Nachrichten in aller Kürze
Alles zur Community
Nachrichten, die zu Ihnen kommen: Newsletter, Feeds und SMS
Alles zu unseren mobilen Angeboten: Apps, Mobilversion und SMS
Unsere Radio- und TV-Angebote
Die Zeitung im Internet: Abo, E-Paper, Anzeigen und mehr
Alles über die Redaktion von derStandard.at
Alles über Onlinewerbung, Stellenanzeigen und Immobilieninserate

Auf dem Weg zu dieser "Diagnose" entdecken die Ärzte einige weitere "Ungereimtheiten" in meinem Körper.
"Es ist Krebs!" Als der Arzt diese Worte spricht, fällt mir nichts Dümmeres ein als: "Das geht jetzt nicht! Ich schreib' grad ein Buch!" Doch der Arzt und die sieben Studenten im AKH, die gerade meine Blase von innen betrachten, lachen nicht.
Etwas später, als das daumendicke Zystoskop aus meiner Blase gezogen ist, wanke ich ins nächste Klo und kotze vor Angst. Nach einer Operation, nach zahlreichen weiteren Einführungen von daumendicken Schläuchen in meine Blase und diversen Untersuchungen bin ich angeblich fast wieder gesund. Doch auf dem Weg zu dieser "Diagnose" entdecken die Ärzte einige weitere, hm, "Ungereimtheiten" in meinem Körper ...
Es gibt keine gesunden Menschen!
So sagt es eine befreundete Ärztin aus Sarajevo zu mir und fügt hinzu: "Nur solche, die nicht gründlich genug untersucht wurden!" Wie wahr das ist, erfahre ich in den nächsten Monaten. Die Straßen in Tumor-Town (Copyright: Christopher Hitchens) haben keine Namen. Bloß Zimmernummern. Die Bewohner haben Namen, werden aber mit Spitznamen benannt. Neben mir liegt Herr Prostataresektion und gegenüber Herr Lokalchemo. Ich bin Herr Blasenkarzinom. Prostataresektion ist gut gelaunt und meint, er habe 40 Jahre keinen Arzt gebraucht. Ich denke, er ist bloß 40 Jahre zu keinem gegangen. Was ihn am Ende in dieses Zimmer bringt. Lokalchemo redet nicht viel, weil ihm vom Dauerkotzen die Speseröhre verätzt ist. Das ist vielleicht auch gut so, denn er hat weder Humor noch was zu lachen.
Das Zauberwort hier lautet "OP-Freigabe". Man wird zu Labors, Röntgen, Ultraschall und einigen anderen Introspektiven geschickt, damit, falls was schiefgeht, nur Mutter Natur und Pech Schuld haben. Weil ich jedoch keine E-Card habe und daher kein vollwertiger Mensch, sondern Sozalhilfeempfänger bin, muntert mich die Oberschwester auf, indem sie mir menschenfreundlich vorrechnet, was mein blödes Karzinom nun die Allgemeinheit der vollwertigen, steuerzahlenden Menschen kostet. Ich verspreche ihr, falls ich vor ihr in die Hölle komme, dort ein besonders warmes Plätzchen für sie freizuhalten. Gleich neben Sokrates und Reinhold Messner.
Eine Zyste ist eine Niere ist eine Zyste
Im Zuge der OP-Freigabe stellt man fest, dass auf meiner rechten Niere eine nierengroße Zyste sitzt. Es sei aber eine harmlose Anomalie, die, solange sie nicht garstig wird, keiner Behandlung bedarf. Meine größte Sorge gilt jedoch dem Lungenröntgen. Jahrzehnte des Genusses einer amerikanischen Lässigmarke müssen zumindest Spuren hinterlassen haben. Doch die Ärzte beruhigen mich. Von der Lässigmarke habe ich ja schon das Blasenkarzinom, und man könne nicht Läuse und Wanzen gleichzeitig haben. Da sagt Dr. House aber etwas anderes. Später, im Hof, zünde ich mir eine an ...
Nach der OP und der Entlassung muss ich alle zwei Monate zum Urologen und seinem daumendicken Zystoskop. Der Arzt ist alt, erfahren, kommt aus Syrien und hat Mitleid mit jeder leidenden Kreatur. Also auch mit mir. Weil er den Horror vor seinem Instrument in meinem Gesicht lesen kann, gibt er mir vor jeder Untersuchung eine Spritze: "Mein kleiner Geheim-Cocktail. Sie werden es lieben, mein Herr!" Tatsächlich! Ich liebe es! Weil es mich die Schmerzen zwar noch immer spüren lässt, aber gleichzeitig bewirkt, das mir das vollkomen wurscht ist. Drogen vom Staat! Genial und legal! Doch er warnt mich auch, zwölf Stunden lang keinen Alkohol zu trinken. Wie auf Wolken schwebend verlasse ich die Ordination, kippe zwei Bier und rauche einen Joint. Nach der ersten Zysto schickt mich der alte Fuchs zum Weichteil-Ultraschall, weil er vermutet, die besagte Zyste sei in Wahrheit eine dritte Niere. Was, wie die Untersuchung ergibt, auch zutrifft.
