: Naturschutz ist gut. Kranke Kinder aufzuheitern ebenfalls. Armen Menschen in Afrika und sonst wo zu helfen ist ehrenwert - die Arbeit in einem Callcenter hingegen ist das Letzte! Die Mitarbeiter des AMS und des Sozialamtes sind stets sehr nett zu mir, wofür ich durchaus dankbar bin. Und, ach (!): Missionierung ist nicht die Domäne der Atheisten. Punkt. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 29.6.2012)
Wer keine allzu großen Probleme zu lösen hat und einer ist, der auch keine macht, soll meinetwegen kiffen
Der berühmteste Österreicher aller Zeiten spielt in der Geschichte meiner Familie eine große Rolle
Meine Vorschatten kommen aus Dörfern, sind kleine Bauern, Handwerker und Händler. Sie irren über den Balkan und darüber hinaus, getrieben von Kräften, die größer sind als ihre kleinen, unbedeutenden und beschwerlichen Leben
Weil ich für eine Plattform schreibe, die dem Migrantischen und dem Integrativen verpflichtet ist und weil ich ein Migrant bin und integriert, will ich heute auch meinen Senf zum Thema "Bushido" ablassen
In der Schule werden wir Kumpel weil er sich über meine Schwester beschwert. Er sagt, sie sei ein unglaublicher Geizhals, der sich nicht einmal mit dem Hinweis auf die Solidarität unter uns Tschuschen anschnorren lässt. Oder anbaggern. Ich nicke stumm und biete ihm eine Zigarette an
Einst denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts allein in Zügen aufwacht. Doch Jahre später, als mich der Besitz eines Automobils so richtig erwachsen macht, denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts alleine im Auto nicht einschläft
Um in Österreich Fluglotse zu werden, so heißt es, muss man räumliches Vorstellungsvermögen, Verständnis für Technik, Teamgeist und Verantwortungsgefühl im Übermaß haben
Während der letzten zwei Wochen blattert unser Sohn feucht vor sich hin. Und darf nicht in den Kindergarten. Bis die roten Wimmerln verheilen habe ich keine Zeit zum Schreiben. Aber ich habe genug Zeit um in Texten zu stöbern, gerettet aus den Trümmern meiner vorletzten Festplatte
Es bedeutet nur "außerhalb der Regel" und so nennt man in Dalmatien Sportarten mit Abenteuergeschmack. Doch für die Stivanjani sind es mehr als bloß zwei Worte, seit einer von Ihnen daraus eine öffentliche Party macht, die eine ganze Woche des Mittsommers in Sutivan tobt
Onkel Rifat kommt aus Ägypten, lernt in Beograd meine Tante Iva kennen und fährt für dubiose Geschäfte nach Triest und Alexandria, wo sein Devisenkonto liegt
Wovor sich ein Balkan-Scheißmacho-Partisanenenkel-Oberkotzbrocken fürchtet
Es ist fast wie mit der Erfindung des Rades. Alle Kommunisten aller Länder meinen gleichzeitig, das Wohnglück der Arbeiterklasse in den Plattenbauten von Neustädten zu erfinden
Die Erleichterung kommt schnell, weil im Wartebereich der chirurgischen Abteilung sonst niemand wartet. Wir sind im Pavillon 16 in Lainz, es ist Samstag
Am Ende eines anstrengenden Tages, wenn nichts mehr eilig ist, döse ich oft in der U6, und meine Tagträume vermischen sich mit dem Zischen der Türen und Wortfetzen
Wer in Dalmatien männlichen Geschlechtes und zwischen dem Anfang und dem Ende der Pubertät ist, wird Mulac genannt. Die herausragende Eigenschaft die den Mulci anhängt, ist das intensive Betreiben von Unfug aller Art
