Gebärdensprache: Macht und Verantwortung

Interview | Mascha Dabić, 17. September 2012, 09:00
  • Dieses Zeichen bedeutet "dolmetschen".
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    Dieses Zeichen bedeutet "dolmetschen".

  • Die Dolmetscherin für Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) Elke Schaumberger engagiert sich seit Jahren im Berufsverband ÖGSDV.

    Die Dolmetscherin für Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) Elke Schaumberger engagiert sich seit Jahren im Berufsverband ÖGSDV.

Elke Schaumberger erklärt, wieso Gebärdensprache nicht international ist und Gebärdensprachdolmetscher keine Sozialarbeiter sind

Elke Schaumberger, Dolmetscherin für Österreichische Gebärdensprache (ÖGS), engagiert sich seit Jahren im Berufsverband ÖGSDV. Heuer ist es der österreichische Verband, der eine Zusammenkunft von Kollegen aus ganz Europa im Rahmen einer Konferenz in Wien ausrichtet. Gefeiert wird das 20-jährige Bestehen der europäischen Plattform für Gebärdensprachdolmetscher (European Forum of Sign Language Interpreters, EFSLI). Im Gespräch mit daStandard.at erzählt sie von Vernetzung und Professionalisierung in diesem Berufsfeld.

daStandard.at: Gebärdensprachdolmetschen ist ein ungewöhnlicher Beruf. Wie kommt man dazu?

Schaumberger: Bei mir ist dieser Wunsch im Alter von 17 aufgetaucht. Wir haben in der Schule ein Fest der Sprachen in Linz besucht, in jedem Raum wurde eine andere Sprache vorgestellt. Auch die Gebärdensprache war dabei. Das hat mich fasziniert, und ich wusste gleich, das will ich machen.

daStandard.at: Wie ging es dann weiter?

Schaumberger: Damals konnte man sich nur in Graz an der Uni zur Gebärdensprachdolmetscherin ausbilden lassen, also ging ich 1998 nach Graz und studierte dort. Inzwischen wird auch eine Ausbildung in Linz angeboten, aber eher in Form einer Fachhochschule.

daStandard.at: Wie Gebärdensprache funktioniert, ist nicht wirklich bekannt. Welche Fragen werden Ihnen immer wieder gestellt und welche Fehlannahmen gibt es?

Schaumberger: Der klassische Irrtum ist, dass man glaubt, Gebärdensprache sei weltweit gleich. Man stellt mir oft die Frage: Ist die Gebärdensprache international? Viele stellen sich das so toll vor, dass man in der ganzen Welt mit Gebärden kommunizieren kann. Ich komme dann immer mit Esperanto: Ich sage, das war auch eine schöne Vorstellung, aber niemand ist bereit, seine Sprache für etwas Künstliches aufzugeben.

Das funktioniert auch mit Gebärdensprache nicht. Die Gebärdensprachen haben sich weltweit unterschiedlich entwickelt. Es gab nicht ein bestimmtes internationales Treffen, bei dem man sich Gebärden ausgemacht hätte. Die Gebärdensprache ist eben eine natürliche und keine künstliche Sprache.

daStandard.at: Was sollte jemand, der mit Gebärdensprache nichts zu tun hat, darüber wissen?

Schaumberger: Viele Leute stellen sich vor, die Gebärdensprache ist eine Aneinanderreihung von Handzeichen. Aber die Gebärdensprache hat eine eigene Grammatik, und man muss Vokabeln und Grammatikregeln auswendig lernen, ganz genau wie bei jeder anderen Sprache auch. Zuerst kann man einfache Sätze formulieren, später Gliedsätze. Der Lernprozess ist also eins zu eins vergleichbar mit einer anderen Sprache, nur der Kanal ist ein anderer. Und auch Mimik oder die Bewegungen des Oberkörpers haben eine Funktion zu unterhalten.

Oft fragt man mich, ist es schwierig? Wie lange braucht man? Ich sage dann immer, es kommt auf das Talent, auf die Person an, wie oft pro Woche man einen Kurs besucht. Wie bei jeder anderen Sprache eben auch.

daStandard.at: Wenn Sie in einem anderen Land mit Sprechern der dortigen Gebärdensprache zusammentreffen, verstehen Sie dann etwas? Ist es so, wie wenn ein Deutschsprachiger in Holland ein paar Brocken aufschnappen kann?

