Flaschenpost nach Atlantis

Glosse | Bogumil Balkansky, 3. August 2012, 09:00
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Das Meer ist mein zweites Wohnzimmer und der Friedhof von Sutivan ob seiner "Piratengräber" ein Ort düster-schauriger Fantasien

Schon als Kind interessieren mich Sterne, Meere und Grabesgeheimnisse. Unter unserer Pinie in Sutivan fantasiere ich oft von fliegenden Untertassen, deren Piloten uns endlich den Weltfrieden und die Lösung aller kosmischen Rätsel bringen.

Sternstunden im dritten Stock

Mein erster Schritt den Sternen entgegen ist nur logisch. Weil ich nicht zu irgendwelchen Däniken'schen Fundstätten reisen kann und weil ja die Aliens da schon längst wieder abgereist sind, muss ich meinen Blick nach oben, zu den Sternen, richten. Ich wünsche mir zu Weihnachten ein Teleskop, das mir mein Vater auch prompt kauft. Es ist ein einfaches Modell, nicht viel mehr als ein besseres Fernrohr mit immerhin bis zu 180-facher Vergrößerung. Hier sehe ich zum ersten Mal mit eigenen Augen das Mare Tranquillitatis und den Kopernikus-Krater auf dem Mond, die Ringe des Saturn und die Sichel der jungen Venus.

Im winterlichen Wien wird es aber in meinem privaten Dachluken-Observatorium auf dem Dachboden der Zinskaserne in Fünfhaus zu kalt. Dann verlege ich die Astronomie in mein Zimmer im dritten Stock. Genau gegenüber, nur 40 Meter entfernt, ist eine Wohnung ohne Vorhänge, in der eine freischaffende Schwalbe der Nacht ihrem Beruf nachgeht. Man kann sich vorstellen, wie blass und unbedeutend für einen 13-Jährigen plötzlich der große rote Fleck des Jupiter im Vergleich zur 30-fach vergrößerten Action in diesem Zimmer ist.

Mein Vater ist derselben Meinung. So stoßen wir einander leise fluchend, damit Mama nichts merkt, die Köpfe ums Okular des Weltraumteleskops. Dabei entdecken wir uns beiden Unbekanntes. Die Dame hat nicht nur eine minimalistische Wohnausstattung, die lediglich aus einem Bett und einer Kommode besteht. Offenbar spart sie auch am vielgerühmten Tschurifetzen. Es ist immer derselbe, den sie nach jedem Kunden einfach unter das Bett wirft und nach entgeltlicher Entladung dem nächsten Kunden zur - hm - Säuberung anbietet. Diese Entdeckung ist nicht geeignet, die Welt zu erschüttern, aber sie reicht, um mich davon zu überzeugen, niemals für Sex bezahlen zu wollen. Meinen privaten Tschurifetzen schmuggle ich seither immer mit Socken und Unterhosen in die Waschmaschine. Bis heute.

Message out of a bottle

Es sind die traurigsten Stunden, wenn ich die Insel Brač verlassen muss, weil die Ferien zu Ende sind. Erst kommt der letzte Morgen, an dem mich mein Großvater um 5 Uhr weckt, weil das Schiff nach Split um 7 Uhr ablegt. Der letzte Sonnenaufgang, der letzte Blick auf die große Pinie, unter der ich so viele fantastische Kopfreisen erlebe, der letzte Gruß der dableibenden Freunde fürs Leben. Was dann folgt, ist pure Qual der Endsommerhitze auf der Fahrt zum Flughafen bei Trogir, missmutige Volksmilizionäre, die meinen österreichischen Reisepass beäugen, und der ereignislose Flug in einer Caravelle der Austrian Airlines oder der JAT.

Diesmal aber soll alles anders sein. Wenige Tage vor meiner Abreise finde ich beim Tauchen eine alte Weinflasche am Meeresgrund. Sie hat diesen nach innen ausgebeulten Boden, der auf guten Wein schließen lässt. Ich schreibe eine Botschaft in den drei Sprachen, die ich damals beherrsche, und formuliere die Bitte an den Finder, mich an meiner Adresse in Wien zu verständigen, wo die Flasche angelandet ist. Um die Flasche wasserdicht zu machen, verschwende ich das Wachs zweier Kerzen, die meine Oma für den bei Bora oft vorkommenden Stromausfall lagert. Als die "Vladimir Nazor" in der Mitte des Bračer Kanals ist, werfe ich meine Flaschenpost weit hinter das Heck, damit die Schrauben sie nicht zermalmen können.

