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Der perfekte Plan, ein Mädchen aufzureißen, beruht auf der Annahme, dass Angst zu zwischenmenschlicher Annäherung führt.
Meine Oma meint es nur gut: "Du darfst einen Kaugummi niemals schlucken! Er verklebt dir die Därme, und dann musst du sterben!" Ich bin erst fünf Jahre alt und glaube alles, was Großmutter sagt. Deswegen kaue ich jeden Gummi mit besonderer Vorsicht. Doch eines Morgens geschieht das Ungeheure ...
Kaugummi und Fischdarm
Beton, Asphalt und Autos sind damals auf Brac Mangelware. Von unserem Haus bis zum Bäcker von Sutivan muss man auf einer staubigen und steinigen Straße gut zwei Kilometer weit gehen. Von Oma bekomme ich fünf Dinar fürs Brot und für eine Packung jener Kaugummis, die wie Zigaretten aussehen. Das ist dann meine potenziell tödliche Belohnung fürs Brotholen. Auf dem Weg zurück zum Haus, wo man schon auf das Brot wartet, bin ich bei der vorletzten Kurve angelangt, gleich vor dem Haus von Mate, der heute mein guter Freund ist. Mates Mutter kauert auf einem Felsen am Meer und säubert die Fische, die ihr Mann frühmorgens gefangen hat. Ich stolpere über einen Stein und verschlucke den Kaugummi.
Wenn Kinder in absolutem Horror sind, strecken sie die Arme vom Körper und spreizen die Fingerchen, eine Flut an Tränen schießt aus den Augen, gefolgt vom Schluchtz-Weinkrampf. Mates Mutter sieht und hört das, lässt ihre Fische in den Zuber fallen und läuft zu mir. Aus meinem Panik-Gestammel meint sie zu verstehen, mir würde etwas im Hals stecken. Also schiebt sie ihre Finger samt daran klebendem Fischgedärm in meinen Hals, um den vermuteten Fremdkörper zu entfernen.
Ich kann mich bis heute erinnern, wie Kaugummi mit Fischdarm schmeckt. Dazu kommt anschließend noch der Geschmack von Kotze. Als dann mein Frühstückskakao, die Fischdärme und der verschluckte Kaugummi im Staub vor meinen Füßen liegen und ich noch lebe, kann ich Mates Mutter endlich sagen, was Sache ist. Sie lacht noch lange nachdem ich um diese vorletzte Kurve biege, meine Tränen abwische, das Gesicht im Meer wasche und in kindlicher Wut über Omas Kaugummi-Lüge das Brot samt Kaugummis in die Adria schleudere. Eine Tat, die schmerzhafte Folgen für meinen kleinen Hintern hat.
Heute ist Mates Mutter eine alte Frau. Doch auch sie erinnert sich an diese Szene und wir lachen jedes Jahr zusammen, wenn ich in Sutivan ankomme und mit Mate den Willkommens-Nusslikör trinke. Meine Oma ist voriges Jahr im Alter von satten 92 Jahren eingeschlafen. Ich habe meine Zweifel, ob ich ihr das glauben soll.
Anarchie ist eine Ziege
Sie gehört niemandem, ist frei und macht nur, was sie will: die Ziege Lucija. Sie schließt sich manchmal einer Herde an, und wen sie mag, der darf sie auch melken. Über lang gibt man es in Sutivan auf, Lucija in eine Herde eingliedern zu wollen, denn sie findet immer einen Weg auszubüxen. Bisweilen kommt Lucija auch zu unserem Haus, lässt sich mit Brot füttern und dankt mit frischer Milch, die ich zu trinken bekomme, weil ich so ein schwächliches Kind bin. Anschließend verschwindet Lucija in der Macchia zu ihrem Schlafort, den nur sie kennt. Eines Tages aber kommt Lucija nicht mehr.
