Zigarettenkaugummis, Ziegen und Zombies

Glosse | Bogumil Balkansky, 13. Juli 2012, 09:00
  • Der perfekte Plan, ein Mädchen aufzureißen, beruht 
auf der Annahme, dass Angst zu zwischenmenschlicher Annäherung führt.
    foto: dpa/arno burgi

    Der perfekte Plan, ein Mädchen aufzureißen, beruht auf der Annahme, dass Angst zu zwischenmenschlicher Annäherung führt.

"Du darfst einen Kaugummi niemals schlucken! Er verklebt dir die Därme, und dann musst du sterben!", sagt Oma in Sutivan. Ich bin erst fünf und glaube alles, was Großmutter sagt

Meine Oma meint es nur gut: "Du darfst einen Kaugummi niemals schlucken! Er verklebt dir die Därme, und dann musst du sterben!" Ich bin erst fünf Jahre alt und glaube alles, was Großmutter sagt. Deswegen kaue ich jeden Gummi mit besonderer Vorsicht. Doch eines Morgens geschieht das Ungeheure ...

Kaugummi und Fischdarm

Beton, Asphalt und Autos sind damals auf Brac Mangelware. Von unserem Haus bis zum Bäcker von Sutivan muss man auf einer staubigen und steinigen Straße gut zwei Kilometer weit gehen. Von Oma bekomme ich fünf Dinar fürs Brot und für eine Packung jener Kaugummis, die wie Zigaretten aussehen. Das ist dann meine potenziell tödliche Belohnung fürs Brotholen. Auf dem Weg zurück zum Haus, wo man schon auf das Brot wartet, bin ich bei der vorletzten Kurve angelangt, gleich vor dem Haus von Mate, der heute mein guter Freund ist. Mates Mutter kauert auf einem Felsen am Meer und säubert die Fische, die ihr Mann frühmorgens gefangen hat. Ich stolpere über einen Stein und verschlucke den Kaugummi.

Wenn Kinder in absolutem Horror sind, strecken sie die Arme vom Körper und spreizen die Fingerchen, eine Flut an Tränen schießt aus den Augen, gefolgt vom Schluchtz-Weinkrampf. Mates Mutter sieht und hört das, lässt ihre Fische in den Zuber fallen und läuft zu mir. Aus meinem Panik-Gestammel meint sie zu verstehen, mir würde etwas im Hals stecken. Also schiebt sie ihre Finger samt daran klebendem Fischgedärm in meinen Hals, um den vermuteten Fremdkörper zu entfernen.

Ich kann mich bis heute erinnern, wie Kaugummi mit Fischdarm schmeckt. Dazu kommt anschließend noch der Geschmack von Kotze. Als dann mein Frühstückskakao, die Fischdärme und der verschluckte Kaugummi im Staub vor meinen Füßen liegen und ich noch lebe, kann ich Mates Mutter endlich sagen, was Sache ist. Sie lacht noch lange nachdem ich um diese vorletzte Kurve biege, meine Tränen abwische, das Gesicht im Meer wasche und in kindlicher Wut über Omas Kaugummi-Lüge das Brot samt Kaugummis in die Adria schleudere. Eine Tat, die schmerzhafte Folgen für meinen kleinen Hintern hat.

Heute ist Mates Mutter eine alte Frau. Doch auch sie erinnert sich an diese Szene und wir lachen jedes Jahr zusammen, wenn ich in Sutivan ankomme und mit Mate den Willkommens-Nusslikör trinke. Meine Oma ist voriges Jahr im Alter von satten 92 Jahren eingeschlafen. Ich habe meine Zweifel, ob ich ihr das glauben soll.

Anarchie ist eine Ziege

Sie gehört niemandem, ist frei und macht nur, was sie will: die Ziege Lucija. Sie schließt sich manchmal einer Herde an, und wen sie mag, der darf sie auch melken. Über lang gibt man es in Sutivan auf, Lucija in eine Herde eingliedern zu wollen, denn sie findet immer einen Weg auszubüxen. Bisweilen kommt Lucija auch zu unserem Haus, lässt sich mit Brot füttern und dankt mit frischer Milch, die ich zu trinken bekomme, weil ich so ein schwächliches Kind bin. Anschließend verschwindet Lucija in der Macchia zu ihrem Schlafort, den nur sie kennt. Eines Tages aber kommt Lucija nicht mehr.

