"Bei uns werden primär Schwächen sanktioniert"

Interview |
  • Bildungsexperte Mario Steiner
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    Bildungsexperte Mario Steiner

Österreichs Bildungssystem ist defizitorientiert und kann mit Migrantenkindern nicht umgehen, sagt der Soziologe Mario Steiner

Viel wurde in den letzten Wochen über das Thema Schulschwänzen als Einstieg in den Bildungsabstieg, besonders im Zusammenhang mit Schülern nichtösterreichischer Herkunft, diskutiert. Warum spezifische MigrantInnen-Studien nicht sinnvoll sind, Schulschwänzen nicht der zentrale Aspekt beim Bildungsabstieg ist und die Finnen die besseren Schulen haben, erzählt Mario Steiner, Soziologe am Institut für Höhere Studien in Wien und Autor zahlreicher Studien zum Thema frühzeitiger Schulabbruch und Schulversagen, im Interview mit daStandard.at.

daStandard.at: In den letzten Wochen geriet das Thema Schulschwänzen sowohl medial als auch auf bildungs- und integrationspolitischer Ebene wieder massiv in den Blickpunkt. Ist Schulschwänzen wirklich der viel zitierte Einstieg in den Bildungsabstieg?

Steiner: Es ist sicher ein Aspekt in dem Zusammenhang. Meine Recherchen und Analysen unterstützen aber nicht, dass es der hauptsächliche Aspekt ist. Wenn man sich die Frage stellt, was die Ursachen für Early School Leaving (frühzeitigen Schulabbruch, Anm.) sind, dann muss man zwischen zwei Ebenen unterscheiden. Einerseits die Systemebene, also bestimmte Merkmale des Bildungs- und Beschäftigungssystems, die dazu beitragen, dass eine Early-School-Leaving-Quote höher oder niedriger ist. Auf der anderen Seite sind es individuelle Merkmale oder Problemlagen, die dazu beitragen, dass jemand vorzeitig seine Laufbahn abbricht.

daStandard.at: Welche Faktoren sind auf der Ebene des Bildungs- und Beschäftigungssystems maßgebend für einen frühzeitigen Bildungsabbruch?

Steiner: Auf der Systemebene gibt es mehrere Punkte anzuführen. Wenn man sich die Early-School-Leaving-Quoten im europäischen Vergleich anschaut, sind die ja sehr unterschiedlich. 

Je höher die Beschäftigungschancen von Early School Leavers sind, desto höher ist in den einzelnen Ländern die Early-School-Leaving-Quote. Das heißt, das Beschäftigungssystem kann eine Art von Pull-Wirkung haben, Jugendliche dazu zu motivieren, vorzeitig aus dem Bildungssystem auszusteigen, weil sie eben auch ohne Abschluss Chancen haben.

Der zweite Zusammenhang, den man im internationalen Vergleich feststellen kann, ist, dass die Early-School-Leaving-Quote umso geringer ist, je höher der Anteil der Jugendlichen in der Berufsbildung, also je stärker das Berufsbildungswesen in einem Land ausgebaut ist. Dafür ist Österreich ein gutes Beispiel. Wir haben ungefähr 80 Prozent der 15- bis 18-Jährigen in berufsbildenden Ausbildungsgängen und eine relativ niedrige Early-School-Leaving-Quote. Das sind schon zwei wesentlich globalere Argumente, die zeigen, was Einfluss auf Early School Leaving nimmt - jenseits vom Schwänzen.

daStandard.at: Welche Faktoren sind auf der Ebene der individuellen Merkmale maßgeblich?

Steiner: Das beginnt einmal mit einer Vielzahl von Selektionserfahrungen. Unser Bildungssystem ist ja sehr selektiv. Bei uns werden primär die Schwächen sanktioniert und nicht die Stärken gefördert. Die Jugendlichen werden sehr früh in verschiedene Ausbildungsgänge aufgeteilt und haben unterschiedliche Chancen, die damit verbunden sind. Auf dieser Basis sammeln Jugendliche potenziell sehr viele Misserfolgserlebnisse im Laufe ihrer Bildungskarriere, das untergräbt das Selbstvertrauen und die Motivation, was wiederum dem vorzeitigen Bildungsabbruch Vorschub leistet.

Ein weiteres Problem ist eine gewisse Orientierungslosigkeit unter den Jugendlichen. So passiert es oft, dass Jugendliche in die falschen Ausbildungsgänge kommen und mit der Zeit diese abbrechen. Ganz zu schweigen davon, dass wir keine Berufs- oder Bildungsorientierung haben, die potenzialorientiert wäre.