Als Papa mich das erste Mal prügelt, bin ich gerade zwei. Ich kann mich nicht erinnern und weiß es nur aus Erzählungen von Mama. Alle späteren Prügel bleiben ein blasser Erinnerungsbrei, weil es so viele sind
Ich habe schon von ihr geschrieben: der Prostituierten Ivana, meiner Meidlinger Nachbarin. Hier ist ihre ganze - und ganz und gar traurige - Geschichte
Die Idee ist einfach: Jemand mietet eine Yacht für zwei Wochen, fährt aber nur eine Woche, die zweite überlässt er den Kindern von "Mirno More". Das bedeutet "friedliches Meer" und ist der Gruß der Seefahrer Dalmatiens
Die Missgeschicke anderer zu genießen ist nur die halbe Kunst. Man muss stets bereit sein, die eigene Malaise auszukosten
"Die Spira" feiert ihren Siebziger in einem Ottakringer Wirtshaus und ist aufgeladen wie eine fabrikneue Autobatterie
Selbstverständlich liebe ich meine Familie. Darüber hinaus erheitern Sex, Drugs and Rock'n'Roll jenen Teil meines Hirns, der von der mächtigen Eidechse abstammt. Irgendwo dazwischen ist meine persönliche Twighlight Zone der Freude am Missgeschick anderer
Grad hat man einen teuren, schlechten Film über Jesu Wiederkunft in Sachen Weltuntergang gedreht. Von Weltuntergängen halte ich nix. Von Jesu Geburt hingegen sehr viel. Besonders dann, wenn ich sie mir in Simmering unserer Tage denke
Es gibt fünf Dinge, die ich mehr hasse als den Winter in Wien
In den letzten Wochen sterben drei Menschen, die ich kenne und zwei weitere liegen im Koma ohne Wiederkehr. Wien im Winter scheint mir besonders morbid, allemal zu Weihnachten
Ich bin g'rad intelligent genug, um zu wissen, dass ich nichts Weltbewegendes dazu sagen kann, was nicht schon längst gesagt ist
Nach der Insolvenz meines Arbeitgebers sitze auch ich in einer AMS Maßnahme. Dem Steuerzahler sei Dank. Was ich aber nicht so meine, sondern ich meine der Steuerzahler soll endlich begreifen, dass Steuerzahlen bis zu einem gewissen Grad Verschwendung von Lebenszeit durch Arbeit ist. Zumindest jener prozentuale Anteil davon der für die Finanzierung von AMS Maßnahmen seine Verwendung findet.
Ich sitze also, einer irgendwie unverbindlich sympathischen freiberuflichen Trainerin gegenüber die mir für ein Einzelcoaching gebucht wurde. Einzelcoaching löst bei mir ein erfreutes "endlich kümmert sich mal wer um mich" Bild aus. Leider meint das AMS damit aber etwas anderes.
So ein bisserl naive Unschuld hat sie rübergerettet in ihr neues AMS abhängiges Leben. Der Flyer zu ihrer Beratungs- und Coaching Firma eine Spur zu großartig nicht nur weil in Großbuchstaben verfasst. Wunsch und Wirklichkeit denke ich, aber was weiß ich von Marketing. Naja, jede wie sie will. Ich will eher so eine Qualitäts-rund-um-Versorgung und nicht darüber zu diskutieren ob weißes Papier für Bewerbungsschreiben grad en vogue ist. Da muss sich mehr machen lassen. Persönlichkeitsbezogen meine ich.
Man muss sich niemanden schön saufen, eine unverbindliches fünf mal eine Stunde Coaching ist auch irgendwie sexy. Ich wäre jetzt mal so 65% scharf und leider grad zu 100% fertig mit dem Ausfüllen eines Fragebogen, der das Ende der ersten Coachingeinheit bedeutet.
ist ihre ganz persönliche vorstellung. dass das so geschehen ist, und nicht etwa satire, ebenfalls. so hat halt jeder sein eigenes bild zu einer geschichte, die mit pilcher etwa so viel zu tun hat wie lila mit grün (ps: sind beides farben)...
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