Bestiarium Friulanum

Glosse | Bogumil Balkansky, 21. September 2012, 05:30
  • Ein Hinweis für alle angehenden Auswanderer: Wer migriert, muss anfangs oft in Löchern leben und sich mit unerwünschten Mitbewohnern plagen.
    foto: dpa/wolfgang kumm

    Ein Hinweis für alle angehenden Auswanderer: Wer migriert, muss anfangs oft in Löchern leben und sich mit unerwünschten Mitbewohnern plagen.

Als ich meiner Freundin im Wettrennen um Job und Wohnung unterliege und deshalb im Friaul lande, erwarten mich eine zugekackte Wohnung und ein besonders beschissenes Schicksal

Wer migriert, muss anfangs oft in Löchern leben und sich mit unerwünschten Mitbewohnern plagen. Mein Vater beispielsweise nächtigt in Wien in einem Stadtbahnbogen. Im Winter. Da sind Ratten, Wanzen und irgendwas, das hinter einigen Brettern lebt, nachts Geräusche macht und von dem mein Papa gar nicht wissen will, was es ist. Als wir im Friaul ankommen, werde ich an all diese Wohngeschichten meines Vaters erinnert. Drastisch.

Ich arbeite damals gerade in München und meine Freundin im Friaul. Der Deal ist: Wer zuerst Wohnung und Dauerjob ergattert, zu dem zieht dann der andere. Meine Freundin ist schneller, fleißiger und klüger als ich. Also ziehe ich in den Friaul.

Wohnen im Zoo

Als mich meine Freundin in Udine vom Bahnhof abholt, bin ich nur glücklich, endlich wieder mit ihr zusammen zu sein. Wir besteigen den Schienenbus, der die Dörfer um Udine verbindet, nur noch 20 Minuten trennen mich von dem neuen Wohngefühl in Santa Maria la Longa. Meine Freundin beginnt einen Dialog, der sich als eine als Information getarnte schonende Vorbereitung entpuppt.

"Ach, und Susi wird mit ihrem Baby zwei, drei Wochen mit uns wohnen ..."
"Kein Problem, mein Schatz! Von mir aus kann Susi auch länger ..."

Mir ist alles wurscht, solange wir ein eigenes Zimmer für den Willkommensfick haben. Dann jedoch beendet meine Freundin den angefangenen Satz.

"... und ihre Katzen ... Schatz."
"Katzen? Plural? Na, wie romantisch! Dass die sich bloß nicht vermehren ..."
"Nein, bestimmt nicht! Alle sieben sind sterilisiert."

Nun ist mir nicht mehr alles wurscht. Aber, so denke ich, zwei, drei Wochen geht das schon. Dann setzt meine Freundin weiter fort.

"Und der Bernhardiner ist auch schon kastriert. Macht sicher keine Probleme. Die Katzen lieben ihn, und er sie!"

Alles, was nach "Bernhardiner" kommt, nehme ich zunächst nicht mehr wahr.

"Bernhardiner?!"

Doch meine Freundin macht einfach weiter.

"Die Wellensittiche sind tagsüber etwas laut, aber dafür quietscht das Meerschweinchen so gut wie nie!"

Da ist sie: die Wahrheit! Ich bin dabei, mit meiner Freundin in einem Zoo zu wohnen, was mir fröhlich irgendwo zwischen Lumignacco und Tissano ganz nebenbei mitgeteilt wird.

Tatsächlich ist das Erste, in das ich beim Betreten unseres neuen Zuhauses steige, eine Pfütze Hundeurin. Ich suche verzweifelt nach einer stoischen Synapse in meinem Hirn, um sie einzuschalten. Doch schon am nächsten Morgen brennt sie durch. Schlaftrunken wanke ich in das Bad, einem für mich mystischen Ort des Nachdenkens und Abkackens mit anschließender Dusche.

Wir haben sogar, das merke ich mit großer Freude, eine Badewanne - die aber über Nacht von mindestens drei der Katzen als Klo betrachtet wird. Ich denke ja schon am Abend zuvor, dass zwei Katzenkisten für sieben Katzen zu wenig sind. Ich erwarte bloß nicht, Katzenkacke in der Badewanne vorzufinden. Später stellt sich heraus, dass zumindest eine der Katzen auch den Käfig des Meerschweinchens als Klo betrachtet. Und dass Susi das Heu des armen Tieres seit mindestens zwei Monaten nicht gewechselt hat. Was den Geruch erklärt, der daraus hervorströmt.

