Strafen für Schulschwänzer: Herkunft und Hinkunft

Kommentar | Mascha Dabić, 3. Juli 2012, 19:57

Bestraft werden auch Eltern, die Probleme mit der Erziehung ihrer Kinder haben - Indirekt werden zerrüttete Eltern-Kind-Beziehungen sanktioniert

Wenn Hänschen Schule schwänzt, wird aus Hans nie und nimmer ein guter Steuerzahler - es mag diese Angst sein, die bei den Entscheidungsträgern umgeht, und möglicherweise ist sie gar nicht einmal so unbegründet. Die Politik will daher mit strengen Maßnahmen einem Phänomen, das so alt ist wie die Schule selbst, den Garaus machen. Im Ministerrat wurde ein Stufenplan beschlossen, der in Härtefällen eine Strafe von 440 Euro vorsieht. Die Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller stellte gar die Idee in den Raum, Eltern von Schulschwänzern die Familienbeihilfe zu streichen. Auf höchster Ebene wird also geradezu mit einem absurden Elan agiert. Warum eigentlich? Ist es die Aufregung wert?

Schulschwänzen vs. Schulerfolg

Die wirklich wichtige Frage ist nämlich: Wie verhält sich Schulschwänzen zum Schulerfolg? Ist ein Schüler, der jeden Tag zur Schule geht, garantiert besser als einer, der es mit der Anwesenheitspflicht nicht so genau nimmt? Was ist mit der geistigen Anwesenheit beziehungsweise ihrem Gegenteil, dem Verweigern einer aktiven Teilnahme am Unterricht? Sollte man das Dösen im Unterricht oder das hartnäckige Aus-dem-Fenster-Starren-und-eigenen-Gedanken-Nachhängen nicht auch finanziell sanktionieren? Zugegeben, der letzte Punkt ist reine Polemik. Wir wollen hier aber nicht Advocatus Diaboli spielen. Selbstverständlich ist die regelmäßige Anwesenheit eine Grundvoraussetzung für den schulischen Erfolg. Aber Anwesenheit ist sicherlich nicht die einzige und ausschlaggebende Komponente, und damit stellt sich die Frage, wie verhältnismäßig es ist, Eltern schulschwänzender Kinder ans Geldbörsel zu gehen.

Das Grundproblem des österreichischen Schul- und Bildungssystems, nämlich die Tendenz, soziale Differenzen zu reproduzieren, also im internationalen Vergleich wenig durchlässig zu sein, wird durch finanzielle Sanktionierungen auf eine groteske Weise nur noch verschärft. Für eine wohlhabende Familie sind 440 Euro ein Klacks; in einer weniger begüterten Familie reißt diese Summe ein Loch ins Familienbudget, was vermutlich nicht ohne gröbere familiäre Konflikte vonstattengehen wird.

Für das Leben lernen

Es hört sich in der Bildungsdebatte immer gut an, wenn Familien einbezogen werden sollen, wenn den Eltern Mitspracherecht eingeräumt wird oder wenn Eltern, wie in diesem Fall, "in die Pflicht genommen" werden. Aber wer tatsächlich verstärkt in die Pflicht genommen werden sollte, ist die Gesellschaft, das Schulsystem und die dahinterliegende unausgesprochene, weil unreflektierte Ideologie, mit der an die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen hierzulande herangegangen wird. "Familie" ist nämlich nicht nur ein intakter Hort der Geborgenheit und der Förderung, wie es konservative Kreise gerne insinuieren oder fantasieren. "Familie", das kann auch ein desolater Ort sein, wo Entwicklung verhindert und zerrüttete Beziehungen erlebt werden.

Es ist die Aufgabe des Schulsystems, eine echte sekundäre Sozialisation zu ermöglichen, Werte und Perspektiven zu vermitteln, die möglicherweise über das, was Kinder von ihrer Herkunftsfamilie her kennen, hinausgehen. Schule soll vermitteln, dass Bildung ein Reichtum ist, ein Instrument, um sozialen Aufstieg und so etwas wie individuelle Freiheit (auf vielen Ebenen) zu erlangen. Schüler und Eltern sollen Schule primär als eine unschätzbare Chance fürs Leben begreifen und nicht als eine Pflicht, die es mit möglichst geringem Aufwand zu absolvieren gilt.

