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Irena Sladoje: Paper Can Take Everything (2011). Die Darstellung von Entsetzen ohne einen Tropfen Blut.
"Svuda pođi svojoj kući dođi" ist ein im ehemaligen Jugoslawien verbreitetes Sprichwort und heißt so viel wie "Komm herum, aber kehr irgendwann nach Hause zurück" oder auch, im übertragenen Sinne: "Zu Hause ist es doch am schönsten." Der aus Bosnien stammende Künstler Elvedin Klačar macht dieses Sprichwort zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen über Verwurzelung und Exil im Wiener Künstlerhaus.
Ist es zu Hause wirklich am schönsten? Was, wenn das Zuhause nicht mehr existiert? Und was ist Zuhause überhaupt? Klačars Installation "Go everywhere, come home" besteht aus einem Apfelbaum in Topfpflanzengröße, der von einer Miniatureisenbahn umkreist wird. Die Eisenbahn fährt scheinbar vorwärts, aber in Wahrheit im Kreis; das Zuhause - der Apfelbaum - bleibt stets in Sichtweite, und so drängt sich der Gedanke auf, die Zugfahrt sei eigentlich so etwas wie eine Sisyphusflucht: vergeblich der Versuch, von daheim auszubrechen, ebenso vergeblich wie der Versuch einer Heimkehr.
Klačars Installation ist im Rahmen der Ausstellung "Das Gemeinsame, das es nicht mehr gibt", bis 7. Oktober im Künstlerhaus zu sehen, ebenso wie sieben weitere Arbeiten von Künstlern, die der Frage nachspüren, was von einer gemeinsamen Vergangenheit übrig bleibt, wenn der Krieg - ein Schnitt - dazwischenkommt.
Es ist dann auch ein Skalpell, das bei Irena Sladoje zum Einsatz kommt. In ihrer Videoarbeit "Paper can take anything", sinngemäß "Papier ist geduldig", kombiniert die visuelle Darstellung einer präzisen postoperativen Szene, bei der statt Haut Papier wie eine Wunde vernäht wird, mit Textzeilen aus Briefen, die Kriegsbetroffene an ihre Verwandten im Ausland schreiben. Da heißt es dann zum Beispiel "Es geht uns gut", "Wir erleiden keinen Hunger", "Niemand wurde verletzt", "Macht euch um uns keine Sorgen". Kein einziger Tropfen Blut ist im Film zu sehen, keine einzige beunruhigende Meldung zu lesen, und doch erweckt das Video nichts als Assoziationen mit Blutvergießen, Panik und Tod.
Anamarija Batista, einer der beiden Kuratorinnen der Ausstellung, war es ein Anliegen, zu zeigen, wie sich die alltäglichen Lebensbedingungen von Menschen ändern, wenn die Idee "des Gemeinsamen" sich verflüchtigt, beziehungsweise gewaltsam zerstört wird. Das Gemeinsame - das sind Konstruktionen auf staatlicher, familiärer, privater, gesellschaftlicher, arbeitstechnischer Ebene. Batista, die das ehemalige Jugoslawien noch als Kind erlebt hat, wollte zusammen mit der Fotografin Majda Turkić durch die Ausstellung den ausgewählten Künstlern einen Rahmen für eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Gemeinsamen bieten.
"Nach dem Krieg wurde vieles, das man fünfzig Jahre lang gemeinsam aufgebaut hatte, zerstört und nachträglich negiert. Das nützt niemandem etwas, alle werden zu Verlierern", erzählt Batista. Bei der Konzipierung der Ausstellung ließ sie sich jedoch nicht in erster Linie von persönlichen Erfahrungswerten leiten, sondern von analytischen Zugängen zu Organisationsformen. Die diplomierte Kunsthistorikerin und Ökonomin erklärt: "Es geht nicht nur um Ex-Jugoslawien, sondern auch um das gemeinsame Leben in Wien. Wir alle sind Bewohner einer Stadt, und doch wird häufiger über kulturelle und nationale Unterschiede gesprochen, anstatt darüber zu reden, was für uns alle das Gemeinsame ist, was uns alle betrifft."
Überhaupt müsse auch nach den schlimmsten Kriegsereignissen irgendwann der Moment für eine analytische Reflexion des Geschehenen: "Eine rein emotionaler Zugang zu den Geschehnissen macht die Menschen passiv und lethargisch", ist Batista überzeugt. (Mascha Dabić, daStandard.at, 3.10.2012)
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