Unser Bildungssystem lagert auch sehr viel an Lernleistung aus. Die Jugendlichen sind einen halben Tag in der Schule, und der Rest der Lernleistung muss am Nachmittag durch Hausaufgaben nachgeholt beziehungsweise privat erbracht werden. Wenn die Eltern nicht über die finanziellen Ressourcen verfügen, um diese Unterstützungsleistung im Sinne von Nachhilfe zum Beispiel zuzukaufen, dann führt der Ressourcenmangel zu Leistungsdefiziten, die wiederum vorzeitigen Bildungsabbruch fördern.

daStandard.at: Sie haben ein sanktions- statt eines potenzialorientierten Schulsystems als Faktor für vorzeitigen Schulabbruch genannt. Vor kurzem wurde ein neues Maßnahmenpaket bei Schulpflichtverletzungen eingeführt, das neben vermehrter Einbeziehung von Schülerberatern auch eine Verdoppelung der Strafen für Schulschwänzen vorsieht. Ist diese Verschärfung der richtige Weg?

Steiner: Erstens muss man feststellen, dass es zum Schwänzen keine validen Daten gibt, nur punktuelle Untersuchungen. Es gibt auch kein Monitoring, so dass man sagen könnte, wer in höherem Ausmaß davon betroffen ist, geschweige denn, um welchen Anteil der Jugendlichen es sich dabei handelt. Die Strafen, wie sie jetzt in Diskussion sind, sind der völlig falsche Ansatz. Man müsste eher die Frage stellen: Was ist denn die Ursache dafür, dass Jugendliche schwänzen? Wir haben eben ein sehr selektives Bildungssystem, wo mehr auf Schwächen geschaut wird, als Stärken zu fördern. Das demotiviert die Jugendlichen und fördert so auch das Schwänzen. Wer setzt sich schon gerne freiwillig einer Situation aus, wo ihm ständig gesagt wird, wie blöd er ist?

Man muss sich auch die Frage stellen, was getan werden könnte, um den Unterricht interessanter zu gestalten. Wäre es nicht sinnvoller, mehr projektorientiert und fächerübergreifend zu unterrichten statt im Frontalvortrag im 50-Minuten-Takt? Denn das ist nicht die Form, wie Kinder und Jugendliche gern und viel lernen. Das Bildungssystem als solches hätte noch viele Hausaufgaben zu erfüllen. Es ist relativ billig, den Jugendlichen und Eltern den Schwarzen Peter zuzuschieben und Strafen auszusprechen.

daStandard.at: Die nicht repräsentative Pilot-Studie zum Schulschwänzen, die die Diskussion über härtere Sanktionen bei Schulpflichtverletzungen entfachte, konzentriert sich auf SchülerInnen mit Migrationshintergrund. Halten Sie Studien, die bei Schulschwänzen und schulischem Misserfolg den Fokus allein auf Jugendliche mit Migrationshintergrund richten, für sinnvoll?

Steiner: Ich bin davon überzeugt, dass Personen mit Migrationshintergrund einer speziellen Unterstützung bedürfen. Ich glaube aber nicht, dass es Sinn macht, spezielle MigrantInnen-Studien in Auftrag zu geben. Es ist ein Faktum, dass das österreichische Bildungssystem mit seinen migrantischen Kindern und Jugendlichen nicht gut umgeht. Gutes Indiz dafür sind die PISA-RisikoschülerInnen. Darunter werden zum Beispiel Jugendliche verstanden, die nicht sinnerfassend lesen können. Dieser Anteil liegt in Österreich bei den MigrantInnen bei 64 Prozent, das ist beinahe ein Weltrekord. Es gibt nur noch zwei Länder weltweit, die das übertreffen. Wenn ich mich recht erinnere, sind das Kasachstan und Mexiko. Österreich ist da OECD-weit an drittschlechtester Stelle. 

Das heißt, dass das österreichische Bildungssystem verglichen zu vielen anderen Bildungssystemen es viel weniger gut schafft, den eigenen MigrantInnen die Sprache des Landes beizubringen. Warum schafft es das finnische Bildungssystem, den MigrantInnen Finnisch beizubringen, aber wir schaffen es nicht, den MigrantInnen Deutsch beizubringen? Das ist ein Indiz dafür, dass bei der Integration von MigrantInnen in das Bildungssystem massiver Handlungsbedarf besteht. Es ist auch zu billig, sich auf nicht vorhandene Sprachkenntnisse auszureden, weil die nicht vorhandenen Sprachkenntnisse auch in anderen Ländern der Fall sind, aber es dort offensichtlich möglich ist, diese Sprachkenntnisse auch zu vermitteln.

daStandard.at: Sehr oft werden die Bildungssysteme in den skandinavischen Ländern als Vorzeigemodelle genannt. Sie haben gerade das finnische Bildungssystem angesprochen. Was ist das Erfolgsgeheimnis der finnischen Bildungspolitik?