Lernerfolg als primäres Ziel

Es ist nicht Aufgabe der Schule, Kindern vor Augen zu führen, dass sie aus desolaten Verhältnissen stammen und dass ihre Herkunft ihre Hinkunft bestimmen wird. Genau das macht aber eine Politik, die dem Schulschwänzen mit finanziellem Druck beizukommen versucht und die genau jene Familien, die ohnehin sozial, emotional und bildungstechnisch am schwächsten aufgestellt sind, am härtesten treffen wird. Familien, in denen Eltern und Kinder eine solide Beziehung haben, können sich in puncto Schulschwänzen nämlich leicht arrangieren: indem die Eltern ihren Kindern einfach nachträglich eine Entschuldigung ausstellen oder gar einen befreundeten Hausarzt um Mithilfe bitten - und Schwamm drüber. Der Haussegen wird durch die neuen Maßnahmen justament bei jenen Familien "am schiefsten" hängen, wo die geringsten Voraussetzungen für ein Aufwachsen und Lernen in Geborgenheit gegeben sind.

Es ist nachvollziehbar und begrüßenswert, dass die Politik gute Rahmenbedingungen für ein effizientes und modernes Schulsystem schaffen will. Maßnahmen, die Schwächste am härtesten treffen, bieten jedoch gewiss nicht das geeignete Instrumentarium. Im Zentrum der Reformbestrebungen sollte der Lernerfolg stehen: diesen kann man weder erkaufen (wenn auch Nachhilfe kurzfristig Abhilfe schaffen kann), noch durch Strafandrohungen erzwingen. Um den Lernerfolg zu steigern, braucht es subtilerer pädagogischer und didaktischer Methoden, aber auch eines Selbstbewusstseins der Lehrerschaft, die sich das Ziel an die Fahnen heften sollte, Kinder und Jugendliche aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit herauszuführen und sie zu motivieren, Schulbildung als eine unbezahlbare Ressource zu begreifen. (Mascha Dabić, derStandard.at, 3.7.2012)

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23 Postings
Der Erfolg der Jagd auf Schulschwänzer...

...wurde bereits 1941 in den USA nachgewiesen:
http://www.youtube.com/watch?v=GFzDnRaWM2E

Aber Ernst beiseite:

Sinnvoll wäre es auch, die Schulnoten entsprechend zu sanktionieren. "It´s Tooltime!"s Vorschlag:

Sehr gut => Weiterbezug der Familienbeihilfe plus 20,- Einmalzahlung als Bonus.
Gut => Weiterbezug der Familienbeihilfe.
Befriedigend => Halbieren der Familienbeihilfe bis zum nächsten Semester.
Genügend => Streichen der FB bis zum nä. Semester.
Nicht Genügend => mtl. Pönale in Höhe der FB bis z. nä. Semester.
Aus den Pönalen und den ersparten FB werden die Boni für die Sehr Gut finanziert, der Rest geht an eine zu installierende Lehrerurlaubskassa da diese ja gezwungen sind, immer zur Reisehochsaison Urlaub zu machen.

WTF??

1) die eltern, die strafe zahlen müssen, werden dann ihre kinderchen zuhause ordentlich verprügeln - jeder muss irgendwo seinen druck ablassen!
na vielleicht ist das ja erwünscht .. eine tracht prügel .. aber von den lehrern darfs ja (leider) keiner mehr machen ..

2) schule schwänzen ist wichtig! für die schüler, die auf andere gedanken kommen und abschalten und für die lehrer .. die a ruh von den müshamen schülern haben

--> und offenbar kann man damit geld machen
interessantes konzept! und so einfach!

übrigens: super artikel! danke

Ist doch eine gute Sache, wenn es Druck auf die Eltern gibt, dass die Kinder etwas lernen, oder?

Und die finanzielle 'Karte' ist absolut sinnvoll, denn eine wohlhabende Akademiker-Familie will ohnehin, dass das Kind in die Schule geht.

Bei einer 'bildungsfernen' Unterschicht-Familie hat das Schule-Gehen des Kindes aber weniger Priorität. Also gut, wenn man diese Leute 'motiviert', dass sie dafür sorgen, dass aus ihren Kindern 'etwas werden' kann!

eine wohlhabende akademikerfamilie - gehen sie mal zum ams abteilung akademiker

arme leute : keine akademiker -nach ihrer logik. arme oder nicht akademiker wollen dem nach nicht, dass ihre kinder lernen können...?

erzählen sie das einmal dem österreichen bauernbund oder den handwerkern...

