Es sind 22 Jahre, Baby!

Glosse | Bogumil Balkansky, 27. September 2012, 11:34
  • Klischeehaftes Symbolbild: Verliebte Schwäne.
    foto: re.ko. / pixelio.de

    Klischeehaftes Symbolbild: Verliebte Schwäne.

Wenn es März wird, sind meine Freundin und ich fast ein Vierteljahrhundert ein Paar. Unser Freund Todor meint, weil wir einander schon seit langer Zeit alles im Voraus verzeihen. Szenen keiner Beziehungskiste

Ihr Bruder ist mein ehemaliger Klassenkamerad und Kumpel. Sie ist 19, als es passiert. Ich bin betrunken, als es passiert. Und es passiert am 1. März 1990. Es ist mein erster Abend in Wien, nach einer langen Autofahrt von Brač. Nach Brač flüchte ich, um die Trennung von meiner damaligen Freundin wegzusaufen. Mit großem Erfolg. Nun sitze ich in Wien bei meinem Kumpel und betrinke mich aus reiner Routine. Weil ich bald kaum noch gehen kann, soll ich über Nacht im Gästezimmer ausnüchtern.

True Romance

Auf dem Weg zum Gästezimmer geht eine Tür neben mir auf, und die kleine Schwester meines Freundes zieht mich ins Badezimmer. Sie ist nackt, die Badewanne ist voll und schaumig, bald sind wir drinnen. Selbstverständlich machen wir in ihrem Zimmer weiter (bis heute), doch in dieser Nacht, beim ersten Mal, trifft uns das Klischee des erwachenden Bruders, der seine kleine Schwester mit dem Schulfreund erwischt. Immerhin ist er Realist, schüttelt nur den Kopf und geht wortlos.

Liebe ist: Miteinander reden!

Wir haben kein TV-Gerät. Wir haben den Roten Berg. Dort hat der Vater meiner Freundin eine riesige Wohnung, weilt aber oft wochenlang am Wolfgangsee. Dann wohnen wir dort. Hauptsächlich im Fernsehzimmer. Ja, Fernsehzimmer.

Am liebsten sehen wir uns Dokumentarfilme an. Diesmal einen über die Dinosaurier. Bald ist meine Freundin müde und geht schlafen. Ich schleiche zur Bar ihres Vaters und mit dem Hennessy zurück in das Fernsehzimmer. Als der große Meteor kommt, bin ich so voll wie in unserer ersten Nacht eine Tür weiter. Da wanke ich wieder hin und schlafe wie ein Toter.

Am nächsten Morgen fragt mich meine Freundin: "Wie ist das gestern noch ausgegangen mit den Dinosauriern?" Es ist so: Wir Männer - und damit meine ich nur echte Kerle, die 20 oder mehr Jahre immer mit derselben Frau leben - wissen, dass unsere Frauen nicht ungebildet sind. Aber wir wissen auch, dass sie uns oft Fragen stellen, die von uns Männern zu viel Assoziationsarbeit verlangen. Deswegen weiß ich, was meine Freundin meint: "Haben die auch den Meteor gezeigt?" Doch trotz unseres sicheren Wissens um das Missverständnis bestrafen wir echten Männer so eine Frage mit einer Antwort wie dieser: "Die armen Dinos sind alle gestorben, mein Schatz!"

Anschließend lache ich eine gefühlte Stunde über meine Antwort. Doch Gott straft kleine Sünden sofort. Ich kichere noch, als ich wieder im Fernsehzimmer sitze, um den Morgen mit Teletext zu verbringen. Eine Schlagzeile lautet: "Kapitän der Enterprise suspendiert". Was den in mir schlummernden Trekkie weckt: "Schatz! Die haben Captain Kirk gefeuert!"

Es ist so: Man kann ein echter Mann und ein Trekkie sein. Punkt. Und man kann voraussetzen, dass unsere Frauen das wissen und daher wenigstens einigermaßen verstehen, was es bedeutet, wenn James Tiberius Kirk mit einer Pappschachtel und gesenkten Kopfes aus dem Personalbüro der Sternenflotte wankt. Meine Freundin ist informiert: "Seicherl! Das ist nur ein Schauspieler! Die meinen den Kapitän des Flugzeugträgers. Der hat Matrosen ausgegriffen oder so was Unamerikanisches ..."