Jahre später bin ich 16, voller Hormone und unzerstörbar. Ich bin ständig auf der Jagd nach Touristinnen, um endlich, wie man hier so sagt, feuchten Schwanzes aus der Nacht zu kommen. Als endlich Ivona, die Polin, meinen Jagdgrund quert und willig ist, mit mir Körperflüssigkeiten bis zum Endglück auszutauschen, ist das einzige ungelöste Problem der Ort, wo die beidseitige Entjungferung stattfinden soll. Dieses nicht unwichtige Detail vorrausschauend zu lösen fällt mir in meiner Geilheit einfach nicht ein. Und die Uhr tickt laut, denn Ivonas Eltern wollen sie vor Einbruch der Dunkelheit im Apartment wissen.

Also schleife ich dieses endgeile Stück Touristinnenfleisch von Strand zu Strand, wo leider immer noch irgendwer auf der Matte liegt. Verzweifelt wechsle ich die Richtung. Neuer Kurs: Süd-West, den Berg hinauf, zur Kapelle des heiligen Vincenz von Ferrara. Auf halbem Wege, nach den letzten Häusern, ist ein Pinienwald, weich und jung wie die Seele eines Neugeborenen. Hier finde ich unerwartet eine verzauberte Lichtung um eine eingefallene Buna, eine Behausung aus Steinen, die seit Urzeiten den Hirten von Brac als Unterschlupf dient.

Als ich auf dieser Lichtung, verschwitzt von getaner Untat, unter dem dunkler werdenden Himmel liege, als Ivona längst zu ihren Eltern enteilt ist, als die Sonne ein letztes Mal durch die Pinien strahlt, fällt ein Sonnenfinger auf die halb verfallene Buna, wo ich meine, etwas glitzern zu sehen. Im Inneren ist etwas Weißes, wie ein alter, weggeworfener Teppich. Ich erkenne Lucija an ihrem eingerissenen linken Vorderhuf. Hier ist seit all den Jahren ihr von niemandem entdecktes Nachtlager und ihr Grab. Heute ist dieser Pinienwald längst abgeholzt, Lucijas Buna abgetragen und die Steine daraus in ein hässlichen Apartmenthaus eingebaut. Ihr eingerissener Huf ruht unter einer großen Pinie vor unserem Haus in Sutivan.

Der Aufriss des Jahrhunderts

Nun bin ich schon fast 18 und habe den perfekten Plan. Er stammt aus dem Topf der Waschküchenpsychologie für junge Aufreißer und beruht auf der Annahme, dass Angst zu zwischenmenschlicher Annäherung führt.

Der Friedhof von Sutivan ist nachts ein unheimlicher Ort, was wohl auf jeden Friedhof des Planeten zutrifft. Aber ich bin jetzt in Sutivan, diese blonde Deutsche, die sich seit Tagen ziert, ist nur noch kurze Zeit hier und ich will den letzten Versuch wagen. So wird der Friedhof bei der Kapelle des heiligen Rochus, der einst Sutivan von der Pest befreit hat, zum Ort der geplanten Untat. Die Piefkonin soll zitternd an mich geklammert erst meinen Körper spüren, um anschließend seinen Trost zu empfangen. Wie romantisch der Friedhof bei Vollmond ist, lässt sie sich auch willig einreden und kommt tatsächlich mit. Nun sitzen wir zwischen den Grabsteinen, sie findet bald die Figuren und Inschriften so romantisch, dass sie mich alleine lässt und im Mondschein über die Steindeckel tanzt, hinter die Zypressen lugt und ein Liedchen aus ihrer Heimat trällert.

Ich hingegen warte auf alle Zombies und Vampire aus allen Geschichten und Filmen, die ich kenne. Nach 20 Minuten bettle ich sie an, zum Strand zu gehen, wo es noch viel romantischer ist. Doch sie lacht nur und tanzt und trällert so falsch, daß ich meine, es würde alle toten Stivanjani auf einmal aufwecken. Und so wird es diesmal wahr: "Trockenen Schwanzes kehrten die Ficker aus der Nacht." (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 13.7.2012)

PS: Eine Story mit unschuldigen Kindeserlebnissen anzufangen, um dann auf die ersten Sexgeschichten umzuschwenken, nennt man Isotopiebruch. Wollt' ich nur mal ausprobieren ...

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Einer der Besten bisher

Wenn nicht der Beste Text. Vielen Dank fuers teilen! :)

gefällt.

Freu mich jede Woche auf neue, lustig-skurrile Geschichten :))

Der Balkansky zaubert mir immer Tränen in die Augen. Ist erlaubt.

