Das Mädchen auf dem Holzpferd

Glosse | Bogumil Balkansky, 5. Oktober 2012, 15:09
  • Es ist immer dasselbe Ritual: Ich hole mein Kind aus dem Kindergarten, wir essen jeder ein Kipferl und teilen uns den Kaffee. Dann gehen wir in den Park.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Es ist immer dasselbe Ritual: Ich hole mein Kind aus dem Kindergarten, wir essen jeder ein Kipferl und teilen uns den Kaffee. Dann gehen wir in den Park.

Der Park ist, so erinnere ich mich durch meinen Sohn wieder, der wichtigste Ort einer Großstadtkindheit - In unserem Park in Meidling, gleich hinter dem "Reserl", verbringe ich meine Nachmittage mit den anderen Müttern

Es ist immer dasselbe Ritual: Ich hole mein Kind aus dem Kindergarten, wir essen jeder ein Kipferl und teilen uns den Kaffee. Dann gehen wir in den Park. Inzwischen bin ich dort ein affirmiertes Mitglied einer kleinen Gemeinschaft, bestehend aus einer Bulgarin, die gut Serbisch spricht, einer Ungarin, die gut Deutsch spricht, und unserer kroatischen Nachbarin, die perfekt Kroatisch spricht. Multikulti in Reinsubstanz.

Der Archipel Kopftuch

Wenn ich meine Brille abnehme und sofort Opfer meiner Kurzsichtigkeit werde, sehen sie aus wie kleine bunte Inseln aus Kopftüchern. Die türkischen Mütter bleiben in unserem Park unter sich und bewohnen einige Holztische mit Bänken. Alles ist da: Tee, kleine Häppchen, manche Baklava darunter. Wenn sie miteinander plaudern und ihre Köpfe neigen, drehen und heben, sieht das für einen Kurzsichtigen eben aus wie Büsche aus Farben, die in der Meeresbrise flattern.

Und weil ich die Insel-Metapher jetzt echt überspannen möcht', vergleiche ich die um ihre Mütter tobenden Kinder mit Delfinen, die sich sorglos um und zwischen den Mutterinseln tummeln. Manchmal möchte ich auch eines dieser Kids sein, ein, zwei Baklava stiebitzen und anschließend mit Ayran runterspülen. Ich finde diesen Anblick einer versammelten Mutterschaft irgendwie tröstlich. Es hat etwas die Seele Wärmendes in der großen, kalten Stadt.

Regungslos am Holzpferd

Seit einigen Tagen ist sie da. Sie ist etwa zwei, hat große schwarze Augen, dunkle Haut und ein Kopftuch, wie es in Indonesien üblich ist und das mehr wie eine spitze Kappe aussieht. Sie sitzt auf einem Holzpferd, das mit einer großen Feder im Boden verankert ist. Sie sitzt nur, schaukelt nicht und blickt in eine unbestimmte Ferne. Das dauert etwa eine halbe Stunde.

Dann kommt ihr Vater, der in der Nähe sitzt und in einem Magazin blättert, hebt sie vom Pferd, setzt sie auf eine Schaukel. Da sitzt das kleine Mädchen still und bewegungslos noch eine halbe Stunde. Danach ist der Vater mit dem Magazin durch, nimmt sie von der Schaukel und sie gehen aus dem Park. Tag für Tag. Nur traurig.

Die Schweine

In unserem Park gibt es drei Sorten von Schweinen. Die erste besteht aus nur zwei Individuen, die hinten bei den Büschen Gras verchecken. Ich habe nachgefragt: Das Gramm kostet 15 Euro! Wir wissen alle, dass gutes Gras bei der Privatconnection schon um acht Euro zu haben ist, bei größerer Menge sogar um weniger. Das ist eine ganz üble Abzocke!

Die andere Sorte ist zahlreicher und besteht aus Halbwüchsigen, die entweder mit der Wuchtl oder mit ihren 67-gängigen Fahrrädern fetzen. Einmal sehe ich, wie der Fußball einen Dreijährigen mitten ins Gesicht trifft. Es ist erstaunlich, wie weit der Kopf eines Kindes in den Nacken schnalzen kann, ohne dass die Wirbelsäule bricht. Dafür platzt die kleine Nase sofort, und das Blut spritzt zwei Meter weit. Rettungseinsatz! Bei einer anderen Gelegenheit erstaunt mich die Lautstärke des dumpfen Geräusches, das ein Kinderkopf erzeugt, der gegen Beton knallt, wenn ein etwa 16-Jähriger mit seinem Fahrrad das Kind umhaut. Rettungseinsatz!