Und meine Freundin ist grausam: "Mmmmh! Matrosen! Ich kann den verstehen ... Ach, Schatz, bevor ich's vergesse: Mir ist Captain Kirk und sein Star Wars so was von unfassbar wurscht." Das ist die Rache. Unsere Frauen wissen genau, wie sehr es uns trifft, wenn sie den harten Sternenhelden unserer Kindheit in das Universum der Weicheier stoßen. Dann schweigen wir. Und lachen nimmer.

Das andere Links!

Ja, auch das ist ein Klischee: Links, rechts, Norden, Osten und so weiter sind Begriffe aus der Männersprache. Meine Freundin braucht schon deswegen keinen Norden, weil sie den Stadtplan von Auckland, wo man links fährt und rechts steuert, einfach in jeder Kurve mitdreht. Links und rechts sind ebenfalls gleichgültig; ich merke, dass sie rechts meint, wenn sie ihren rechten Arm einfach wortlos in mein Gesichtsfeld streckt. Ich sehe nichts mehr vor mir, aber das ist ja wurscht, weil ich sowieso rechts abbiegen muss.

Die wortlose Geste ist das Resultat eines vorangegangenen Streits über das Drehen des Stadtplans und das rätselhafte Rechts-links-Phänomen. Dieser Streit endet mit den Worten: "Na gut, scheiß Macho. Dann zeig ich's dir halt mit der Hand! Nachher holst dir selber einen runter!" Das Mitdrehen des Stadtplans bringt uns dennoch ans Ziel. Ich verzeihe ihr für immer das Drehen des Stadtplans. Und onaniere beim Duschen.

Das Trauma

Seit 22 Jahren koche ich täglich für uns. Meistens wasche ich auch ab, nur um auch das klarzustellen. Und: Ja! Ich gehe auch einkaufen. Und wenn ich koche, dulde ich niemanden in meiner Küche. Ich will keine Zuschauer, keine Ablenkungen und keine Fragen. Das hat einen guten Grund.

An diesem Abend mache ich das beste Moussaka meines Lebens: grob, fett und rural. Alles, sogar das separate Zubereiten der Melanzani, ist vorschriftsmäßig. Nur wenige Minuten noch, ich öffne den Wein. Dann, endlich: Mit zwei Topflappen hole ich vorsichtig die Kasserolle aus dem Ofen, hebe sie, drehe mich zur Arbeitsfläche, und meine Freundin öffnet plötzlich die Küchentür: "Machst den Wein bitte auf, Schatz?"

Diese brutale Störung meiner Konzentration bewirkt eine Erschütterung im Gefüge der Macht (ich mag "Star Wars" irgendwie doch), mein perfektes Moussaka köpfelt auf den Küchenboden. Die Kasserolle fliegt hinterher und zermatscht es an einem Ende noch. Meine Freundin ist in der Pose erstarrt, weil sie in meiner Gesichtsentgleisung lesen kann, welche seelische Erschütterung mich soeben lähmt. Letztlich hindert mich das Moussaka-Trauma noch drei Jahre lang, eines zu machen.

Der Stein der Weisen

Am Ende des Tages kann ich nur sagen, dass Todor wohl recht hat. Wir essen trotzdem Moussaka, weil der Alex eines macht, und ich darf anschließend mit Alex zu ihm nach Hause, wo wir uns die komplette erste TV-Staffel von "Star Trek" reinziehen und Cabernet trinken. Wir haben längst kein Auto mehr, brauchen nur den Stadtplan aus dem Internet, und unser Sohn weiß eh, wo der Park ist. Das Leben kann ein langer, ruhiger Sommertag sein.

Ach! Das Wichtigste, das ich fast vergessen hätte: Niemals, unter keinen Umständen, nie nicht - ein Gespräch vor dem Kaffee anfangen! Niemals! (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 27.9.2012)

Gewidmet meiner Freundin.