Schule schwänzen vs. Schule verweigern

in dieser Debatte, auch in diesem Artikel wird Schule Schwänzen mit Verweigern verwechselt. Niemand wird Eltern bestrafen, wenn ein Kind ab und zu schwänzt, va. wenn die Noten passen. Es gibt aber eine immer größer werdende Anzahl von Kindern die verweigern, oft mit dem Wissen und der Gleichgültigkeit ihrer Eltern. Hier auch über spürbare Sanktionen nachdenken halte ich für notwendig. Diese stehen ja eh nie zu Beginn, sondern nach vielen anderen Versuchen, das Kind wieder regelmäßig in die Schule zu bekommen.

sozialer aufstieg ist gerade dann möglich,wenn nicht alle eine sehr gut (aus)bildung haben, das ist der pudelskern.

da brauch ich nicht weiter reden,wenn alle in wien eine dr. hätten, gäbe es auch keinen soziale und finanziellen aufstieg für alle. selbst als akademiker ist man davor nicht mehr gefeit...

wann hört man endlich auf, die (aus)bildungslüge zu predigen? auf dem arbeitsmarkt ist sie nur was wert,wenn sie eine seltene ressource ist und von wenigen besessen wird.

wir leben in einem sozialdarwinistischen system, so ehrlich sollte man dann auch sich selbst gegenüber sein, wenn man was ändern will,dann muss man das globale system ändern, aber nicht diesen mist vom garantierten sozialen aufstieg predigen, den glaubt doch keiner mehr.

grundsätzlich glaube ich, dass man mit einer guten, an den bedürfnissen der wirtschaft orientierten ausbildung auch einen guten job bekommt.

problematisch ist der arbeitsmarkt lediglich für diejenigen die gar nichts können oder zB irgendwas an diesem vorbeistudiert haben und sich dann wundern warum es keinen passenden job gibt.

btw sollte man endlich mal wieder die lehre bzw. facharbeiterkarriere mehr bewerben. wir brauchen nicht 1000e gstudierte publizisten, politikwisschenschaftler oder psychologen. ein guter installateur, oder elektriker hingegen ist goldes wert!

Ich halte diese ganze Debatte für ein Symptom der Kommunikationsunfähigkeit der Bildungspolitik, der Schulbehörden, und auch von Lehrern und Eltern, aber auch der Öffentlichkeit, wenn es um Pflichtschul-Angelegenheiten geht.

Ich finde das einen Wahnsinn.

Jede/r LehrerIn und jede/r SchuldirektorIn, die halbwegs vernünftig ist und nicht total überlastet schließt sich doch als erste mit den Eltern kurz, wenn auffällig die Schule geschwänzt wird. Was sonst? Und dann schaut man halt, was möglich ist - ohne diese Haltung kann keine/r vernünftig arbeiten.

Und freilich ist das Problem der Schulverweigerung eines der Angst - der Erwachsenen. Dem muß man sich stellen! Was, wenn das Mädchen oder der Bub wirklich auf stur schaltet.... - berechtigte Sorge.

Dem hirnlosen Agieren - letztlich wissend-destruktiv - mit Strafdrohungen, die Situation noch enger, noch belastender zu machen, fehlt aber jegliche Berechtigung und Begründung.

Leute, lernt's miteinander Reden.

das mit dem Ja-Nicht-Druck-Ausüben macht die Schulpolitik jetzt seit einigen Jahrzehnten.

Eine befreundete Volksschullehrerin erzählte mir: theoretisch gibt es in ihrer Schule noch Betragensnoten. Praktisch traut sich niemand, etwas anderes als "sehr zufriedenstellend" zu geben, weil dann gleich die Hölle los ist. Nur in wirklichen Extremfällen kann was schlechteres gegeben werden - und nur mit Zustimmung der gesamten Lehrerkonferenz.

Und trotzdem wird immer gleich von der Rohrstaberl-Didaktik gejammert, so bald es nur kleinste Veränderungen gibt. - Die Strafe ist das letzte Mittel in einer langen Kette von Maßnahmen. Und das ist OK, weil sonst die Leute die Sache einfach nicht ernst nehmen.

meine rede. es sollte wieder mehr durchgegriffen werden können. kinder brauchen regeln und vor allem konsequenzen wenn diese gebrochen werden. heutzutage darf ein lehrer ja nichtmal mehr doppelte hausübung oder sowas aufgeben.

dieses kuschelweich-feelgood-alles-muss-spaß-machen-system das sich da immer weiter ausbreitet, rächt sich brutal sobald die kinder raus ins echte leben entlassen werden!

rächt sich brutal sobald die kinder raus ins echte leben entlassen werden!

Ja, das ist wahr.
Das heutige Kinderschulleben ähnelt den Bereitschaftsstellungen der Truppen im ersten Weltkrieg.
Dort schlug nur dann und wann eine Granate ein, es gab ausreichend Essen, trockene Unterstände, Entlausung und ein Bordell.
Zu lange in der Etappe und vollgegessen, verlernte der Soldat rasch das Leben im Trommelfeuer der Wirklichkeit in den vordersten Linien und büßte seine Instinkte ein, um in der Feuerwalze zu überleben.
Die Verluste der frisch ausgeruhten Truppen waren dann immer besonders hoch.
So wie im Great Meatgrinder "Arbeitsmarkt" heutzutage.

was habe sie geraucht - ihren benschibaum?