Nach einem ernsten Gespräch wird die Sache besser. Und das Meerschweinchen bekommt frisches Heu. Nun bleiben nur noch die zugeschissenen Windeln, die Susi einfach unter das Gitterbett schiebt. Doch drei Monate später zieht Susi nach Ronchiettis und stinkt dort weiter.

Das Prequel, ...

Die Vorgeschichte von Susi, besagter "Stinkerten", ist zum Kotzen traurig. Mit 16 geht sie auf den Babystrich, wo sie der "Tulpen-Anton" (dem eine künftige Kolumne gewidmet ist) aufliest und in seinem Puff bei Wien arbeiten lässt. Im Laufe der Zeit gebiert Susi drei Kinder, die das Jugendamt wegen ihrer Wohnadresse in einem Puff sofort an Pflegefamilien weitergibt. Zwei von diesen Kindern werden, wie sich später herausstellt, in diesen "Familien" sexuell missbraucht. Kaum in Italien angekommen, gebiert Susi noch ein Kind, dessen Vater ein Fernfahrer ist, der bald für immer davonfährt.

... das Sequel ...

Kurz nach ihrer Übersiedlung überredet ihre Schwester Susi, die Katzen über die Mauer des Tierheimes zu werfen, den Bernhardiner in einem Bauernhof bei Klagenfurt abzugeben und dem Meerschweinchen das Heu regelmäßig zu wechseln. Die Wellensittiche fliegen aus Unachtsamkeit davon und erfrieren im nahen Winter. Heute ist Susis Mädchen etwa zwölf und lebt mit Susi in einer betreuten WG in Udine. Manchmal, so hören wir von ihrer Schwester, kommen die beiden nach Wien. Das Mädchen ist wohlauf und Susi hat endgültig keine Zähne mehr im Kopf.

... und ein Loch in der Wand

Susis Dankbarkeit in Form einer Felldecke, die mit Flöhen verseucht ist, beschert uns eine Plage, deren Verlauf ich in einer früheren Kolumne beschrieben habe. Nach Verbrennung der Matratze, der Bettwäsche und des Kastens borgen wir zur Sicherheit noch eine Katze von Bauer Edi aus und geben sie zurück, sobald wir sicher sind, dass alle überlebenden Flöhe auf der Katze sind.

Etwas später wird es notwendig, zwischen Zimmer und Bad ein Loch in die Wand zu schlagen, um eine tropfende Wasserleitung zu reparieren. Während wir einige Wochen auf den Installateur warten, merken wir, dass vormittags und nachmittags ein, zwei Stunden lang die Sonne genau in das Loch scheint und einer kleinen Pflanze Wachstum ermöglicht. Gleich darüber webt eine Spinne ihr Netz, und wir bewundern jeden Morgen, was für Insekten ihr in die Falle gehen. Wir beschließen, unser kleines Biotop mit Plexiglas zu verdecken, bis der Installateur kommt, und zu beobachten, wie sich unsere private "Unversum"-Doku weiterentwickelt.

Mäuse mögen das Fliegen nicht

Eines Nachts wache ich auf, weil mir eine Maus über den nackten Rücken läuft. Nun haben wir, am Land nicht unüblich, auch eine Mäuseplage. Doch die flohverseuchte Katze wollen wir nicht wieder haben. Also kaufen wir vergiftetes Korn. Das soll todsicher wirken und sieht mit dem roten Giftbelag auch ziemlich tödlich aus. Doch alles, was wir finden, sind die sorgsam entfernten Giftkrusten des Korns.

Diese Maus ist nicht von gestern. Ich versuche es mit einem Klebestreifen. Am nächsten Tag klebt die Maus! Doch es erscheint uns karmatechnisch übel, sie einfach zu erschlagen. Erschrecken finden wir besser. Ich löse die Maus vorsichtig vom Klebestreifen, trage sie in den Hof und werfe sie hoch in Richtung der großen Eiche. Die Blätter fangen sie nach kurzem Flug auf und sie kommt nie wieder.