Am schlimmsten ist jedoch eine österreichische Prolo-Family, jung, tätowiert und der deutschen Sprache nur mangelhaft kundig, die samt Kampfhund ohne Maulkorb Berge leergesoffener Energydrinks hinterlässt. Die (sehr) junge Frau hat öfter ein blaues Aug, der kleine Junge sitzt manchmal einfach nur da und stopft Salzstangerln in sein Mündchen, der "Vater" lästert laut über den immer fetter werdenden "Oasch" seiner Frau oder droht wieder mit "aner Vakehrtn" bei Widerspruchsversuch. Noch trauriger als das Mädchen auf dem Holzpferd.

Die anderen Mütter und ich

Ich bin einer der wenigen männlichen Mütter im Park. Meine Parkfreundinnen, die Bulgarin, die Ungarin und unsere kroatische Nachbarin, sind eine Insel für sich. Ich fühle mich mit ihnen wohl, weil ich sehe, dass meine Kindsorgen dieselben sind wie ihre.

Und weil die Ungarin mir öfter Fische schenkt, die ihr Vater in Ungarn fischt und am Wochenende seiner Tochter nach Wien bringt. Ausgenommen und tiefgefroren, muss ich sie nur noch auftauen und zubereiten. Hier ein Rezept für Zander: Fisch beidseitig quer einschneiden, gut salzen und in Semmelbröseln wälzen, dann in wenig heißem Öl braten, dazu gekochte Kartoffeln und ein Salat aus Cherrytomaten und Jungzwiebeln.

Die Kroatin hat immer guten Schnaps, von dem ich nach dem Parkaufenthalt bei ihr zu Hause vier, fünf Stamperln kippe. Der Mann der Bulgarin, der akzentfrei Serbisch spricht, borgt mir manchmal seine Comics. Meistens will ich "Dylan Dog" oder "Marti Misterija" lesen. Als Gegenleistung unterhalte ich unsere kleine Gruppe mit meinen Überlegungen zur Conditio humana.

Die Helden

Wenn ich mit meinem Sohn gegen 3 Uhr in den Park komme, kommen bald auch die Tanten (und mancher Onkel) aus unserem Kindergarten mit einer Schar jener Kinder, deren Eltern arbeiten und ihre Kids erst um 5 Uhr abholen können.

Für mich sind diese KindergärtnerInnen die wahren Helden des Parks. Wir vertrauen ihnen unsere Kinder jeden Tag an und meinen, es sei selbstverständlich, dass wir sie unbeschadet wiederempfangen. Welche Mühsal die Gewährleistung dieser Selbstverständlichkeit bereitet, wollen wir gar nicht wissen, genauso wie wir offenbar nicht wissen wollen, dass diese Menschen ihren Job vergleichsweise für einen Nasenrammel an Gehalt machen. An dieser Stelle meinen Dank dafür! Und die Empfehlung an alle Eltern: Schreibt dem Präsidenten der Republik, er soll da was machen, weil die anderen Politiker im Moment von zu vielen (und viel zu wichtigen) Skandalen abgelenkt sind. Den eigenen nämlich!

Das Fazit

Ich würde lieber mit meinem Kind in den nahen Schlosspark von Schönbrunn gehen, weil es dort keine Fußbälle fetzenden und mit dem Fahrrad rasenden Halbwüchsigen gibt. Ebenso wenig wie Hundescheiße, Proleten, Dealer und traurige Kinder. Aber ich habe das Gefühl, ihn damit um den Gehalt der Realität zu betrügen. Unser Sohn wird in dieser meistens wundervollen Stadt aufwachsen, deren Realität nun einmal im Park beginnt.

Und das ist gut so. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 5.10.2012)

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Danke!!

Lieber Herr Balkansky, vielen Dank für die Erwähnung der "Kindergartenonkel" und die finanzielle Unterbezahlung in diesem Bereich.

Ein "Onkel"

Kann man immer und immer wieder lesen. Danke!