Wenn der Verlust der Kinderbeihilfe ein so großes Problem ist, müssen diese Eltern halt vorher mit der Schule kooperieren. Wohlgemerkt: der Entzug der Kinderbeihilfe ist die letzte Möglichkeit. Wenn Eltern mit der Schule kooperieren und versuchen, die Kinder zum Schulgang zu bewegen, wird keiner eine Strafe verhängen. Es geht aber um Eltern, denen völlig egal ist, ob der kleine Kevin oder Murat in die Schule geht. Eltern, die gar nicht mal reagieren, wenn die Lehrer sie kontaktieren.

Wenn dann viel Geld in der Familienkasse fehlt, werden Kevins oder Murats Eltern vielleicht mal zu denken beginnen!

Ich finde auch die Geldstrafe zu hoch. Aber ich kann auch nichts damit anfangen, dass man alles mögliche erfindet, um asoziale Eltern freizusprechen. Es geht darum, dass auch solche Eltern zu akzeptieren haben, dass es nicht in ihrem Ermessen liegt und genau das hat der Staat klarzustellen. Oder man überlässt es jedem selbst, ob nun der Pflichtschulbesuch erfolgt oder nicht, aber dann sollte die Schule pro besuchten Schultag bezahlt werden. Dann könnte man Geld einsparen. Das Geld wird man auch brauchen, wenn die Kids dann von der Schule in die Mindestsicherung gehen.

Tatsache ist, dass die momentanen Möglichkeiten um Schulschwänzen zu unterbinden umständliche und langwierige bürokratische Prozesse sind.

Klassenvorstand verständigt Eltern, diese wissen es (unterstützen es) oder wissen es nicht. Bei dauerhaftem Fernbleiben von der Schule verständigt der KV die Eltern und den Direktor, dieser schaltet (vielleicht) das Sozialamt ein, welche die Sache irgendwann überprüft. Das zieht sich schon mal ein bis zwei Monate hin.

Die Schulen bzw. das Finanzamt brauchen Mechanismen um dagegen effektiver vorgehen zu können.

Der neue "Stufenplan" verlängert diesen Zeitraum auf vier bis fünf Monate. Aber nur, wenn es dazwischen keine Besserung gibt. Wenn der Schüler drei bis vier Wochen lang nur ein paar Mal am Nachmittag schwänzt, verzögert sich das alles noch einmal oder das Theater fängt von vorne an.

Daher ist die Diskussion um die Strafhöhe ziemlich überflüssig, da diese Strafen dann weit seltener ausgesprochen werden. Aber die Poltiker werden sich selbst dafür loben und behaupten, sie hätten das Schulschwänzen eingedämmt.

Mag jetzt hart klingen

aber wer nicht in der Lage ist Kinder zu erziehen bzw. keine Zeit dafür hat bzw. haben will sollte einfach keine Kinder bekommen. Wenn allfällige Strafen dann dazu führen dass solche Eltern dann keine Kinder mehr bekommen hätte die Sache ihren Zweck mehr als erfüllt.

genau, zwangssterilisation! her damit! ;)

der pawlowsche Reflex

Zuschlagen mit der Nazi-Keule) funktioniert bei Ihnen ja ganz prächtig. Selber denken ist wohl nicht ihre Stärke, schätz ich amal.

würde reichen

wenn man bei solchen Fällen den Eltern das Sorgerecht wegnimmt. Aber dann bräuchten wir höchstwahrscheinlich tausende neue Heime.

ja genau, die kircheninternate haben ja eh ein bisschen platz frei.

auch sie rauchen wohl ihren benschibaum :-)

und Sie glauben tatsächlich, dass es den Kindern in den Heimen viel besser geht als bei ihren, vielleicht weniger sozialen bzw. unbekümmerten Eltern?

Ich bin für Sorgerechtsentzug wenn es wirklich Handgreiflichkeiten, Drogen oder sonstige missliche Umstände, die sich auf die Gesundheit oder die Psyche eines Kindes einwirken können gibt.

Alle anderen Umstände sind für mich kein Sorgerechtsentzugsgrund. Jeder hat seine eigenen Methoden ein Kind großzuziehen. Alles was für Sie optimal und notwendig ist, muss nicht für einen anderen auch gelten.

Mein Gott, dann wird das Kind halt kein Arzt sondern ein Straßenkehrer - solange es gesund und psychisch stabil erzogen wird.

guter beitrag, danke

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