Und jetzt ein Hilferuf an meine Leser: Ich bin zu dumm und geschmacklos, um eine dezente Homepage einzurichten. Wer kann das für mich tun? E-Mail: bogumil.balkansky@gmx.at

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Lieber Herr Balkansky,

Es ist Freitag. Jetzt habens uns schon angefixt, jetzt könnens uns doch nicht so hängen lassen!

ich kann gar nicht genug davon kriegen/lesen!

Wozu braucht ein Mann dieses Namens eine Homepage?

Er braucht stattdessen eine Heimatseite. Mit Bild von deutschem Schäferhund darauf - Schäferhund im Zwielicht...

Herzelichst ;-)
Ihr Lappe

:-) !!

"Es sind 22 Jahre, Baby!"

"Nein! Es sind 23!"

absolut lesenswert.bitte mehr davon!

... und gar niemals nie nicht "vor dem Kaffee" ans telefon gehen :-)

wiedermal sehr sympathisch - Danke für die gute Laune beim Lesen...

mathematik

Wenn es März wird, sind meine Freundin und ich fast ein Vierteljahrhundert ein Paar.

nachdems dann 22 jahre sein werden (laut angabe)
sinds heute auch fast ein vierteljahrhundert.

wenn man schon solche wissenslücken hat, muss man sie ja nicht unbedingt gleich veröffentlichen!

blablabla. danke für diesen wirklich völlig sinn- und zweckfreien beitrag. may god bless you

Schmallippig den Balkansky in die Schranken weisen geht gar nicht

Wenn 22 Jahre für ihn erst in ein paar Monaten fast ein Vierteljahrhundert sind, dann ist das eben so. Sie können doch da nicht mit Mathematik kommen! Der Mann bringt mit seinen Worten den Duft von Rosmarin und Heidekraut und das Gehöllere von drei Millionen Zikaden nach Wien, dafür sind wir ihm ewig dankbar! Mathematik, pffff.

Haben Sie eigentlich selbst sonst kein Leben, dass Sie sich mit derartigen Nebensächlichkeiten beschäftigen müssen?

danke, dass sie uns aufgeklärt haben. das war wirklich wichtig!

Herzerwärmend!

weniger saufen und fernsehen

dan kommt man auch auf mehr Abwechslung und muß nicht unter der Dusche ordinieren^^

Also Männer,

die vor dem Kaffee quasseln, geben damit zweifelsfrei kund, lebensüberdrüssig zu sein, :))

Wunderbarer Artikel, Applaus!

Liebe ist: Miteinander reden!

zum niederknien, der text!

BB, sie können schreiben und (moussaka) kochen, was brauchens selber eine homepage einrichten können?

herzliche gratulation zur zahl 22!

Probieren Sie es mal hier:
http://de.wordpress.com/
Das ist wirklich nicht schwer zu machen...

Guter Mann,

eher zu träge, bequem und faul und pfiffig dazu, den Ehrgeiz der User zu wecken. ;o)

Eine dezente Homepage paßt sowieso nicht zu Ihnen und ich glaub, Sie sind einfach nur zu faul zum Einrichten.
Aber sonst bin ich Ihr Fan.;-)

Selbst ist der Mann: http://de.selfhtml.org/

;)

Ah, brrr.
Sorry, aber das Ding ist mittlerweile schon zu alt, um als Referenz herzuhalten...

Für den Anfang perfekt.

Ich glaub', er will ja nicht anfangen, eine Webseite zu basteln, sondern seine herrlichen Geschichten veröffentlichen.

Heutzutage nimmt man sich dazu einen Speicherplatz eines ordentlichen Providers, bei dem Easy-Install CMS dabei sind, installiert sich - je nach Vorliebe - Wordpress, Joomla oder ein anderes CMS, wählt ein Template aus, das einem gefällt und kann sich um's Wesentliche, nämlich um das Verfassen solcher Geschichten kümmern, während der Self-HTML Leser noch damit beschäftigt ist, den Unterschied zwischen HTML und CSS herauszufinden.

Ich hab' mich vor vielen Jahren auch durch Self-HTML durchgekämpft, heute ist das absolut obsolet...

Deswegen sind so viele Seiten ja so wie sie sind. Nämlich eine Verschwendung von Bytes.

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