Schaumberger: Es gibt Verwandtschaften. Beispielsweise kann ich einen Gehörlosen aus Prag gut verstehen und mit ihm Smalltalk führen. Aber Tschechisch verstehe ich nicht, da habe ich diese Möglichkeit zu kommunizieren nicht.

Es gibt sogenannte transparente Gebärden, die sich selbst erklären, etwa für Trinken und Essen, das kann man logisch nachvollziehen. Dann gibt es aber viele nicht transparente Gebärden, und die Leute fragen mich oft, warum ist denn das so? Ich sage dann, man kann nicht alles erklären, und es ist nicht alles ganz offensichtlich.

daStandard.at: Sie arbeiten als freiberufliche Dolmetscherin, wobei Sie etwa gehörlose Menschen bei Behördengängen begleiten. Wie kann man sich den Beruf des Gebärdensprachdolmetschers vorstellen?

Schaumberger: Wir Dolmetscher fallen stark in die soziale Schiene, und man nimmt uns als Sozialarbeiter oder Bekannte unserer Klienten wahr. Aber das, was wir machen, ist eine professionelle Dienstleistung und keine Hilfestellung.

daStandard.at: Seit wann gibt es Professionalisierungsbestrebungen unter Gebärdensprachdolmetschern?

Schaumberger: Die Professionalisierung hat 1998 begonnen mit der Gründung des Dolmetschverbands. Davor waren Gehörlose auf die Hilfe von Freunden und Verwandten angewiesen. Die Professionalisierung ist natürlich ein jahrelanger Prozess, der nie ganz abgeschlossen ist. Aber inzwischen sind wir so weit, dass es Ausbildungsstandards und Zertifizierungen gibt, und das macht einen großen Unterschied. Der Berufsverband bietet Weiterbildungen und Austauschtreffen an. Wir diskutieren über die Rolle des Dolmetschers: Wie viel Macht und wie viel Verantwortung habe ich als Dolmetscherin?

daStandard.at: Mit welchen Problemen sind Sie in der Praxis konfrontiert?

Schaumberger: Seit die Gebärdensprache im Jahr 2005 als offizielle Sprache anerkannt wurde, hat sich viel getan, vor allem auf dem Papier, aber auch in der Realität. Die Gebärdensprache wird heute als interessant und exotisch wahrgenommen, sie ist positiv besetzt. Das war früher ganz und gar nicht so, viele ältere Gehörlose mussten sich für diese Sprache noch gewissermaßen schämen.
Aber aus unserer Sicht gibt es noch viel zu tun.

Wir Dolmetscher wollen in erster Linie unsere Arbeitsbedingungen gut regeln und sichern. Denn immer wieder müssen wir uns rechtfertigen, warum eine Stunde unserer Arbeitszeit so und so viel kostet, und warum wir Stornogebühren verlangen, wenn ein Termin abgesagt wird. Beim Installateur wird der Preis aber auch nicht hinterfragt. Und wenn man einen Tennisplatz bucht und nicht hingeht, muss man trotzdem bezahlen. Diesbezüglich herrscht aus unserer Sicht noch Aufklärungsbedarf. (Mascha Dabić, daStandard.at, 17.9.2012)

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18 Postings
Danke

Ein wirklich interessanter Artikel. Habe zwar mit Gebärdensprache noch kaum zu tun gehabt, fand das Interview aber umso besser.

Muss auch einmal gesagt werden.

Gebärdensprache ist eindeutig eine Bereicherung. Mit Verblüffen und Bewunderung sehe ich meiner Großmutter (sie ist schwerhörig) und ihren gehörlosen Bekannten zu.
Ein CI ist eben, wie schon erwähnt, NICHT immer möglich. Manche Kinder besitzen ein CI und sind weder in der "hörenden" noch in der "gehörlosen" Welt zuhause ...
Außerdem ist die Gebärdensprach-Kultur eine eigene interessante Kultur ...
Und das Wort "taubstumm" ist ja wohl wahrlich veraltet.

ÖGS-Studierende dolmetschen

an der Grazer Uni für Studieninteressierte:
http://www.unigate.at/assessmen... /pages/106

leider immernoch nur in graz. wann kann man ögsdolmetschen endlich auch in wien studieren..

Hmm.
Drei oder vier Artikel binnen weniger Wochen, alle über eine aussterbende Sprache ...

