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An diesem Morgen ist es nicht anders: Dickdarmakrobatik und Gehirntraining. Zwischen zwei Presseinheiten frage ich: "Zeiteinheit mit drei Buchstaben? Was sagst´n du mein Schatz? Tic oder Tac?" Sie atmet saugend ein und ich weiß, dass sie die Augen nach oben rollt. "Du kiffst zu viel!" Na dann muß es wohl "Uhr" sein, denke ich und schreibe es hin. Nun steht sie an der Tür: "Alles Gute zum Geburtstag!". Ich bin ehrlich überrascht: "Wie alt werd ich denn?" Einatmen, Augenrollen: "Zeiteinheit mit drei Buchstaben ist 'Tag', wie in 'Geburts-Tag', du wirst fünfzig und du kiffst zu viel!"
Ich rechne nach: Es sind genau 18.237 Tage und Nächte seit meiner Geburt vergangen. Meine Mutter erzählt mir heute noch alle drei Wochen, dass dieser Tag, vielmehr ein kalter, grauer Morgen in Beograd, so düster ist, dass selbst die Krähen stumm auf den Dächern sitzen. Sie liegt im Gang neben einem zugigen Fenster, weil in den Zimmern kein Platz ist. Meine dünne Mutter liegt über zehn Stunden in den Wehen. Ich komme mit der Nabelschnur um meinen Hals und schon leicht blau im Gesicht zur Welt. Es ist kurz nach fünf Uhr morgens.
Was auch immer das Omentechnisch bedeutet - heute, fünfzig Jahre später, inmitten der globalen Klimaerwärmung, ist es ein sonniger Morgen, der laut Prognose zu einem sonnigen Frühlingstag mitten im Oktober wird. An Zeichen, Wunder und Horoskope glaube ich sowieso nicht.
Mit fünfzehn rechne ich nach, wie alt ich sein werde, wenn das 21. Jahrhundert endlich beginnt. Im Jahr 2000, wenn alle Menschen auf der Erde einen Computer, ein Flugauto und genug zu essen haben werden und die Fußmaroden von der Wiener Gebietskrankenkassa zur Kur auf den Mond geschickt werden, soll ich siebenunddreißig Jahre alt sein. Wenn mein Sohn volljährig ist, bin ich fünfundsechzig und er muss sich in seiner Schule nicht mehr fragen lassen, warum zum Elternsprechtag immer der Opa kommt. Meine Zahnärztin rechnet mir neulich vor, dass mich nur noch fünf Jahre von einer Vollprothese trennen, wenn ich weiter rauche. Zum Lungenfacharzt gehe ich nicht, das ist mir zu viel Mathematik.
Am 21. Juli 1969 landen amerikanische Soldaten auf dem Mond und Ing. Milivoj Jugin, der sozrealistische Raumfahrtexperte erklärt uns, was da auf der Mattscheibe in schwarz-weiß-grau flimmert. Unser TV-Gerät hat ein Gehäuse aus Holz, die Knöpfe sind aus Bakelit und vor der Mattscheibe ist noch eine Glasscheibe montiert. Weil die Röhren erst warm werden müssen, dauert es fast zwei Minuten, bis ein Bild da ist und weil sie keine Schwankungen in der Stromspannung vertragen, ist ein Stabilisator dazwischengeschaltet, der vor dem TV-Gerät eingeschaltet werden muss.
Einige Jahre später, immer mittwochs, wenn um 15 Uhr "Star Trek" läuft, hocken die meisten Kinder Jugoslawiens vor den Holzfernsehern und sind bereit mit Captain Kirk dahin zu gehen, wo noch kein Mensch zuvor gewesen ist. Danach spielen wir mit Kommunikatoren, die aus Streichholzschachteln sind, ballern mit Fasern aus Legosteinen und fliegen durch das All auf der großen Pinie in Sutivan oder darunter, in Opas Militärzelt, die abwechselnd unsere "Enterprise" sind. Da bin ich schon fast Österreicher, weswegen ich oft der außerirdische Schurke sein muss.
