Nachrichten in aller Kürze
Alles zur Community
Nachrichten, die zu Ihnen kommen: Newsletter, Feeds und SMS
Alles zu unseren mobilen Angeboten: Apps, Mobilversion und SMS
Unsere Radio- und TV-Angebote
Die Zeitung im Internet: Abo, E-Paper, Anzeigen und mehr
Alles über die Redaktion von derStandard.at
Alles über Onlinewerbung, Stellenanzeigen und Immobilieninserate

Einer Putzfrau sieht man nicht unbedingt an, dass sie jeden Tag von einem Lebensabend in einem selbst gebauten Haus im eigenen Land träumt, unter einem Dach vereint mit ihren Kindern und Kindeskindern.
"Meine einzige Heimat ist die deutsche Sprache. Denn im Umgang mit der deutschen Sprache fühle ich mich wohl wie ein Fisch im Wasser": Das ist die Bilanz der Germanistin und Romanistin Irena Petrušić-Hluchý, Tochter kroatischer Gastarbeiter in Schwäbisch Hall im deutschen Bundesland Baden-Württemberg. Nach einer aufreibenden Kindheit und Jugend, die sich zwischen zwei Ländern und zwei konträren Lebenskonzepten abspielte und stets von der Idee der Rückkehr überschattet war, kehrte die Familie schließlich "aus nostalgischen Gründen" nach Kroatien zurück, "aus dem Wunsch heraus, etwas für unser Land zu tun. Aber was hat unser Land für uns getan, stellt sich da die Frage. Nicht allzu viel. Deutschland hingegen umso mehr."
Sehnsüchte und Ambitionen
Arbeitsmigration bedeutet für die Akteure großen Gewinn und großen Verlust zugleich - diese Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch den Sammelband "Gast:arbeit. Gehen - Bleiben - Zurückkehren", in dem wissenschaftliche Beiträge und reine Erfahrungsberichte der Arbeitsmigration im Raum Ex-Jugoslawien nachspüren und einen faszinierenden Mikrokosmos verwandtschaftlicher und sozialer Beziehungen freilegen.
Die Netzwerke, familiären Verstrickungen und Mechanismen, von denen Gastarbeiter wie Figuren auf einem Schachbrett präzise hin und zurück bewegt werden, sind für den Außenstehenden womöglich schwer nachvollziehbar: Einer Putzfrau sieht man nicht unbedingt an, dass sie jeden Tag von einem Lebensabend in einem selbst gebauten Haus im eigenen Land träumt, unter einem Dach vereint mit ihren Kindern und Kindeskindern.
Aufgeschobenes Lebensglück
Aber es ist gerade diese Ambition, die das Triebwerk der Arbeitsmigration bildet und dafür sorgt, dass Gastarbeiter jahrzehntelange Schufterei und eine "Zweidaheimlichkeit" auf sich nehmen und ihr eigentliches Lebensglück immer wieder aufschieben: auf den nächsten Sommer, auf den Ruhestand. Zuweilen auch auf den Sanktnimmerleinstag, denn aus zahlreichen Interviews geht hervor, dass viele Gastarbeiter nach jahrzehntelangen Strapazen den Ruhestand gar nicht mehr erleben oder, wenn doch, gar nicht wissen, was sie mit der vielen Zeit anfangen sollen.
Verzichten, arbeiten, sparen
Irgendwann soll sich der Mut, ins Unbekannte aufzubrechen, auszahlen, aber inzwischen heißt es verzichten, arbeiten, sparen und mitunter die Trennung von den eigenen Kindern in Kauf nehmen. Die kroatische Anthropologin Jasna Čapo lässt in ihrem Aufsatz "Zweidaheimlichkeit" eine Gastarbeiterin zu Wort kommen: "Ich kann mir das nicht vergeben, dass ich so auf andere (Eltern) gehört habe (...) Es war ganz normal, dass das Kind bei der Oma war (...) Ich habe deswegen sehr viel gelitten." Die Frau wirft sich selbst heute noch vor, ihre Tochter erst im Alter von 16 Jahren nach Deutschland nachgeholt zu haben.
Vergangenheit ist Zukunft
Der Gastarbeiter ist also ein gespaltenes Wesen: mit dem Körper im Gastland, mit dem Geist im Heimatland. Gespalten ist er auch zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es ist das vergangene Leben, das in Zukunft irgendwann wiederauferstehen soll - die mühevolle Gegenwart bleibt dabei auf der Strecke, denn sie ist nur Mittel zum Zweck. Dieses Hier-und-dort-Leben regelt alle wichtigen Entscheidungen, vom Arbeiten über Wohnen bis hin zum Lieben.
Über den letzteren Lebensbereich legt der Historiker Robert Pichler eine faszinierende Studie vor: In dem albanischen Dorf Veleshta im Westen der Republik Mazedonien wird alljährlich von Anfang Juli bis in die erste Augustwoche exzessiv geheiratet. Aus der ganzen Welt reisen Arbeitsmigranten an, um in aufwendigen Hochzeitsinszenierungen Frauen aus ihrem Dorf zu ehelichen. Die Folge ist ein engmaschig gestrickter Lokalpatriotismus sowie (inzwischen) über Telefon und Skype ausgeübte soziale Kontrolle.