Schön, dass es immer wieder Neues zu lesen gibt

spät, aber doch die Zeilen des Herrn Balkansky kennengelernt. wird wohl ein fixer bestandteil des online-lesens werden! bin auf jeden fall für die realität und weniger für die geschützte variante!
und ja ach fürwahr werden sozialen berufe total unterschätzt! und ehrlicherweise da meine schon aus dem kindergarten - sowie auch volksschulalter draussen sind - vermisse ich die zeit der nachmittagstanten und onkel (waren's wenige bis keine) mit mehr oder weniger befreundeten kindern und mit den mehr oder weniger freiwilligen neuen bekannt - meist vermeintlich geglaubten zwangsfreundschaften im park NICHT wirklich! Gut, schön und wichtig war's trotzdem!

"Wir vertrauen ihnen unsere Kinder jeden Tag an und meinen, es sei selbstverständlich, dass wir sie unbeschadet wiederempfangen. Welche Mühsal die Gewährleistung dieser Selbstverständlichkeit bereitet, wollen wir gar nicht wissen, genauso wie wir offenbar nicht wissen wollen, dass diese Menschen ihren Job vergleichsweise für einen Nasenrammel an Gehalt machen."

Danke! Das kann gar nicht oft genug wiederholt werden!

Die beschriebene Prolofamily

trifft man auch in Graz zwischen Jako und Annenstraße sehr häufig an, ich nenne sie "Substis", man hört es auch an der monotonen Sprachmelodie, tätowiert, jung, schön, Kinderwagen und Kampfhund und alle irgendwie als Feinde betrachtend, bin straßenerfahren, aber das hat seine Unberrechenbarkeit...

Herr Balkansky ist mit Abstand der beste Schreiber beim Standard atm.

Balkansky als RSS-Feed?

Gibts das?

Dankeschön!

:)

Danke

Buch schreiben! Bitteeee!

Und zwar bald, sonst werden wir nämlich grantig.

Er wird noch immer besser. Immer besser! Kaum zu glauben.

...mir fehlt in der Geschichte noch die Erwähnung der Jugo- und Bobo-Omas, welche wie Monde permanent um ihre Schützlinge kreisen und jeden pädagogischen Schwachsinn erlauben.

Sie teilen sich einen Kaffee mit ihrem Kind im Kindergarten Alter?

Latte Macchiato & Caffé Latte werden in Italien üblicherweise

als Kindergetränke geführt. Nur in Ösistan und Germanien sind sie zu "In"-Getränken der Erwachsenen geworden....

Ja

koffeinfrei.

Sage mir die Kindernamen vom Spielplatz...

...und ich sage dir, in welchem Stadtteil du dich befindest.

...florian, fabian, pavian --> 13 und 19

Herzerweichend

Man muss es einfach sagen: Der beste und schönste Artikel vom Balkansky bisher, und das will was heißen!

endlich ist er da...

warte seit 8 uhr früh drauf... wie immer wunderschön melancholisch: danke Bogumil!

Die Österreichische Familie - das sind meine Nachbarn. Er ist letztens mit mir gleichzeitig heimgekommen - waren beide besoffen, aber er deutlich mehr. Er ist dann die Treppe runtergefallen. Mehrmals.
Ich wollte ihm dann aufhelfen, aber er hat sich nochmal den Kopf an der Aufzugstür gestoßen. Da habe ich lieber die Rettung gerufen, damit ihn ein Arzt anschaut.
Irgendwer hat seiner Frau erzählt er wär mit einer Stripperin durchgebrannt und sie ist daraufhin noch in der Nacht bei ihrer Mutter eingezogen. Blöd - so hat sie die Anrufe aus dem Krankenhaus gar nicht entgegennehmen können. Dass er ihr aus Eifersucht kein Handy erlaubt hat rächt sich jetzt natürlich...

in meinem Meidlinger Park gab es immer noch ein Anzahl von alten Menschen. Viele einsam, manche aber nett zu Kindern, manche grantig und unfreundlich, manche senil, manche elendig traurig, vor allem die kranken alten Gastarbeiter, die kein Wort deutsch können, mit ihren Landsfrauen auch nichts zu besprechen haben und von der unbekannten Heimat träumen.

in dieser geschichte ist eine wunderbare balance von traurigkeit und gelassenheit in form und ton.

absolute

zustimmung! bb's texte sind solche die man nicht nur liest sondern auch spürt...

eine schöne zusammenfassung dessen, was ich bei bb's glossen empfinde. er packt einen emotional, nicht nur intellektuell. ein vergleich mit bukowski ist nicht angebracht. der schafft das bei mir nicht.

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