Die Moral hier könnte lauten: "Nimm keine Geschenke von stinkenden Menschen, auch Spinnen haben Unterhaltungswert, sei nicht grausam zu Mäusen - aber auch nicht allzu nett!" (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 21.9.2012)

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  • Bogumil Balkansky

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  • Bogumil Balkansky

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  • Bogumil Balkansky

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  • Bogumil Balkansky

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  • Bogumil Balkansky

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  • Bogumil Balkansky

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  • Bogumil Balkansky

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  • Bogumil Balkansky

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  • Bogumil Balkansky

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  • Bogumil Balkansky

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  • Bogumil Balkansky

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  • Bogumil Balkansky

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  • Bogumil Balkanksy

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  • Bogumil Balkansky

    Die Farbe des Krieges - Kriegsgschichtln, Teil 2 [19]

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  • Bogumil Balkansky

    Bum-Bum Kalaschnikow - Kriegsg'schicht'ln, Teil 1 [30]

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  • Bogumil Balkansky

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  • Bogumil Balkansky

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  • Bogumil Balkansky

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18 Postings
wg-erfahrung

das ist ja eine der zentralen wg-erfahrungen: ehrfürchtiges staunen über die tatsache, wie grauslich junge leut sein können und wie grauslich die erst sein werden, wenn sie alt sind.

Ich trag anscheinende einen Gutteil Balkan in mir herum.....fühle mich in diesen Stories so zu Hause......freu mich jedesmal, wenn´s wieder eine neue gibt

Karmatechnisch eher negativer Einfluss

Pack'ma alles Ungute (Prostitution, Kindesmisshandlung, unerwünschte Schwangerschaften, Sch**sse, Gestank, Dreck, Insekten, Parasiten, gequälte Tiere, uva.) in einen Topf und rühr'ma g'schwind um!

Die Kolumne ein einziges Braunschlag! Hurra!

Und da wundern wir uns über den Verfall Europas.

ROFL

(wirklich!)

BB, sie haben wohl wenig ausgelassen, was?

das erste mal und ich find's super

bin beiläufig über diesen beitrag gestolpert....wirklich unterhaltsame mischung mit
"lustigen" vokabeln

Einmal mehr: Danke für eine wunderbare Geschichte!
Inzwischen bin ich schwer und unheilbar süchtig nach Balkansky ...

Wunderbar Herr Colic, wunderbar!

ich liebe seine geschichten!

Tolle Geschichte nur eine Frage

Kenn mich Karmatechnisch ja nicht so aus aber ist für das Karma schlimmer/besser die Maus zu erschlagen anstatt zu vergiften, man stelle sich vor das Gift hätte gewirkt, und vielleicht hatte die maus ja das Karma von einer Katze getötet zu werden, die muss dann womöglich nochmal als Maus kommen...(wir haben auch 4 katzen im bgld. und unsere katze erledigt die mäuse ihrem karma entsprechend und bringt sie uns dann obwohl manchmal will sie auch etwas gutes fur unser karma tun, und bringt die maus dann lebend nach haus ;)

GUTE FRAGE!

aber in unserer verzweiflung nach allen sieben ägyptischen plagen hatten wir nur einen gedanken: TÖTEN!
dann, als wir gesehen haben, das das nicht so leint ist, kam: KLEBEN!
aber als dann die arme maus da klebte und in angst quitschte...
hm...
ist das irgendwie eine antwort?

Lebendfalle

Also ich verwende ausschließlich Fallen wo die Maus durch Leckerei wie Käse oder Schokolade sicher angelockt wird und nicht zu Schaden kommt. Ist für beide Seiten die "humanste" Lösung und danach kann die Maus, in einiger Entfernung zum Haus, wieder in die Freiheit entlassen werden.

Ich komme mit der Zeit nicht ganz klar, ist das aktuell, oder wie lange ist die Geschichte her? Und lebt der Vater von Balkansky immer noch unter dem Stadtbahnbogen? Das wär allerdings tragisch...

historisches Präsens.

BINGO!

papa ist zur zeit eine verseifte leiche im zinnsarg. ich hab mal ausgerechnet, dass ich mich mit ihm etwa 10 jahre lang waschen könnte...

papa ist zur zeit eine verseifte leiche im zinnsarg.

Was jeder weiß, der Ihre Geschichten von Anfang an gelesen hat ;-)))

nice story- very nice indeeeed.
:-)

i love it

Wie immer hinreißend fließend erzählt und mir gefällt auch, dass sich die einzelnen Geschichten, wie Mosaiksteinchen schön langsam zusammenfügen... Fantastisch!

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