Jahre später bin ich 16, voller Hormone und unzerstörbar. Ich bin ständig auf der Jagd nach Touristinnen, um endlich, wie man hier so sagt, feuchten Schwanzes aus der Nacht zu kommen. Als endlich Ivona, die Polin, meinen Jagdgrund quert und willig ist, mit mir Körperflüssigkeiten bis zum Endglück auszutauschen, ist das einzige ungelöste Problem der Ort, wo die beidseitige Entjungferung stattfinden soll. Dieses nicht unwichtige Detail vorrausschauend zu lösen fällt mir in meiner Geilheit einfach nicht ein. Und die Uhr tickt laut, denn Ivonas Eltern wollen sie vor Einbruch der Dunkelheit im Apartment wissen.
Also schleife ich dieses endgeile Stück Touristinnenfleisch von Strand zu Strand, wo leider immer noch irgendwer auf der Matte liegt. Verzweifelt wechsle ich die Richtung. Neuer Kurs: Süd-West, den Berg hinauf, zur Kapelle des heiligen Vincenz von Ferrara. Auf halbem Wege, nach den letzten Häusern, ist ein Pinienwald, weich und jung wie die Seele eines Neugeborenen. Hier finde ich unerwartet eine verzauberte Lichtung um eine eingefallene Buna, eine Behausung aus Steinen, die seit Urzeiten den Hirten von Brac als Unterschlupf dient.
Als ich auf dieser Lichtung, verschwitzt von getaner Untat, unter dem dunkler werdenden Himmel liege, als Ivona längst zu ihren Eltern enteilt ist, als die Sonne ein letztes Mal durch die Pinien strahlt, fällt ein Sonnenfinger auf die halb verfallene Buna, wo ich meine, etwas glitzern zu sehen. Im Inneren ist etwas Weißes, wie ein alter, weggeworfener Teppich. Ich erkenne Lucija an ihrem eingerissenen linken Vorderhuf. Hier ist seit all den Jahren ihr von niemandem entdecktes Nachtlager und ihr Grab. Heute ist dieser Pinienwald längst abgeholzt, Lucijas Buna abgetragen und die Steine daraus in ein hässlichen Apartmenthaus eingebaut. Ihr eingerissener Huf ruht unter einer großen Pinie vor unserem Haus in Sutivan.
Der Aufriss des Jahrhunderts
Nun bin ich schon fast 18 und habe den perfekten Plan. Er stammt aus dem Topf der Waschküchenpsychologie für junge Aufreißer und beruht auf der Annahme, dass Angst zu zwischenmenschlicher Annäherung führt.
Der Friedhof von Sutivan ist nachts ein unheimlicher Ort, was wohl auf jeden Friedhof des Planeten zutrifft. Aber ich bin jetzt in Sutivan, diese blonde Deutsche, die sich seit Tagen ziert, ist nur noch kurze Zeit hier und ich will den letzten Versuch wagen. So wird der Friedhof bei der Kapelle des heiligen Rochus, der einst Sutivan von der Pest befreit hat, zum Ort der geplanten Untat. Die Piefkonin soll zitternd an mich geklammert erst meinen Körper spüren, um anschließend seinen Trost zu empfangen. Wie romantisch der Friedhof bei Vollmond ist, lässt sie sich auch willig einreden und kommt tatsächlich mit. Nun sitzen wir zwischen den Grabsteinen, sie findet bald die Figuren und Inschriften so romantisch, dass sie mich alleine lässt und im Mondschein über die Steindeckel tanzt, hinter die Zypressen lugt und ein Liedchen aus ihrer Heimat trällert.
Ich hingegen warte auf alle Zombies und Vampire aus allen Geschichten und Filmen, die ich kenne. Nach 20 Minuten bettle ich sie an, zum Strand zu gehen, wo es noch viel romantischer ist. Doch sie lacht nur und tanzt und trällert so falsch, daß ich meine, es würde alle toten Stivanjani auf einmal aufwecken. Und so wird es diesmal wahr: "Trockenen Schwanzes kehrten die Ficker aus der Nacht." (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 13.7.2012)
PS: Eine Story mit unschuldigen Kindeserlebnissen anzufangen, um dann auf die ersten Sexgeschichten umzuschwenken, nennt man Isotopiebruch. Wollt' ich nur mal ausprobieren ...