Analyse ökonomischer Faktoren
Der Sammelband begnügt sich jedoch nicht damit, dem Leser menschliche Schicksale näherzubringen; auch gründliche und umfassende Analysen der politisch-ökonomischen Seite der Gastarbeit kommen nicht zu kurz und fördern interessante Erkenntnisse und Parallelen mit der gegenwärtigen Wirtschaftskrise zutage. Der Philosoph Boris Buden räumt mit einigen Mythen der jugoslawischen Gastarbeiterpolitik auf und sieht im Phänomen Gastarbeit "jenseits der kitschigen Heimat-hin-Heimat-her-Pathetik" weniger eine historische Episode als vielmehr einen "Vorläufer der massiven Migrationsbewegungen, die die Welt des globalen Kapitalismus entscheidend mitgestalten". Somit seien "die gastarbajteri von gestern zugleich die Boten einer erst auf uns zukommenden Zukunft". (Mascha Dabić, daStandard.at, 8.8.2012)
Jörn Nuber, Angelika Welebil (Hg.)
Gast:arbeit. Gehen - Bleiben - Zurückkehren
Positionen zur Arbeitsmigration im Raum Ex-Jugoslawien
Edition Art Science 2012
356 Seiten, 20 Euro
Derzeit wird intensiv an der Errichtung eines Archives der Migration gearbeitet. Ob das Projekt verwirklicht wird, hängt nun vom politischen Willen ab
Die Europastraße E5 war zwischen den 60ern und 80ern eine der größten und gefährlichsten Transitrouten der Welt
Die langersehnte - und dem Gastarbeitkonzept immanente - Rückkehr findet schlussendlich in vielen Fällen im Sarg statt
Das Raab-Olah-Abkommen gilt als Grundstein für die Einwanderung von Gastarbeitern in den 60er und 70er Jahren. Billige Arbeitskräfte waren damals nicht nur in Österreich heiß begehrt
Zunächst waren Gastarbeiter noch hocherwünscht - heute müssen sie selbst und ihre Nachfahren als Schuldige einer Sündenbock-Politik herhalten
Die ersten jugoslawischen Gastarbeiter sollten ihre Arbeitskraft mitbringen und die Familien zuhause lassen. In den meisten Fällen kam es ganz anders
Nicht immer folgten Migrantinnen ihren Männern nach Österreich: Die ersten Gastarbeiterinnen waren selbständige Frauen, die oft ihre Familien nachgeholt haben
In der Pension verlieren viele Gastarbeiter den Anschluss an die Gesellschaft
Die pflegebedürftigen Zuwanderer stellen die Einrichtungen vor neue Herausforderungen
Die Geschichte einer besonderen Form der Migration nach Österreich, digital "begehbar"
Freut mich, dass dieses Wort hier verwendet wird, denn das Wort Gast ist ausschlaggebend!
Ich bin es von meinen Gästen gewohnt, dass diese irgendwann wieder gehen! Das ist nämlich die Definition eines Gastes.
Selbst Helmut Schmidt hat bereits erkannt, dass es ein Fehler war die "Gast"Arbeiter in Deutschland zu behalten.
Warum müssen Artikel zur Migration immer so weinerlich und selbstmitleidig geschrieben sein? ein ständiges Nachtrauern um die "verlorene" Heimat und ein andauerndes Hadern mit dem "Migrantenschicksal" in der neuen Heimat ist omnipräsent...
Warum können Artikel über Migration nicht auch über das erfolgreiche Aufbauen einer neuen Existenz in einem anderen Land berichten, über Chancen, die im Herkunftsland nicht vorhanden waren und oft immer noch nicht vorhanden sind? Warum können sie nicht davon handeln, dass dem Herkunftsland nicht nachgetreuert wird, sondern dass es auch Migranten gibt, die froh sind, nicht mehr dort zu leben?
warum ist es für sie so schwer zu verstehen, dass migranten dankbar sind für die chancen, die sich ihnen in der neuen heimat geboten haben, UND dennoch ihre alte heimat vermissen?
wenn sie heute auswandern müssten/wollten, würden sie dann nie wieder im leben an ihre kindheit in österreich, die erinnerungen, die menschen und freunde, die sie zurückgelassen haben und an österreich im allgemeinen denken, manchmal auch mit wehmut?
querbeet durch alle migrantengruppen gibt es doch diese sehnsucht nach der alten heimat, auch wenn man sich in der neuen sehr wohl fühlt. das kann man den menschen doch nicht vorwerfen.
der Begriff "Heimat" begleitet, Migranten und Migrantinnen ihr ganzes Leben lang... Letztendlich ist das Gefühl von Heimat, immer da wo man geboren ist und seine Kindheit verbracht hat... Als Kind in ein neues Land zu kommen und sich zu integrieren ist sicher leichter als es für die Eltern ist, aber auch die MigrantenInnen-Kinder, setzten sich ihr ganze Leben mit der Frage auseinander: Wo gehör ich hin? Integriert im neuen Land mit dazugehörigen sozialen Kontakten, hat man trotzdem das Gefühl, dass etwas einem nicht komplementiert... Mit diesen Gefühlen ausgestattet, lebt man sein Leben lang... danke für den Beitrag!
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.