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Antonio Polster" ließ sich der Kapitän der Spanier auf
seine Dress drucken.
Die Granulatkörner, die den Kunstrasen schützen, wirbeln durch die Luft. Ein somalischer Kicker hat sich in höchster Not in einen Schuss seines afghanischen Gegners geworfen und den Ball zur Ecke abgewehrt. Sonst wäre es wohl ein Treffer geworden. Der abgeschürfte Oberschenkel schmerzt ordentlich, die anerkennenden Schulterklopfer der Teamkollegen trösten aber schnell darüber hinweg. Es geht schließlich um ein Ticket für die Integrationsfußball-WM. Und da nehmen die Spieler einiges in Kauf.
24 Teams matchten sich am Samstag im Sportcenter Donaucity direkt vor den Wiener Uno-Gebäuden beim ersten Qualifikationsturnier um den Sieg. Fußballexoten wie Dschibuti, Vietnam, Somalia oder Teams aus Wien und Vorarlberg waren genauso mit Herz und Spaß bei der Sache wie die traditionellen Fußballnationen Brasilien, Spanien oder Argentinien. Das Besondere an diesem Kleinfeldturnier: Die knapp 300 Kicker, die hier für ihr Geburtsland Fußball spielen, könnten sich morgen in Zivilkleidung in der Wiener U-Bahn oder im Supermarkt treffen. "Um eine Fußball-WM im Kleinen mit verschiedensten Nationen zu veranstalten, muss man aus Wien nicht hinaus", sagt Erwin Himmelbauer.
Der Salzburger hatte 2006 die Idee, ein Integrationsfußballturnier auszurichten. "Das war eine lupenreine Wirtshausidee", sagt Himmelbauer. Österreicher, hier lebende Zuwanderer oder Hobbykicker mit Migrationshintergrund sollten spielerisch in Kontakt miteinander treten.
Der Erfolg gibt ihm Recht. "Die Linzer Chinesen haben sich als 150. Mannschaft angemeldet", sagt Himmelbauer. Damit spielen heuer 1800 Kicker bei den insgesamt sechs Turnieren mit. "Vom Asylwerber über den Arbeiter bis zum Mediziner, Architekten und Spitzenbeamten ist alles dabei."
Den farbenfrohen Anfang hat Wien gemacht. Auf den drei Plätzen geht es ordentlich zur Sache, auch wenn es "nur" einen Pokal und eine Dressengarnitur zu gewinnen gibt. Da schlägt ein Team aus Dschibuti in der Vorrunde überraschend die favorisierten Japaner mit 1:0. Und die spanischen Dribbelkönige sorgen für ein Raunen. Felipe begeht ein Foul (ein Foul!) und muss mit einer roten Karte vom Feld. "Bei uns ist halt doch etwas 'Furia' dabei", lächelt Spaniens Kapitän Antonio Sánchez Heredia. Der Spitzname des Fußballnationalteams heißt also nicht umsonst "Furia roja", auf Deutsch "Rote Furie". Heredia: "Wir sollten mehr mit Kopf als mit Herz spielen. Aber das Tiqui-taca beherrschen wir noch nicht so gut."
Heredia ist seit vier Jahren Sportpädagoge in Wien, wo er vor allem Kindergruppen betreut. Fußball und Integration nimmt der 30-Jährige ziemlich ernst. Er hätte sich spanische Spielernamen auf seinen Dress drucken können wie Fernando Torres, Cesc Fàbregas oder Andrés Iniesta. Stattdessen prangt "Antonio Polster" auf seinem Rücken. "Der hat ja auch einmal in Spanien gespielt", sagt Heredia. "Polster taugt mir." Dafür darf ein deutscher Freund bei den Spaniern mitspielen, auf seinem Dress prangt "Juanito". Wie er seine Einbürgerung bekommen hat? "Er war ein paar Mal in Spanien", sagt Heredia. "Und er kann 'cerveza' sagen."
Fußball, sonst nichts
Bei den Spielen geht es zwar hart zur Sache, die Spieler bleiben aber fair. Das ist nicht selbstverständlich bei den verschiedensten Kickern, deren Heimatländer nicht immer friktionsfreie Beziehungen miteinander pflegen. Bisheriger Höhepunkt war wohl eine gemeinsame Mannschaft aus Indern und Pakistani.
"Einmal ist ein serbischer Spieler unruhig geworden, weil er gegen Kosovaren spielen musste", erzählt Himmelbauer. "Wir wollten den Konflikt im Vorfeld bereinigen und fragten beim Team aus dem Kosovo nach. Die Antwort des Teamkapitäns war: 'Schöne Grüße an den Serben. Hier ist nur Fußball. Und sonst nichts.'"
Sicherheitsleute beschäftigt Himmelbauer für das Turnier in Wien nicht, "auch wenn sich die Polizei bei uns erkundigt hat, was wir hier genau vorhaben." Den Part der Securitys übernehmen vier brasilianische Tänzerinnen, die zu Sambarhythmen nicht nur ihr Team bejubeln.
Stefani, Girlene, Josana und Tatjana lenken von manchem Streit im hitzigen Gefecht auf dem Fußballplatz ab. Zur Verstärkung haben sie Tänzer einer serbischen Volkstanzgruppe mitgenommen. Und sollte es zwischen Spielern wirklich einmal heiß hergehen, gibt es noch Ángela.
Die brasilianische Eventmanagerin, die die Mädels betreut, scheut sich nicht davor, zu den streitenden Burschen ein Machtwort zu sprechen. "Vor zwei Jahren bei einem Turnier in Linz hat sich ein brasilianischer Kicker mittels Dolmetscher beim tschetschenischen Gegenspieler entschuldigt, nachdem er von Ángela ins Gebet genommen wurde", erzählt Himmelbauer.
Auch ohne die Anwesenheit von Sportminister Norbert Darabos (SP) und Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (VP), die kurzfristig ihren Besuch absagten, wird ein Turniersieger ermittelt. Die Portugiesen gewinnen im iberischen Endspiel gegen Spanien mit 1:0. Zum WM-Turnier, das Ende Juli voraussichtlich in Salzburg ausgetragen wird, dürfen aber beide Teams fahren. Weitere Teilnehmer werden bei den Vorrundenturnieren in Baden (30. Juni, Casino-Stadion), Innsbruck (1. Juli, Tivoli), Salzburg (7./8. Juli, Alpenstraße) und Linz (15. Juli, Lunzer Straße) ermittelt.
Der Spanier Antonio Sánchez Heredia freut sich trotz des verlorenen Endspiels. Schließlich ist das Turnier auch eine Tauschbörse. "Wir suchen Mannschaften für Trainingsspiele. Und hier kommt man mit verschiedensten Teams ins Gespräch", erzählt er. "Mit Mexikanern und Chilenen haben wir schon Nummern ausgetauscht. Mit denen sind wir schon befreundet."(David Krutzler, 26.6.2012, daSTANDARD)
Diese Reportage ist in Rahmen der Spezialbeilage daSTANDARD entstanden.
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