Jedesmal ein Augenschmaus. Senk YU

wann

gibts das buch bitte?
durch die regelmäßige zuführung der substanz bin ich jetzt angefixt.

Kann es auch kaum erwarten,

arbeitet angeblich eh schon daran.

ach ja..

..und tränenden auges (vor lachen) freuen sich die alten der erinnerung..

genial wie immer!

danke für dieses wunderbares kopfkino, jede woche ein genuß!

Zuviel Rauchen Veboten gehört, Bogy, ah..?))

Ich vergaß, ihr könnt es nicht ja wissen.. Rauchen Verboten war oder ist eine YU-Gruppe, auf deren Niveau sich Bogy bewegt. So erinnert mich seine Geschichte hier an die Ballade von Pisonja und Zuga.

saugut

Wieder eine Bogumilade, wie ich mir noch 1001 wünsche! Der Kerl kann nicht nur Sucht erzeugend schreiben, der bricht ohne Lärm ins Herz ein. Allein schon die Zwischentitel sind perfektestenst. Die Ziege Lucija wusste schon, wer ihre Milch verdient. Er hat sie unvergesslich gemacht.

es ist eh gut, aber warum sind hier eigentlich alle gar so begeistert?

frauen, tod, anarchie und vergänglichkeit

ich sehe das mit der frauenverachtung nicht so.

die kombination sex (oder verlangen danach) mit tod - lucijas vorhuf und friedhof - ist hoffentlich auf zwei male in ihrem leben beschränkt geblieben, herr balkansky?

und: die anarchistin lucija ist offensichtlich die verbindung zwischen kindheit und erwachsenenalter. halt in dieser geschichte.

InGottesWillen, zeigen'S diesen Beitrag ja nie den Kolleginnen von dieStandard, die verstehen da keinen Spass - so viele Zitronen haben Sie an der ganzen Adriaküste noch nicht gesehen, wie Sie dafür ernten würden...

Ansonsten: Isotopiebruch gelungen (auch wenn die Kaugummigeschichte für sich genommen schon lesenswert war ;-)

Wären nur alle Männer so witzig und beredt, gäbe es gar keinen dieStandard.

"keinen dieStandard"?

Genau.

virtuose wortkunst, leider mit einer brise frauenverachtung

ich lese diese beiträge sehr gerne! die erzählungen sind interessant, witzig und der schreibstil ist etwas ganz besonderes, mann/frau ;-) wird von einer begebenheit zur nächsten getragen!
da ich selbst zum weiblichen geschlecht gehöre, tut mir die sehr macho-lastige sichtweise (frau=fleisch) aber wirklich weh! das wollte ich nur einmal angemerkt haben! vielleicht haben sie, herr bogumil, eine gute freundin, die im hinblick darauf mal drüberlesen kann!? ich glaube nämlich nicht, dass sie prinzipiell so eingestellt sind!

er war 16 und da ist das so und muss auch so sein. gendergerechte korrektheit kommt später.

eine brise oder prise

frauenverachtung?

bin nochmals hergekommen

um den 16jährigen bogy zu verteidigen und siehe, er hat es schon getan und besser als ich es könnte.

Natürlich hat willwas wissen recht und um grundsätzlich Illusionen abzubauen: wie bogbal sagt, ist Bub mit 16 ein Vollhormontrottel und entsprechend gesteuert. Bub muss wissen ob es gehen wird, wie es gehen wird und ob Bub normal ist. Da bleiben die Frauen erstmal hinten, leider.

Schlimm ist nur wenn Bub nicht zum Mann heranreift.

Weiter so, bogbal. Hier hast an Stammleser :-)

SORRY!

bin kein chauvi, aber mit 16 ist einfach jeder vollhormontrottel doch ein chauvi.
das war nur die darstellung meiner denke von damals. nicht mehr, nicht weniger. trotzdem an alle frauen: ohne euch UND uns - geht nix weiter!
BB

Alter, die Entschuldigung...

...bei den Bedenkenträgerinnen war echt nicht nötig.

Wer mich kennt weiß, was ich von Machos halte, durch Ihre wunderbaren Geschichten lernt man aber als Frau erst richtig zu verstehen, was in den Köpfen und sonstigen Körperteilen von (speziell sehr jungen) Männern so vor sich geht.
Die Sicht auf die andere Seite der Medaille ist schon sehenswert, wenn sie so präsentiert wird, wie eben.

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