Legal, illegal, scheißegal!
Beim nächsten Zysto-Termin besprechen wir die Sache mit der dritten Niere. Ich frage an, ob sich daraus eventuell Kapital schlagen lässt, denn schließlich will ich endlich ein Mensch mit E-Card sein. Der Verkauf von Organen sei verboten, sagt mir mein guter, guter Pipi-Doktor. Und ergänzt: "Ich kenn da wen!" Nachdem wir zu Ende gelacht haben, kommt das Übliche: Wurscht-Cocktail, Zystoskopie, zwei Bier, Joint.
Kurz darauf merke ich, dass unter meinen Rippen seitlich eine Ausbuchtung besteht. Ich lasse mich wieder zum Weichteil-Ultraschall überweisen. Dort sagt man mir, es sei eine Zyste. Harmlos, solange nicht garstig groß werdend. Kenne ich schon. Doch der Ultraschallexperte sagt auch, ich hätte eine Zyste auf der rechten Niere. Ich konfrontiere ihn mit der Tatsache, es sei eine Doppelniere, worauf er meint, es sei eine weitere Zyste, die auf der Doppelniere sitzt. Mir reicht es langsam. Jedes Mal, wenn ich zum Arzt gehe, komme ich mit einem Organ oder einer Zyste zu viel nach Hause! Oder mit Krebs. Zwei Bier, ein Joint - alles wird gut!
Am Ende des Tages
Im Augenblick geht es mir angeblich gut. Mein Krebs soll von jener Sorte sein, die gut erforscht ist und bei steter Kontrolle - sprich alle zwei Monate dicker Schlauch im Penis - immer wieder hintangehalten werden kann. Wenn das nicht mehr hilft, kommt Chemo, dann Madame Curie und anschließend, bei fortschreitender Medizintechnik, möglicherweise sogar eine Schweinsblase und Immun-Suppressoren. Die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls liegt bei 70 Prozent. Was gar nicht so übel ist, meine ich. Herr Prostataresektion metastasiert und verliert den Kampf. Herr Lokalchemo verliert seinen Kehlkopf und den Tumor, gewinnt aber seinen Humor zurück. Das Leben ist schön.
Ich habe nun einen kleinen Sohn - kaum noch Bier, Joint nur mehr am Wochenende. Die Lässigmarke nach dem Essen und zum Kaffee bleibt. Ich bin ein menschliches Wesen und will ein, zwei Laster haben, um mich als solches zu fühlen. Meine dritte Niere ist für meinen Sohn reserviert. Die zweite und die erste ebenfalls. Wir müssen alle mal abtreten, und es ist mein Job, dafür zu sorgen, dass mein Sohn an meinem Grab steht - und nicht umgekehrt. End of story. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 6.7.2012)
PS: Für die Kürze entschuldige ich mich bei meinen Lesern. Auf Brac im Café Palma, bei meinem Freund Ivica, der vor wenigen Tagen Vater von Zwillingen geworden ist, ist es einfach zu heiß. Und Kellner "Clinton" hört nicht auf, mir Biere zu bringen ...
Einst denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts allein in Zügen aufwacht. Doch Jahre später, als mich der Besitz eines Automobils so richtig erwachsen macht, denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts alleine im Auto nicht einschläft
Um in Österreich Fluglotse zu werden, so heißt es, muss man räumliches Vorstellungsvermögen, Verständnis für Technik, Teamgeist und Verantwortungsgefühl im Übermaß haben
Während der letzten zwei Wochen blattert unser Sohn feucht vor sich hin. Und darf nicht in den Kindergarten. Bis die roten Wimmerln verheilen habe ich keine Zeit zum Schreiben. Aber ich habe genug Zeit um in Texten zu stöbern, gerettet aus den Trümmern meiner vorletzten Festplatte
Es bedeutet nur "außerhalb der Regel" und so nennt man in Dalmatien Sportarten mit Abenteuergeschmack. Doch für die Stivanjani sind es mehr als bloß zwei Worte, seit einer von Ihnen daraus eine öffentliche Party macht, die eine ganze Woche des Mittsommers in Sutivan tobt
Onkel Rifat kommt aus Ägypten, lernt in Beograd meine Tante Iva kennen und fährt für dubiose Geschäfte nach Triest und Alexandria, wo sein Devisenkonto liegt
Wovor sich ein Balkan-Scheißmacho-Partisanenenkel-Oberkotzbrocken fürchtet
Es ist fast wie mit der Erfindung des Rades. Alle Kommunisten aller Länder meinen gleichzeitig, das Wohnglück der Arbeiterklasse in den Plattenbauten von Neustädten zu erfinden
Die Erleichterung kommt schnell, weil im Wartebereich der chirurgischen Abteilung sonst niemand wartet. Wir sind im Pavillon 16 in Lainz, es ist Samstag
