Der Quoten-Migrant

Analyse | Olja Alvir, 17. August 2012, 19:15
  • Die ORF-Serie Tschuschen-Power floppte im Jahr 2009.
    foto: orf

    Die ORF-Serie Tschuschen-Power floppte im Jahr 2009.

Im deutschsprachigen Fernsehen sind Migranten unterrepräsentiert und meist klischeehaft besetzt. Als Vorbild könnten einige US-Serien dienen

"Für die ORF-Serie Cop Stories werden noch Komparsen und Kleindarsteller gesucht. Hauptsächlich Menschen mit Migrationshintergrund. Aber auch Komparsen und Kleindarsteller ohne Migrationshintergrund für kleine Polizistenrollen. Ort: Restaurant Kent, Märzstraße." So suchte der ORF im Frühjahr in der Kronenzeitung nach Statisten für die "Cop Stories". Die Serie soll den Alltag Wiener Polizisten in traditionell "migrantischen" Bezirken darstellen. Polizisten werden hier wohl von Menschen "ohne Migrationshintergrund" gespielt, welche Rollen jene "mit" spielen werden, lässt sich erahnen.

Mitten im Zehnten

Dieser kurze Aufruf zum Casting fasst prägnant alles zusammen, was im deutschsprachigen Fernsehen in Punkto Diversität schief läuft. Migranten sind sowohl als Schauspieler als auch als vollwertige, handlungstragende Figuren unterrepräsentiert. Wenn sie auftreten, dann in klischeebehafteten Nebenrollen, die meist die gängigsten Vorurteile verkörpern und damit reproduzieren. Ihre Herkunft oder Religion und die Auseinandersetzung damit sind das Wichtigste an ihrer Figur. Konflikte, die diese Figuren austragen, drehen sichmeist um die Vereinbarung der höchst klischeehaft dargestellten "migrantischen" Werte (Patriarchat, fromme Religiosität) und der "modernen" westlichen Lebensweise.


Die religiöse Yagmur aus "Türkisch für Anfänger" ist Zerrissen zwischen Anziehung und Anstand.

Türkisch für Anfänger

Die deutsche Serie "Türkisch für Anfänger" zeigt beispielsweise eindrucksvoll, wie eine Patchwork-Familie funktionieren kann, obwohl ein Teil deutsch und der andere türkisch ist. Die türkischen Kinder: Natürlich "der krasse Oberprolet" und die fromme, streng gläubige Kopftuchträgerin. Die deutsche, aufgeklärte Psychologinnenmutter ist zu allem Überfluss auch noch diejenige, die meist mit großer Weitsicht und Güte die Konflikte zwischen ihren verschiedenfarbigen Kindern schlichtet. In Österreich hingegen gabt es Tschuschen-Power in der gleichnamigen Mini-Serie - mit denselben herkunftsbezogenen Handlungssträngen. Abgesehen von diesen Sonderformaten haben migrantische Geschichten im deutschsprachigen TV-Mainstream keinen Platz. Obwohl - im Tatort kontrollierten die Mafia-Serben ja immerhin eine ganze klischeeverseuchte Folge.

Vielfältiges Programm

Im amerikanischen Fernsehen, das im Allgemeinen ein viel konservativeres Image hat, scheint sich langsam ein vorbildlicher Wandel zu vollziehen. Während bei uns der Quoten-Schwarze und der Strohmann-Türke herhalten müssen, sind einige amerikanische Serien dazu übergegangen, Diversität in der Cast ernst zu nehmen. Nicht nur das - manche erklären Diversity zum Prinzip, zum Konzept.

In "Glee" bringt Singen und Tanzen die beliebten Schüler und die "Underdogs" in einem furios-funkelnden Musical-Spektakel zusammen.>

Schwarze, Asiaten, Juden, Christen, Schwule, Lesben - sogar seltene Gäste wie junge Menschen im Rollstuhl oder Trisomie-21 - sie alle sind in der Musical-Comedy "Glee" vertreten. Und noch mehr: Sie sind nicht nur Statisten für die weißen, blonden und blauäugigen Hauptdarsteller, sondern sie gehören zu den Trägern der Haupthandlung. Die Eigenschaften, die sie "anders" machen, werden zwar thematisiert, gehören aber bei weitem nicht zum Kern der Figuren. Es sind dreidimensionale Charaktere mit Hoffnungen, Wünschen und Vorstellungen. - ganz abseits des flachen Bildes, das die Mehrheitsbevölkerung von ihnen teilweise hat. "If we`re gonna have a character with a disability on the show, then we`re gonna make the disability the least part of the role", erklärt der Produzent Glees, Ryan Murphy, die "mediale Integration" in einer Casting-Show.