Zwei Monate später erreicht mich ein Brief aus Čiovo, einer kleinen Insel, die gleich bei Split liegt. Die Reise meiner Botschaft währt nur wenige Seemeilen. Die Finderin ist eine junge Frau, doppelt so alt wie ich, die meint, einen Heiratskandidaten aus dem Westen ergattern zu können, und in ihrem Brief ganz konkrete Angaben zu ihren Maßen und ihrer Willigkeit macht. Ich bin bis heute nicht sicher, ob ich möglicherweis das Glück meines Lebens verpasse, als ich beschließe, den Brief aus Čiovo unbeantwortet zu lassen.

Phantom mit Zahnschmerzen

Als Kind zieht mich der von Zypressen bewachte Friedhof von Sutivan bei der Kirche des hl. Rochus, dessen älteste tote Stivanjani seit dem 17. Jahrhundert hier schlafen, magisch an. Hier sind nur Grüfte, sogenannte Kassettengräber, die wie kleine Zimmer in den Fels gehauen sind und mit einem Deckel aus Stein verschlossen gehalten werden. Auf zweien davon sieht man Totenschädel mit gekreuzten Knochen. Für uns sind das eindeutig "Piratengräber". In Wahrheit ist das nur eine eingemeißelte Metapher für das "memento mori" zweier Bruderschaften, die ihre Toten zwecks Einsparung gemeinsam hier bestatten. Doch wir Kinder wollen unbedingt tote Piraten schauen und heben eines Tages mit gemeinsamer Kraft einen der Deckel. Ich springe in die Gruft.

Ich stehe auf einem veritablen Knochenhaufen und sehe in einer Ecke noch etwas, das wie ein kleiner Hügel aus Fingerknochen aussieht. Doch es ist Munition, die höchstwahrscheinlich die Partisanen von Sutivan hier im Zweiten Weltkrieg einlagern und nach der Siegesfeier vergessen. Jeder von uns nimmt eine Handvoll Patronen, die wir später öffnen und aus den Projektilen Halsketten machen. Ich aber nehme heimlich aus einem der Schädel auch einen Backenzahn, um als Einziger auch Halsschmuck aus einem echten Piraten zu haben.

Es dauert nicht lange, bis ich diese Grabschändung zutiefst bereue. Noch in derselben Nacht zieht ein Wärmegewitter über Brač. Ich liege zusammen mit meinem Großvater im stickigen Zimmer. Der übliche Stromausfall bei Gewitter folgt auf dem Fuß, und ich wälze mich schwitzend zwischen den Laken. Fahles Licht, das aus der Zimmertür zu strahlen scheint, weckt mich. Mein Opa schnarcht wie üblich, doch wie bei einem Audio-Dropout im ORF dringt kein Ton aus seinen vibrierenden Nasenflügeln. Aus dem Licht streckt eine knochige Gestalt den Arm aus, öffnet die Hand und hält sie mir fordernd entgegen. Großvater schnarcht plötzlich wieder, Licht und Phantom sind weg, die Botschaft ist glasklar. Am nächsten Tag bekommt der "Pirat" seinen Zahn zurück.

Heute weiß ich, dass dies nur die Regung schlechten Gewissens über die Pietätlosigkeit dieser postmortalen Zahnextraktion ist, die sich im dämmernden Hitzeschlaf eines halbwüchsigen Vollidioten manifestiert. An Gespenster, den Weihnachtsmann und Gott glaube ich damals wie heute nicht. An Außerirdische, und dass sie netter sind als wir, hingegen schon. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 3.8.2012)

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23 Postings

Danke für die Erinnerung an den "Tschurifetzn"! Danzer, schau oba...