Am Ende eines anstrengenden Tages, wenn nichts mehr eilig ist, döse ich oft in der U6, und meine Tagträume vermischen sich mit dem Zischen der Türen und Wortfetzen
Wer in Dalmatien männlichen Geschlechtes und zwischen dem Anfang und dem Ende der Pubertät ist, wird Mulac genannt. Die herausragende Eigenschaft die den Mulci anhängt, ist das intensive Betreiben von Unfug aller Art
Als Papa mich das erste Mal prügelt, bin ich gerade zwei. Ich kann mich nicht erinnern und weiß es nur aus Erzählungen von Mama. Alle späteren Prügel bleiben ein blasser Erinnerungsbrei, weil es so viele sind
Ich habe schon von ihr geschrieben: der Prostituierten Ivana, meiner Meidlinger Nachbarin. Hier ist ihre ganze - und ganz und gar traurige - Geschichte
Die Idee ist einfach: Jemand mietet eine Yacht für zwei Wochen, fährt aber nur eine Woche, die zweite überlässt er den Kindern von "Mirno More". Das bedeutet "friedliches Meer" und ist der Gruß der Seefahrer Dalmatiens
Die Missgeschicke anderer zu genießen ist nur die halbe Kunst. Man muss stets bereit sein, die eigene Malaise auszukosten
"Die Spira" feiert ihren Siebziger in einem Ottakringer Wirtshaus und ist aufgeladen wie eine fabrikneue Autobatterie
Selbstverständlich liebe ich meine Familie. Darüber hinaus erheitern Sex, Drugs and Rock'n'Roll jenen Teil meines Hirns, der von der mächtigen Eidechse abstammt. Irgendwo dazwischen ist meine persönliche Twighlight Zone der Freude am Missgeschick anderer
Grad hat man einen teuren, schlechten Film über Jesu Wiederkunft in Sachen Weltuntergang gedreht. Von Weltuntergängen halte ich nix. Von Jesu Geburt hingegen sehr viel. Besonders dann, wenn ich sie mir in Simmering unserer Tage denke
Es gibt fünf Dinge, die ich mehr hasse als den Winter in Wien
In den letzten Wochen sterben drei Menschen, die ich kenne und zwei weitere liegen im Koma ohne Wiederkehr. Wien im Winter scheint mir besonders morbid, allemal zu Weihnachten
Ich bin g'rad intelligent genug, um zu wissen, dass ich nichts Weltbewegendes dazu sagen kann, was nicht schon längst gesagt ist
Ich verbringe 1992/93 insgesamt acht Monate in Kroatien auf der Insel Brač. Freunde fragen mich auch heute noch, wozu ich das gebraucht hab'
Es gibt eine Art migrantischen Phantomschmerz, der über das gewöhnliche Heimweh hinausgeht. Es ist nicht so schlimm, wie das, was mancher Opa meiner österreichischen Freunde damals in Stalingrad beim Gedanken an Wien oder Rust empfindet. Diese unsere, migrantische Nostalgie ist irgendwo dazwischen
Ich kann nicht sagen, dass ich beim Bundesheer nichts lerne. Ich lerne beispielsweise, wie man am besten so tut, als ob man was tut
Es gibt diesen pathetischen Augenblick, in dem ein Vater glaubt einen Brief an seinen Sohn schreiben zu müssen, damit im Falle des vorzeitigen Ablebens möglichst nichts von seiner eigenen, im Laufe der Jahre erworbenen Lebensweisheit verloren geht
Wie erklärt man einem Jungen aus dem Punjab die groteske Existenz Fiona Pacifico Griffini-Grassers - auf Denglisch?
.. musste ich über die wunderbaren Zeilen lachen. Vielen Dank und auch ich bin gesund, so lange ich nicht zum Arzt gehe.
Alles Gute und besuchen Sie mal den Dr. Hitsch in Liesing. Privat, Honorar nach Bedarf also billig wenn mensch kein Geld hat und in meinem Fall heilsam.
Stichwort Homöopathie und ich habe keine Ahnung warum es geholfen hat.
Wieder einmal ein erfrischend geschriebener artikel. Ich mag besonders den titel. zum glück gibt es drogen vom staat, dicker schlauch in der harnröhre hört sich wirklich nicht erstrebenswert an. Freue mich schon auf den nächsten artikel. LG
Erst gestern hat mich ein steinalter Syrier mit dem von Ihnen beschriebenen daumendicken Teil gequält und dann zu allem Überfluss auch noch ein Bierverbot ausgesprochen (welches ich elegant mit Weißwein umgangen habe). Kann es sein, dass sich besagter (betagter) Arzt an einer Wiener Einfallsstraße befindet, zwischen zwei Hühnerimbissen?
Grad' richtig. Nach dem erstmaligen Lesen Ihrer Artikel habe ich immer so ein Gefühl was überlesen zu haben und fahr' dann noch ein, zwei Mal drüber.
Weiter so (zumindest mit dem Schreiben) und alles Gute für Ihr Spatzi.
Das endet dann bei so was:
http://www.youtube.com/watch?v=ZTjyRu88PRE
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.