In "Community" werden Vorurteile und Klischees durch eine absurd-komische Brille betrachtet>.

Komödie statt Krimi

Selbstverständliche Einbindung, Inklusion ohne ständige Betonung des Andersseins - das ist, was im Umgang mit Diversität im Fernsehen fehlt. Sie würde ein natürliches, ungezwungenes Identifikationsangebot darstellen. Und die Unterrepräsentierten nehmen liebend gerne an. Deshalb ist Glee auch eine der beliebtesten Shows bei jungem Publikum in den U.S.A. Aber auch in "30 Rock" und "Community" werden Diversität unter den Darstellern und auch in der Thematisierung gerecht. Die Serien erfüllen die Voraussetzungen für den "Gleichberechtigungstest" (sowohl für Frauen als auch für "coloured people") und versuchen, mit allen Mitteln der Komödie mit Klischees zu brechen - während deutschsprachige Sendungen die Klischees als Komödie verwenden. Oder die "Ausländer" dorthin verbannen, wo sie hingehörten: in den Krimi.

30 Rock erklärt, warum in alten amerikanischen Schwarzweiß-Comedies maximal ein Afroamerikaner vorkommt.

Buntes Fernsehen

Das Rezept für ein vielfältigeres, moderneres und auch interessanteres Fernsehen, das im deutschsprachigen Raum vermisst wird, enthält Folgendes: Mehr Konzentration auf glaubwürdige, vielschichtige Charaktere, die nicht der Mehrheitsbevölkerung angehören. Weniger platter "interkultureller Konflikt" und lockere, unverkrampfte Einbindung (migrantischer Geschichten) in den TV-Mainstream und seine Hauptabendprogramm-Lieblinge. Wer weiß, vielleicht müssen wir dann nicht nur amerikanische Serien schauen. (Olja Alvir, 18.8.2012)

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Österreichische Produktionen mit denen aus den USA zu vergleichen macht keinen Sinn.

Viele Bundesstaaten der USA sind nunmal sehr multikulturell.
Bei uns erleb ichs nicht selten, dass alle zu gaffen beginnen, sobald ein Afroösterreicher (wenn der Ausdruck falsch ist, bitte ich um Verzeihung) die U-Bahn betritt.

Wie schaut es mit den Quoten-Migranten in arabischen, afrikanischen oder chinesischen Serien aus?

das mantra diversity gilt doch ausschließlich für europäischstämmige menschen in australien,europa,usa. wir müssen eben bunter werden. pikanterweise machen gerade die antirassisten dies allein an der hautfarbe fest.

Also bei "Türkisch für Anfänger" haben wir schon einmal einen türkischen Kommissar,

einen ruhigen besonnenen Typen, Partner der deutschen Psychologenmutter und Vater des Vollprolos und des überfrommen Mädchens, und dem macht zumindest letzteres eher Sorgen. Was jetzt die US-Serien betrifft, möchte ich schon bezweifeln, dass die Charaktere aus dem Bedürfnis heraus kreiert werden, der Welt endlich zu zeigen, wie völlig gleich wir doch alle sind. Verschiedenheiten und ihr Aufeinandertreffen liefern perfekten Stoff für Gags, und um die geht es den Seienmachern. Serie lustig = gern geschaut = viel Geld.

Ah, und noch was: der Autor von "Türkisch für Anfänger"

heißt Bora Dagtekin. Sollte eigentlich unverdächtig sein, dumpf Klischees zu bedienen, oder?

also glee kann durchaus...

...auch anders betrachtet werden: cracked.com hat GLEE auf Platz vier der Liste der "The 5 Most Bafflingly Racist Shows on TV Right Now"
-> http://www.cracked.com/blog/the-... right-now/

"Hence the two Asian characters on the show have the same last name. The Jew's last name is Ben Israel and he's as sexually deranged as Gladstone. The Latina cheerleader is actually named Santana Lopez, possibly because they had to cut Conchita Luisa Mexicasa out of the script. There's even actually an Irish exchange student who is immediately believed to be a leprechaun."

und was solls

Dass Türken sich den Tatort anschauen ist ein Wunschtraum der ORF Autochthonen ... Die nehmen sich immer noch viel zu wichtig. Dabei ist das nur mehr ein kleiner Provinzsender innerhalb Europas. WEn interessiert, was die senden!

An den Wohnungen unserer Bürger mit südlichem
Migrationshintergrund sehe ich Satellitenschüsseln, die nach Süden weisen ...

Das Fersehprogramm da ist keinesfalls schlechter als das von ORF - was ja eh nicht so schwer wäre.

Satellitenschüsseln

zeigen immer nach Süden - zumindest in Österreich!