In der Schule werden wir Kumpel weil er sich über meine Schwester beschwert. Er sagt, sie sei ein unglaublicher Geizhals, der sich nicht einmal mit dem Hinweis auf die Solidarität unter uns Tschuschen anschnorren lässt. Oder anbaggern. Ich nicke stumm und biete ihm eine Zigarette an
Einst denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts allein in Zügen aufwacht. Doch Jahre später, als mich der Besitz eines Automobils so richtig erwachsen macht, denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts alleine im Auto nicht einschläft
Um in Österreich Fluglotse zu werden, so heißt es, muss man räumliches Vorstellungsvermögen, Verständnis für Technik, Teamgeist und Verantwortungsgefühl im Übermaß haben
Während der letzten zwei Wochen blattert unser Sohn feucht vor sich hin. Und darf nicht in den Kindergarten. Bis die roten Wimmerln verheilen habe ich keine Zeit zum Schreiben. Aber ich habe genug Zeit um in Texten zu stöbern, gerettet aus den Trümmern meiner vorletzten Festplatte
Es bedeutet nur "außerhalb der Regel" und so nennt man in Dalmatien Sportarten mit Abenteuergeschmack. Doch für die Stivanjani sind es mehr als bloß zwei Worte, seit einer von Ihnen daraus eine öffentliche Party macht, die eine ganze Woche des Mittsommers in Sutivan tobt
Onkel Rifat kommt aus Ägypten, lernt in Beograd meine Tante Iva kennen und fährt für dubiose Geschäfte nach Triest und Alexandria, wo sein Devisenkonto liegt
Wovor sich ein Balkan-Scheißmacho-Partisanenenkel-Oberkotzbrocken fürchtet
Es ist fast wie mit der Erfindung des Rades. Alle Kommunisten aller Länder meinen gleichzeitig, das Wohnglück der Arbeiterklasse in den Plattenbauten von Neustädten zu erfinden
Die Erleichterung kommt schnell, weil im Wartebereich der chirurgischen Abteilung sonst niemand wartet. Wir sind im Pavillon 16 in Lainz, es ist Samstag
Am Ende eines anstrengenden Tages, wenn nichts mehr eilig ist, döse ich oft in der U6, und meine Tagträume vermischen sich mit dem Zischen der Türen und Wortfetzen
Wer in Dalmatien männlichen Geschlechtes und zwischen dem Anfang und dem Ende der Pubertät ist, wird Mulac genannt. Die herausragende Eigenschaft die den Mulci anhängt, ist das intensive Betreiben von Unfug aller Art
Als Papa mich das erste Mal prügelt, bin ich gerade zwei. Ich kann mich nicht erinnern und weiß es nur aus Erzählungen von Mama. Alle späteren Prügel bleiben ein blasser Erinnerungsbrei, weil es so viele sind
Ich habe schon von ihr geschrieben: der Prostituierten Ivana, meiner Meidlinger Nachbarin. Hier ist ihre ganze - und ganz und gar traurige - Geschichte
Die Idee ist einfach: Jemand mietet eine Yacht für zwei Wochen, fährt aber nur eine Woche, die zweite überlässt er den Kindern von "Mirno More". Das bedeutet "friedliches Meer" und ist der Gruß der Seefahrer Dalmatiens
Die Missgeschicke anderer zu genießen ist nur die halbe Kunst. Man muss stets bereit sein, die eigene Malaise auszukosten
"Die Spira" feiert ihren Siebziger in einem Ottakringer Wirtshaus und ist aufgeladen wie eine fabrikneue Autobatterie
Selbstverständlich liebe ich meine Familie. Darüber hinaus erheitern Sex, Drugs and Rock'n'Roll jenen Teil meines Hirns, der von der mächtigen Eidechse abstammt. Irgendwo dazwischen ist meine persönliche Twighlight Zone der Freude am Missgeschick anderer
Grad hat man einen teuren, schlechten Film über Jesu Wiederkunft in Sachen Weltuntergang gedreht. Von Weltuntergängen halte ich nix. Von Jesu Geburt hingegen sehr viel. Besonders dann, wenn ich sie mir in Simmering unserer Tage denke