Balkan und Sky: beides schön. bsunders in personalunion.

im mai, rund um die mitte, hab ich mir auf einer wettfahrt zwischen den bracen und hvaren meeresflächen das schienbein solettimässig zerbröselt. auch acht rippen standen der belastung nicht stand und beliebten zu brechen. also auf ins spliter spital mit meinen splittern. die schmerzen waren durchaus im spürbaren bereich und ein schmerzmittel war die forderung der stunde. also frug ich eine der herumwuselnden schwestern. sicher eine der hübschesten am europaischen kontinent. nur mit deutsch-englisch.
"please, i need a painkiller"
mit dem hübschesten lächeln fuhr die schöne zu ihrem wow-busen und hielt mir weiterlächelnd einen kugelschreiber vor mein gesicht.
"und, soll ich meinen schmerz totbeissen??" war meine frage.

ich liebe das land.

gebrochen aber nicht zerbrochen wieder in österreich angekommen war liegen angesagt. also laptop an und surfen. lange stunden. und eher zufälliger weise stolperte ich über balkan und sky.

die ersten geschichten waren im zwei-voltaren-bereich. also der schmerz durchaus spürbar aber nicht gefährlich.

acht rippen gebrochen - lachen nix so gut.

dann fing ich an die geschichte mit dem nazi-grafen zu lesen.

nach zwei wochen im koma und dem versprechen keine balkangeschichten zu lesen kam ich nach hause.
der notarzt rettete mir mein aushauchendes leben.

nachdem ich meinen rotgesprenkelten monitor endlich sauber hatte, blut ist ein zaches gebräu, konnte ich die geschichte weiterlesen.

mir tut heut noch die lunge weh.

hat sich auszahlt.

und so wie mir enterstime gregor von rezzori die maghrebinischen charaktäre und geschichten nahebrachte, so ist es heute balkan und sky der mir kroatien von einer seite zeigt, wie ich sie als nichtkrowod nie kennenlernen könnte.

und ich kann wieder geschichten vertragen ohne notärztlich versorgt werden zu müssen.

also balkan und sky schreib weiter.

Als Kind habe ich Stunden damit verbracht verzaubert um mich zu sehen,es ist nicht gerade viel.Moderate Neugier,Reisen zum Gesundheitssprengel waren das konstant zu bewältigende Spiel.Launen auf der Vorderseite des"emotionalen Standpunkts".
Kontrast.
Ein paar Kopf_Sch(l)üsse-auch unwahrscheinliche.Was schöne Momente verspricht und
zufriedenstellende ist das Gewicht der Müdigkeit;recht komplexe Situation ohne
positive Ergebnisse, aber die gewünschten Ziele.Irgendeine Art von Astralität ohne Kompetenz ... in der Tat meine Ziele alle.Und das alles in einer Brühe
Planetarer-Dissonanzen.
Starke Emotionen würden sein werden auf die Faulheit reagieren.
Ordnung machen wäre himmlisch...

Und
Buon pomeriggio al di là dell'oceano-buon weekEnd Austria!

Das Wort "Tschurifetzen"...

... habe ich schon ewig nicht mehr gelesen. Vielen Dank dafür :)

PS: Weltklasse Glosse, wie immer, aber das nur so nebenbei erwähnt.

Der komplette letzte Absatz

ist absolut genial !

wie immer

wie immer eine freude. man lernt nicht aus. und was, bitte ist ein tschurifetzen ?

Das ist aber jetzt wirklich erheiternd, daß ein Bogumil Balansky den Tschurifetzen kennt und eine Ulrike Schwarzenberger nicht.;-)

Das ist doch bei einigermaßen aufmerksamer Lektüre selbsterklärend!

"selbsterklärend!"

Wohl nicht für die typische Leserin dieser Kolumne

Kennst du das Lied vom Danzer nicht?

Ich habe es auch nicht gewusst. Aber das ergibt sich ja aus dem Text. Heute denke ich, sind Taschentücher gebräuchlicher.

lernfähig

danke für utube link. selten so gelacht, und: man lernt nicht aus..

Das ist

ein Intimreinigungstuch

juhu ... Freitag ist Bogumil-Tag!

Wieder mal musste ich durchwegs schmunzeln, einzig die "harten" Übergänge zwischen den Teil-Geschichten sind ein wenig gewöhnungsbedürftig.

Danke

das lange warten hat sich wie immer gelohnt :)

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