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Meine beste Zeit habe ich als Redaktions- und Regieassistent der großartigen Elizabeth T. Spira. Einige jener, die uns damals in die Kamera reden, verfolgen mich immer noch in meinen Albträumen.
In den 90er Jahren bin ich ein Bewohner der schillernden Welt der D- und C-Liga der Fernsehmacher. Ich bin oft auf Tour mit der Ö3-Mountainmania, drehe einmal mit Freddy Iversen, der Kinder-TV-Legende des ORF, einen Unfallverhütungsfilm für die ÖBB und später selbst einen Imagefilm für die Ottakringer Brauerei. Im Universum der Klein- und Kleinst-TV-Produktionen ist man flexibel, reisefreudig, belastbar - und bleibt arm.
Wir sind die dynamische, neue, herausfordernde, freche und was weiß ich noch für eine Sendung. Das schreiben die Zeitungen, und es macht uns stolz. Und groß, wenn auch nur scheinbar. Denn wir sind nur wenige: der Regisseur, der Moderator, der Kameramann, sein Assistent und ich als Produktions- und Aufnahmeleiter. Der Cutter schneidet auch die andere Sendung der kleinen Produktionsfirma im 9. Bezirk. Also gehört er nur halb zur Crew.
Bisher ist das mein am besten bezahlter Job. Und der härteste. Ich erstelle Drehpläne, lege Termine fest und leite Dreharbeiten, oft 16 Stunden täglich. Und ich verwalte die Vorschuss-Schulden der Crew. Die Produktionskassa ist voll mit Zetteln, Servietten und Bierdeckeln mit Betrag, Datum und Unterschrift. Aber die Jungs zahlen immer pünktlich zurück. Ein Kameramann manchmal mit Koks. Schließlich lautet die goldene Regel: Never fuck the crew!
In dieser Nacht drehen wir live den Rap-Star, dessen Welttournee in einer großen Wiener Disco Station macht. Die Plattenfirma rät uns, die Visagistin fernzuhalten, weil der Star weiße Frauen manchmal bespuckt. Nach dem Konzert ist im VIP-Bereich die Autogrammstunde. Der Star raucht einen wirklich großen Joint und unterschreibt auf allem, was ihm entgegengehalten wird. Seine minderjährigen Fans sind in Begleitung ihrer Eltern hier. Lauter nette Eltern, die normalerweise mindestens die Todesstrafe für "Drogen-Neger" herbeiwünschen, aber hier nur den Rauch vergeblich mit der Hand verscheuchen wollen. Ich denke, an diesem Abend, zu Hause, lachen diese Eltern und Kinder miteinander wie noch nie zuvor und essen in trautem Beisammensein ganz viele Snacks, die Vater im Halbstundentakt von der Tanke holt.
In einer anderen Nacht drehen wir in einer anderen Disco in Wien einen anderen Star auf Tournee. Diesem Star hat die Plattenfirma eine Betreuerin zugeteilt, die objektiv heiß ist. Star-Betreuerinnen haben einen der beschissensten Jobs in der Musikbranche. Ein Warteraum zu Höherem, der keine Zeit für Beziehung oder auch nur Sex lässt und schlecht bezahlt ist. Diese Betreuerin will Sex mit mir, weil unser beider Ablauf in dieser Nacht gleichzeitig eine 20-minütige Lücke hat. Während meine Jungs das Konzert covern, können wir in einer Garderobe ficken. Doch der Kameraassistent muss kotzen und ich übernehme Tonpegel und Handlicht. Never fuck the crew. Durch den Graben vor der Bühne sehe ich, wie die Star-Betreuerin mit einem Kellner in der Garderobe verschwindet. Unsere Blicke treffen einander kurz. Ich sehe sie nie wieder. Drei Monate später wird die Sendung eingestellt und kurz darauf auch der Sender.
Eine Bank will ihren Mitarbeitern mit einem Imagefilm verschleiern, dass die Umstellung im Kundenbetreuungssystem doch Arbeitsplätze kostet, Mehrarbeit, mehr Leistungsdruck und weniger Lohn bringt. Ich reise aus Palmanova nach Wien, um ein 20-Minuten-Drehbuch nach Motiven aus "Die fabelhafte Welt der Amelie" zu schreiben.
Das macht mich zum Büttel zweier Sorten Menschen, die das nur morphologisch sind: Marketingleute und Produzenten haben nichts Menschliches in ihrem Inneren. Sie sind gierige und gewissenlose Betrüger. Mein Produzent schuldet halb Wien Geld und ist dauernd auf Koks. Deswegen habe ich einen Vertrag, der eine Drittelzahlung in bar vorsieht. Und deswegen lehne ich ab, als er mir die Hälfte sofort zahlen will. Ich nehme nur mein Drittel und verbringe die nächsten zwei Wochen schreibend in der Wohnung der Freundin des Produzenten. Sie wohnt ohnehin seit kurzem bei ihm, weil sie seit kurzem volljährig ist.