Schön -nur politisch leider VÖLLIG unkorrekt- wäre

eine Serie, in der sich ausschließlich gut aussehende blonde und blauäugige Menschen durch typisch österreichische Berg und See Idyllen bewegen, Elfen gleich!

Diese unterhalten sich dann geistreich über Kunst und Kultur, hören Musik von Schubert und Wagner und sind stets vorbildlich gekleidet.

Eben eine Art verkitschtes Gegen Klischee zu einer Migranten Saga.

Stellen Sie sich bitte den Aufschrei vor, der durch solch eine ORF? Serie provoziert würde!

Klischee vs. politische Korrektheit...

Die Frage ist, ob das Fernsehen eine Vorbildrolle einnehmen und Volkserziehung leisten muss, oder ob es ein Spiegel der Realität sein soll, den so mancher pc-Apostel schwer erträgt. Die Frage ist diskussionswürdig, ob manche Migranten-Gruppen im TV schlechter dargestellt werden, als die Realität hergibt. Das liegt wohl im Auge des Betrachters. Die andere Seite der Medaille ist das kosmopolitische Bild, dass in vielen Werbungen gezeigt wird und mit Sicherheit nicht der Realität entspricht. Auf der Homepage jedes großen Konzerns, jedes staatlichen Folders und auch im deutschen TV, gibt es kaum ein Bild, wo nicht Schwarze, Asiaten, muslimisch Aussehende und Weiße gemeinsam westlich fein gekleidet in die Kamera grinsen.DAS finde ich lächerlich.

Durfte ich auch so erlevben vorige Woche... Photograph in der Firma: "die dunklen und die Frau ganz nach vorn!" wir habens eben mit Humor genommen, wenn man drüber nachdenkt is es seeeehr gestellt.

Warus soll es lächerlich sein? Konzerne wirken nun einmal international, und wenn du nach Delhi reist wird dein indischer Partner sicher keinen Turban tragen.

Nein, aber wenn eine Firma Fotos von ihren "Mitarbeitern" bei der Arbeit ins Netz stellt, in der alle Ethnien lächelnd vertreten sind, oder eine Broschüre eine Schule vorstellt, in der zu gleichen Teilen Europäer, Araber, Schwarze, etc. sitzen, geschniegelt und gestriegelt, ja schlicht verwestlicht oder im deutschen TV überall andere Ethnien oder sexuell anders Orientierte mehr als überrepräsentiert werden, dann ist das schlichtweg lächerlich. So sieht die Realität nun mal nicht aus und daher klar meine Frage: Soll die Realität abgebildet werden oder eine Welt, wie wir sie uns wünschen? Was eine private Firma/Schule/Sender/etc. tut ist ja egal - es geht mir hier ums staatliche Fernsehen und die Aufregung im obigen Artikel.

Sind ja nur gekaufte Fotos

aus irgendwelchen Datenbanken. Traurig weil ich mich als Mitarbeiter der eigenen Firma gar nicht mehr repräsentiert fühle.

ich denke, die überrepräsentanz kommt daher, weil reißerische, interessante gschichten erzählt werden sollen

also genau etwas, was die meisten zuseher eben nicht den ganzen tag haben

das ist natürlich extrem klischeeträchtig (russenmafia, drogensüchtige stricher, türkengang etcpp) und sicher nicht, was frau alvir sich vorstellt

also mmn, weder noch: weder soll die realität abgebildet werden, noch soll eine vision verkauft werden

es werden klischees sanft gedroschen und phantasiegeschichten erzählt, die den horizont immer ein bisschen erweitern, je nach autorenteam eben...

wird überzeichnet (wie beim bullen v.t. neulich), macht sich das ohnehin unangemehm bemerkbar

i.

Ehrlich gesagt, ich verstehe immer noch nicht, was daran schlecht sein soll wenn zu gleichen Teilen Europäer, Araber, Schwarze, etc., geschniegelt und gestriegelt usw. gemeinsam sitzen..? Ob es auch realistisch ist? Ich glaube schon, es kommt halt darauf an, wo man sich bewegt. Am Stammtisch mögen zwar keine Araber, Schwarze, etc., sitzen, aber Stammtische werden wir auch kaum in NY, London, Paris oder Tokyo vorfinden, die finden wir heute kaum noch in Wien, Linz, Salzburg oder Innsbruck...

ii.

Heute ist es kein Widerspruch, das Eigene zu bewahren und zugleich weltoffen zu sein, im Gegenteil, das macht die Welt interessant. Bedenke, wenn Österreich weltoffen ist, dann kann z.B. auch der Österreicher etwa in den Vereinigten Staaten ein stolzer Österreicher sein. So dagegen muss der Österreicher außerhalb Österreichs sein Österreichersein oftmals verstecken. Wie heißt es so schön: Wie du hineinschreist, so schreit es dir auch zurück..