Es gibt fünf Dinge, die ich mehr hasse als den Winter in Wien
In den letzten Wochen sterben drei Menschen, die ich kenne und zwei weitere liegen im Koma ohne Wiederkehr. Wien im Winter scheint mir besonders morbid, allemal zu Weihnachten
Ich bin g'rad intelligent genug, um zu wissen, dass ich nichts Weltbewegendes dazu sagen kann, was nicht schon längst gesagt ist
Ich verbringe 1992/93 insgesamt acht Monate in Kroatien auf der Insel Brač. Freunde fragen mich auch heute noch, wozu ich das gebraucht hab'
Es gibt eine Art migrantischen Phantomschmerz, der über das gewöhnliche Heimweh hinausgeht. Es ist nicht so schlimm, wie das, was mancher Opa meiner österreichischen Freunde damals in Stalingrad beim Gedanken an Wien oder Rust empfindet. Diese unsere, migrantische Nostalgie ist irgendwo dazwischen
Ich kann nicht sagen, dass ich beim Bundesheer nichts lerne. Ich lerne beispielsweise, wie man am besten so tut, als ob man was tut
Es gibt diesen pathetischen Augenblick, in dem ein Vater glaubt einen Brief an seinen Sohn schreiben zu müssen, damit im Falle des vorzeitigen Ablebens möglichst nichts von seiner eigenen, im Laufe der Jahre erworbenen Lebensweisheit verloren geht
Wieder eine Bogumilade, wie ich mir noch 1001 wünsche! Der Kerl kann nicht nur Sucht erzeugend schreiben, der bricht ohne Lärm ins Herz ein. Allein schon die Zwischentitel sind perfektestenst. Die Ziege Lucija wusste schon, wer ihre Milch verdient. Er hat sie unvergesslich gemacht.
ich sehe das mit der frauenverachtung nicht so.
die kombination sex (oder verlangen danach) mit tod - lucijas vorhuf und friedhof - ist hoffentlich auf zwei male in ihrem leben beschränkt geblieben, herr balkansky?
und: die anarchistin lucija ist offensichtlich die verbindung zwischen kindheit und erwachsenenalter. halt in dieser geschichte.
InGottesWillen, zeigen'S diesen Beitrag ja nie den Kolleginnen von dieStandard, die verstehen da keinen Spass - so viele Zitronen haben Sie an der ganzen Adriaküste noch nicht gesehen, wie Sie dafür ernten würden...
Ansonsten: Isotopiebruch gelungen (auch wenn die Kaugummigeschichte für sich genommen schon lesenswert war ;-)
ich lese diese beiträge sehr gerne! die erzählungen sind interessant, witzig und der schreibstil ist etwas ganz besonderes, mann/frau ;-) wird von einer begebenheit zur nächsten getragen!
da ich selbst zum weiblichen geschlecht gehöre, tut mir die sehr macho-lastige sichtweise (frau=fleisch) aber wirklich weh! das wollte ich nur einmal angemerkt haben! vielleicht haben sie, herr bogumil, eine gute freundin, die im hinblick darauf mal drüberlesen kann!? ich glaube nämlich nicht, dass sie prinzipiell so eingestellt sind!
um den 16jährigen bogy zu verteidigen und siehe, er hat es schon getan und besser als ich es könnte.
Natürlich hat willwas wissen recht und um grundsätzlich Illusionen abzubauen: wie bogbal sagt, ist Bub mit 16 ein Vollhormontrottel und entsprechend gesteuert. Bub muss wissen ob es gehen wird, wie es gehen wird und ob Bub normal ist. Da bleiben die Frauen erstmal hinten, leider.
Schlimm ist nur wenn Bub nicht zum Mann heranreift.
Weiter so, bogbal. Hier hast an Stammleser :-)
Wer mich kennt weiß, was ich von Machos halte, durch Ihre wunderbaren Geschichten lernt man aber als Frau erst richtig zu verstehen, was in den Köpfen und sonstigen Körperteilen von (speziell sehr jungen) Männern so vor sich geht.
Die Sicht auf die andere Seite der Medaille ist schon sehenswert, wenn sie so präsentiert wird, wie eben.
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