Wäre es nicht sinnvoller, über die Cochlea-Implantate zu berichten? Dank dieser Technologie, die seit Jahren allen gehörlosen Kleinkindern eingepflanzt wird, gibt es keine neuen bzw "Taubstummen" mehr.

Ich hab in meiner Diplomarbeit (eher am Rande damals, weil ich stark kürzen musste, aber ich hatte viel drüber gelesen) auch ein paar Zeilen über die Situation gehörloser und auch schwerhöriger Menschen geschrieben. Damals hatte ich auch über das CI gelesen, und das, was du behauptest, stimmt einfach nicht - diese "Argumente" sind heute noch immer genauso falsch wie damals. CI kommt erstens gar nicht für alle in Frage, wird daher nicht allen gehörlosen Kleinkindern eingesetzt, und kann ein intaktes Gehör auch nicht ersetzen - es ist ein Behelf. Übrigens haben auch schon damals die Verbände Betroffener darauf aufmerksam gemacht, dass und warum "taubstumm" 1. sachlich falsch und 2. ein völliger Anachronismus ist.

oh geistig nackter akhbar ..

... wenn man von einem thema so penetrant wenig ahnung hat wie du, sollte man die finger von der tastatur lassen! bitte! danke!

Es geht bei dem Ganze nicht um "entweder oder oder", sondern um "sowohl als auch, denn mit einem CI (Cochlea-Implantat) ist man im besten falle (wenn es funktioniert) mittelgradig schwerhörig. Solche festgefahrene Meinungen wie ihre machen auch das Leben von CI-Trägern schwer, denn das CI ist ein Hilfsmittel, mehr nicht.

Nun (vielleicht änderst du da deine Meinung, aber das bezweifle ich) ein Link zu einem Artikel über eine CI-Trägerin und Gebärdensprache:

http://schnecke-online.de/index.php... 320050898e

Ich kenne etliche CI-Träger und sie würden gerne deine Gurgel wegen deinen Ansichten gerne ...

?

Ahnungslos oder intellektuell daniederliegend, oder beides? Die untenstehenden Poster stellen ganz klar dar, wann ein CI überhaupt möglich ist, nämlich nicht in allen Fällen!

Gebärdensprache ist auch eine Bereicherung für normal Hörende.

wenn sie keine Ahnung von einem Thema haben sollten sie schweigen .....

Was für ein Unsinn!

Cochlea-Implantate funktionieren nur dann wenn der Hörnerv noch funktioniert, also längst nicht bei allen Gehörlosen.
Die Gebärdensprache ermöglicht Gehörlosen eine normale Entwicklung. Bedauernswert sind die Kinder, die wegen der Eitelkeit ihrer Eltern nicht die Gebärdensprache lernen können/dürfen. Ihnen wird ein wesentlicher Teil der geistigen Entwicklung unötig erschwert.
Lesen sie "Stumme Stimmen" von Oliver Sacks, dann wird Ihnen vielleicht manches klarer...

Gebärdensprache fördert auch Menschen mit CI

Es ist wissenschaftlich belegt, dass die Gebärdensprache von große Nutzen in der sprachliche Förderung ist. Auch für Menschen mit CI. Sprachenvielfalt statt Sprachmonotonie.
Und Aussterben wird gerade diese Sprache nicht. Indianersprachen z.B. können leicht dem Linguizid zum Opfer fallen, weil die Kommunikationswerkzeuge (Hören&Sprechen) die gleichen sind. Bei der Gebärdensprache ists nicht der Fall :)

Was ist bitte CI?

Das stimmt nicht. Erstens bringt ein Cochlea-Implantat nicht bei jedem Gehörlosen etwas. Wenn beispielsweise der Hörnerv beschädigt ist oder die Schnecke komplett verknöchert ist. Und Zweitens bleibt man auch mit Cochlea-Implantat gehörlos bzw. taub. Es macht einen bestenfalls schwerhörig, aber nie normalhörend! Außerdem kann man das Implantat beispielsweise beim Schwimmen nicht benutzen und man kriegt akustisch nix mit. Und als Unterstützung ist die Gebärdensprache auch für Schwerhörige sehr nützlich.

Akhbar- probieren Sie einmal das neueste CI für Hörende- CI aufs Händen, ist das nicht wunderbar gebärden zu können?

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