Sollt eigentlich kein Wunder sein, wenn Sendungen wie "Tschuschen-Power" floppen,

Der Titel beleidigt alle Migranten, die werden sich also das ganze schonmal nicht anschauen, und die Österreicher, die Migranten so bezeichnen, wollen sicher keine Serie über selbige in den Hauptrollen sehen...

Und was soll dieses ewige "USA als Vorbild", wofür werden die Kreativköpfe beim ORF eigentlich bezahlt? Es wird alles einfach nur blind aus den USA abgekupfert, sei es Starmania, Dancing with the Stars, Was gibt es neues, die Liste könnt ewig so weitergehen.

Wisst ihr welche Serien beliebt und erfolgreich waren? Originale österreichische, MA2412, Ein echter Wiener geht nicht unter, und Kommisar Rex ist sogar eine der erfolgreichsten Serien der Welt (!) gewesen.

Mit abschreiben ist noch nie wer weit gekommen...

Glee ist für mich ein schlechtes Beispiel für sogenanntes Type-Casting. Warum?

Lea Michele welche Rachel spielt ist nämlich gar nicht jüdisch, sondern katholisch. Das ist an und für sich egal, aber gewählt wurde sie wohl weil sie dem amerikanischen Klischee von "jewishness" entspricht.

Dianna Agron, welche das typische WASP-Girlie Quinn spielt, ist allerdings wirklich jüdisch.

Aber sie hätte wohl nicht ins Stereotyp gepasst. Was soll also diese scheinbare "Diversität"? Es werden stereotype Bilder reproduziert, sonst nichts.

es ist natürlich ein paradoxon

man möchte eine eigenschaft als positiv hervorstreichen, die aber eigentlich nicht auffallen soll, weil sie ja normal geworden ist

und raus kommt dann oft was verkrampftes, weil eben, wie sie schreiben, erst recht entlang der eingetrampelten wege gecastet wird

es hat auch mit dem erzieherischen gestus zu tun, dass es komisch wirkt

es funktioniert mmn, wenn interesse und neugier geweckt wird, was nach der ersten befriedigung in wurschtigkeit und akzeptanz, aber auch in "jetzt ist aber wieder mal gut" umschlägt. ziel erreicht.

andererseits ist fernsehen eine große klischeemaschine, siehe den bullen von tölz oder die rosenheimcops...

als migrant pendelt sich meine meinung oft zwischen "kein thema" und "nja, so schlimm is ah ned" ein

aber wenn ich auf daStandard.at schauen, dann bekomme ich jedes mal aufs neue den eindruck, dass es eine art apartheid geben in österreich geben muss...

korrektur

"dass es eine art apartheid in österreich geben muss..."

noch etwas zu "höchst klischeehaft dargestellten "migrantischen" Werten (Patriarchat, fromme Religiosität)"

diese zeitung höchstselbst präsentiert seit jahr und tag die identität des wortes "migrationshintergrund" mit "kopftuchtragender junger frau"

zuletzt u.a. bei einem wissenschaftsthema und der rwr-card

also pflegt mal das klischee selber nicht so laut, dann müsst ihr euch auch nicht drüber echauffieren, dass es andere übernehmen...

Fairerweise

sollten wir erwähnen, dass es nicht nur den Migranten so geht. Auch um die österreichischen Volksgruppen steht es nicht viel besser.. Oder wo sehen wir im Fernsehen Burgenlandkroaten, Kärntner Slowenen oder Wiener Juden, außer wenn sie vielleicht als gut assimilierte "Quoten"-Volksgruppen präsentiert werden sollen? Hier ist aber Österreich kein Einzelfall in Europa und der EU.

Der Vergleich mit den USA funktioniert nicht

Die USA sind ein Einwanderungsland, in dem JEDER ganz selbstverständlich zwei Identitäten hat: Man ist stolz, Amerikaner zu sein, und gleichzeitig ist man stolz auf seine Herkunft als Italiener, Ire, Jude, Afroamerikaner etc. pp. Das ist in Deutschland (und Österreich) völlig anders. Hier gibt es eine indigene Kultur auf der einen und eine Zuwandererkultur auf der anderen Seite. Von den Zuwanderern wird erwartet, dass sie sich entweder völlig assimilieren und ihre Herkunft verleugnen (siehe die Debatte zu den Namensänderungen), oder dass sie ewige Fremde und Fremdkörper bleiben. Dieser Konflikt schlägt sich natürlich auch im Fernsehen nieder.

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