Steiner: Als am effektivsten erweist sich ein Bildungssystem, das über autonome Schulen, auch im Hinblick auf Budget und Personal, verfügt. Wo sich die einzelne Bildungsinstitution für das Ergebnis ihrer Interventionen, sprich für die Lernleistung der Schüler, verantwortlich fühlt, gibt es auch sehr niedrige Early-School-Leaving-Quoten. Diese Schulen können selbst entscheiden, wie sie ihre Ressourcen einsetzen, ihre Lehrer selbst einstellen, die Direktoren werden unabhängig von jeglicher politischer Couleur bestimmt. Da haben wir in Österreich den gegenteiligen Ansatz. Gleichzeitig sind solch autonomen Schulen im Sinne des Bildungsergebnisses, das einem externen Monitoring unterliegt, der Öffentlichkeit gegenüber verantwortlich.

Andere interessante Ansätze finden wir zum Beispiel in den Niederlanden, dort werden Schulen in Abhängigkeit von der sozialen Struktur der SchülerInnen unterstützt. Da gibt es Zuschüsse, wenn der Migrantenanteil hoch ist oder diverse andere Benachteiligungsmerkmale vorliegen. Das Charmante dabei ist, dass das die Integration fördert, weil es der Ghettobildung vorbeugt. Migrantische SchülerInnen werden begehrt, weil sie mit Geld verbunden sind.

daStandard.at: Welche Maßnahmen würden Sie vorschlagen, um vorzeitigem Schulabbruch entgegenzusteuern? Ist die Gesamtschule der erste Schritt dazu?

Steiner: Die Gesamtschule als solche trägt nicht dazu bei, dass die Early-School-Leaving-Quote niedriger ist. Wozu sie aber sehr wohl beiträgt, ist die Reduzierung der sozialen Ungleichheit. Wir wissen, dass das Problem vorzeitiger Schulabbruch in Österreich hochgradig sozial ungleich verteilt ist, mit den Gesamtschulen hätten wir da einen indirekten Effekt. Was es aber an allererster Stelle braucht, sind präventive Maßnahmen im Bildungssystem, die verhindern, dass es überhaupt zum vorzeitigen Bildungsabbruch kommt. Solange wir ein selektives System haben, brauchen wir uns nicht wundern, wenn am Schluss welche übrig bleiben. Es ist ja Sinn und Zweck von Selektion, dass welche hinausgeschmissen werden. (Alkan Güler, daStandard.at, 2.7.2012)

Hintergrund: Vorzeitige Schulabbrecher

Als vorzeitige Schulabbrecher (Early School Leavers) werden jene 18- bis 24-Jährigen definiert, die keinen Abschluss in der Sekundarstufe II haben, das heißt, ihre Bildungskarriere gleich nach der Pflichtschule beenden und sich auch nicht in weiterführender Schul- oder Berufsausbildung befinden bzw. die Ausbildung auf Sekundarstufe II vorzeitig abbrechen. In Österreich liegt die Schulabbrecherquote aktuell bei 8,3 Prozent (Stand 2011) und damit unter dem EU-Benchmark, der 2010 im Rahmen der "Europa2020"-Wachstumsstrategie der Europäischen Kommission eingeführt wurde und bis 2020 eine Reduzierung der Schulabbrecherquote auf weniger als zehn Prozent im gesamten EU-Raum vorsieht. Mario Steiner warnt aber davor, sich von der niedrigen Schulabbrecherquote in Österreich allzu sehr schmeicheln zu lassen. Ginge man nämlich nicht von einer abschluss-, sondern einer kompetenzorientierten Definition von Early School Leaving aus, wäre laut Steiner der Anteil der sogenannten PISA-RisikoschülerInnen, also jener, die nicht sinnerfassend lesen können und die Grundrechnungsarten nicht beherrschen, heranzuziehen. In Österreich liegt der Anteil der PISA-RisikoschülerInnen laut dem Experten bei 27,5 Prozent und ist damit im OECD-Schnitt alarmierend hoch.

>>> Migrantische Schulkarrieren

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