Der inoffizielle Teil meiner Gage sind hundert Gramm bestes Gras, das mir die Freundin des Produzenten am zweiten Abend bringt. Sie ist wirklich Partygirl, wirklich seicht und wirklich geil auf Typen, die ihr Papa sein können. Sie zeigt mir die Piercings an ihren Brustwarzen und erzählt von den SM-Nächten mit dem Produzenten und seinen Kumpels. Dann zeigt sie mir ihre anderen Piercings. Alle. In manchen Stellungen klimpern sie.
Nach genau 14 Tagen ist das Drehbuch zu Ende geschrieben. Der Produzent will meine ausstehenden zwei Drittel der Gage nächste Woche auf mein Konto in Italien überweisen, statt sie mir wie vereinbart bei der Übergabe des Manuskriptes in bar auszuzahlen. Es könnte wegen seiner Freundin sein, doch ich vermute schlichtes Geschäftsprinzip. Ich soll Teil seiner Schuldnergemeinde werden und ewig auf mein Geld warten. Weil ich drohe, mit dem Drehbuch nach Italien zu fahren und dort bis zur Überweisung zu warten, und weil ich weiß, dass die Bank spätestens morgen das Drehbuch sehen will, bekomme ich schließlich das Geld in bar. Ich werde von seinem Cutter und dem Produktionsleiter auf einem Parkplatz in der Sechshauser Straße ausbezahlt. Wie ein Drogendealer.
Meine beste Zeit habe ich als Redaktions- und Regieassistent der großartigen Elizabeth T. Spira. Zwei Jahre touren wir mit den "Alltagsgeschichten" und den "Liebesg'schichten und Heiratssachen" durch das lichte und öfter noch durch das dunkle Österreich. Einige jener, die uns damals in die Kamera reden, verfolgen mich immer noch in meinen Albträumen. Genauso wie ein Ausstattungschef im Schauspielhaus in der Ära des Hans Gratzer, der mit dem Abbruch der Dreharbeiten droht, weil unsere Reflektoren in seiner Kulisse so deplatziert wirken und ihn Physik, Lichtempfindlichkeit einer TV-Kamera und unser Vertrag nicht interessieren.
Unvergessen während dieser paar Jahre im TV-Jahrmarkt ist und bleibt jedoch die Begegnung mit Liz Mitchell, der letzten Überlebenden der Crew von Boney M. Wenn ich heute den Wicht ins Bett bringe, singe ich gleich nach "Bella Ciao" und der "Internationale" immer auch etwas von Boney M. Und sage ganz leise: "Papa hat Liz interviewt, mein Sohn. Eines Tages verstehst du, was das bedeutet." (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 31.8.2012)
In der Schule werden wir Kumpel weil er sich über meine Schwester beschwert. Er sagt, sie sei ein unglaublicher Geizhals, der sich nicht einmal mit dem Hinweis auf die Solidarität unter uns Tschuschen anschnorren lässt. Oder anbaggern. Ich nicke stumm und biete ihm eine Zigarette an
Einst denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts allein in Zügen aufwacht. Doch Jahre später, als mich der Besitz eines Automobils so richtig erwachsen macht, denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts alleine im Auto nicht einschläft
Um in Österreich Fluglotse zu werden, so heißt es, muss man räumliches Vorstellungsvermögen, Verständnis für Technik, Teamgeist und Verantwortungsgefühl im Übermaß haben
Während der letzten zwei Wochen blattert unser Sohn feucht vor sich hin. Und darf nicht in den Kindergarten. Bis die roten Wimmerln verheilen habe ich keine Zeit zum Schreiben. Aber ich habe genug Zeit um in Texten zu stöbern, gerettet aus den Trümmern meiner vorletzten Festplatte
Es bedeutet nur "außerhalb der Regel" und so nennt man in Dalmatien Sportarten mit Abenteuergeschmack. Doch für die Stivanjani sind es mehr als bloß zwei Worte, seit einer von Ihnen daraus eine öffentliche Party macht, die eine ganze Woche des Mittsommers in Sutivan tobt
Onkel Rifat kommt aus Ägypten, lernt in Beograd meine Tante Iva kennen und fährt für dubiose Geschäfte nach Triest und Alexandria, wo sein Devisenkonto liegt
Wovor sich ein Balkan-Scheißmacho-Partisanenenkel-Oberkotzbrocken fürchtet
Es ist fast wie mit der Erfindung des Rades. Alle Kommunisten aller Länder meinen gleichzeitig, das Wohnglück der Arbeiterklasse in den Plattenbauten von Neustädten zu erfinden
Die Erleichterung kommt schnell, weil im Wartebereich der chirurgischen Abteilung sonst niemand wartet. Wir sind im Pavillon 16 in Lainz, es ist Samstag
Am Ende eines anstrengenden Tages, wenn nichts mehr eilig ist, döse ich oft in der U6, und meine Tagträume vermischen sich mit dem Zischen der Türen und Wortfetzen
Wer in Dalmatien männlichen Geschlechtes und zwischen dem Anfang und dem Ende der Pubertät ist, wird Mulac genannt. Die herausragende Eigenschaft die den Mulci anhängt, ist das intensive Betreiben von Unfug aller Art
Als Papa mich das erste Mal prügelt, bin ich gerade zwei. Ich kann mich nicht erinnern und weiß es nur aus Erzählungen von Mama. Alle späteren Prügel bleiben ein blasser Erinnerungsbrei, weil es so viele sind
Ich habe schon von ihr geschrieben: der Prostituierten Ivana, meiner Meidlinger Nachbarin. Hier ist ihre ganze - und ganz und gar traurige - Geschichte
Die Idee ist einfach: Jemand mietet eine Yacht für zwei Wochen, fährt aber nur eine Woche, die zweite überlässt er den Kindern von "Mirno More". Das bedeutet "friedliches Meer" und ist der Gruß der Seefahrer Dalmatiens
Die Missgeschicke anderer zu genießen ist nur die halbe Kunst. Man muss stets bereit sein, die eigene Malaise auszukosten
"Die Spira" feiert ihren Siebziger in einem Ottakringer Wirtshaus und ist aufgeladen wie eine fabrikneue Autobatterie
Selbstverständlich liebe ich meine Familie. Darüber hinaus erheitern Sex, Drugs and Rock'n'Roll jenen Teil meines Hirns, der von der mächtigen Eidechse abstammt. Irgendwo dazwischen ist meine persönliche Twighlight Zone der Freude am Missgeschick anderer
Grad hat man einen teuren, schlechten Film über Jesu Wiederkunft in Sachen Weltuntergang gedreht. Von Weltuntergängen halte ich nix. Von Jesu Geburt hingegen sehr viel. Besonders dann, wenn ich sie mir in Simmering unserer Tage denke
Es gibt fünf Dinge, die ich mehr hasse als den Winter in Wien
In den letzten Wochen sterben drei Menschen, die ich kenne und zwei weitere liegen im Koma ohne Wiederkehr. Wien im Winter scheint mir besonders morbid, allemal zu Weihnachten
Ich bin g'rad intelligent genug, um zu wissen, dass ich nichts Weltbewegendes dazu sagen kann, was nicht schon längst gesagt ist
Ich verbringe 1992/93 insgesamt acht Monate in Kroatien auf der Insel Brač. Freunde fragen mich auch heute noch, wozu ich das gebraucht hab'
Es gibt eine Art migrantischen Phantomschmerz, der über das gewöhnliche Heimweh hinausgeht. Es ist nicht so schlimm, wie das, was mancher Opa meiner österreichischen Freunde damals in Stalingrad beim Gedanken an Wien oder Rust empfindet. Diese unsere, migrantische Nostalgie ist irgendwo dazwischen
Ich kann nicht sagen, dass ich beim Bundesheer nichts lerne. Ich lerne beispielsweise, wie man am besten so tut, als ob man was tut
Es gibt diesen pathetischen Augenblick, in dem ein Vater glaubt einen Brief an seinen Sohn schreiben zu müssen, damit im Falle des vorzeitigen Ablebens möglichst nichts von seiner eigenen, im Laufe der Jahre erworbenen Lebensweisheit verloren geht
ja, ich find sie auch wunderbar. zugegebenermaßen, die liebesgschichten haben mich früher abgeschreckt. es ist nicht leicht menschen in ihrer unzulänglichkeit und bedürftigkeit zu ertragen. heuer bin ich fast süchtig geworden (ich übertreibe etwas), irgendwie gibt es mehr interessante, unterhaltsame und stärkere kandidaten. heute waren's der anton aus tirol und der wiener peppi, der im burgenland wohnt, die es mir angetan haben. der blick und die inszenierung sind liebevoll und liebevoll ironisch. ich schau mir die sendung an und denke "oho, gottes garten ist ein bunter zoo!".
ja, und BBs geschichte ist schillernd in der tat.
Witzig und rasant geschrieben - wie wahrscheinlich auch die Sendungen bei den Prolos waren. Inhaltlich verstand ich aber nicht, wie man sich über dieses Milieu ärgern kann und dabei die Spira als moralische Leuchte dem gegenüberstellt. Spira bzw. ihre Sendung ist ja so ziemlich das Letzte und vor allem Feigeste, was man sich an Boulevarddreck nur vorstellen kann. Im Deckmantel einer so genannten Doku werden hier auf widrigste Weise Menschen am Rande zum Gaudium des Publikums vorgeführt. So stellen ich mir Gehsteckreinigung mit der Zahnbürste vor.
(snacks "von der Tanke".
Es "klimpert bei manchen Stellungen". Wobei man gerade einem balkanischen Phlegmatiker die wechselnden Stellungen nicht zutraut).
Er schreibt gut, aber irgendwie zu bemüht.
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