Im Sommer 1976 landet Viking 1 auf dem Mars und "Galaksija" das sozrealistische Magazin für nerdige Kids bringt viele Farbfotos von der Oberfläche. Das Fernweh nach dem All und die Lust auf Sci-Fi werden für immer in mein Hirn eingraviert, der Big Bang wird mir viel majestätischer und wunderbarer als ein bärtiger Mann, der alles in sechs Tagen hinkleistert. So kommt es, dass mich mein Idol, Mr. Spock zum Atheisten macht. Logisch, oder?
Auch heute gibt es für mich nichts Spannenderes als eine neue Mission zu den Planeten und ich erwische mich oft beim Pathetikum, unserem Sohn ins Ohr zu flüstern: "Eines Tages fliegst du zum Mars und bringst Mama und Papa einen roten Stein mit."
Ein alter Pilot, der noch am Ende des Zweiten Weltkriegs in einer Partisanenstaffel fliegt und später Passagierjets für die JAT, sagt mir, es gebe drei große Zeitabschnitte im Leben des Menschen: In der Kindheit regiert das Heute, in der Jugend das Morgen und im Alter das Gestern. Und wenn ich diese Kolumne durchlese, scheint mir, der alte Luftkommunist behält Recht.
In Jugoslawien ist von Tito abwärts einfach jeder ein Proletarier, man hat keine Vergleichsmöglichkeit mit dem Klassenfeind. In Österreich hingegen wird aus dem Abstraktum Arbeiterklasse ein konkreter Wiener Prolet. Als Vergleich habe ich in Österreich die Klasse der Angestellten und der den Mehrwert verprassenden Kapitalisten. Allerdings macht es mir die Begegnung mit dem österreichischen Proletarier in Zukunft schwer, die Arbeiterklasse zu lieben.
Mein Mitschüler Edi hingegen, Sohn eines Beamten, der mich in der Volksschule traktiert, herumschubst und bepöbelt, weil ich ein Tschusch bin, erfährt seine Grenzen in meinem Schwitzkasten, aus dem ihn erst die Frau Lehrerin befreien kann. Danach ist Edi so klein, wie seine kleingeistige Seele.
Christopher Hitchens sagt in einer Debatte, dass wenn es so etwas wie Unsterblichkeit gibt, oder auch nur einen Seitenblick darauf, dann manifestiert er sich in unseren Kindern. Ich zögere lange, bevor ich dem erpresserischen Verlangen meiner Freundin nach dem ultimativen Liebesbeweis nachgebe. Es ist kein Scheiß, ein guter Vater zu sein. Aber es macht mehr Spaß, als es den Anschein hat. Zudem bietet es, zumindest einem Typen in seinem dreizehnten Schaltjahr, so was wie eine Zukunft 2.0.
Und die beginnt nächstes Jahr im Sommer, wenn ich in Sutivan bei Mate eine Räuse kaufe, sie abends mit unserem Sohn unweit des Strandes im Meer versenke um am nächsten Morgen mit Tauchmaske und Schnorchel, die Beute hebe, während weiter draußen, Ivo Sila, der letzte Fischer von Sutivan mit seiner blauen Gajeta hoffentlich noch immer "in die Fische geht".
Ich kann nicht behaupten, nach einem halben Jahrhundert auf unserem Planeten, irgendeine weltbewegende Erkenntnis erlangt zu haben. Ich weiß nur, was alle anderen auch wissen: wie man einen Joint dreht und dass die Menschen stets den Affen näher sind, als den Affen lieb sein kann. Bomboclat! (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 19.10.2012)
In der Schule werden wir Kumpel weil er sich über meine Schwester beschwert. Er sagt, sie sei ein unglaublicher Geizhals, der sich nicht einmal mit dem Hinweis auf die Solidarität unter uns Tschuschen anschnorren lässt. Oder anbaggern. Ich nicke stumm und biete ihm eine Zigarette an
Einst denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts allein in Zügen aufwacht. Doch Jahre später, als mich der Besitz eines Automobils so richtig erwachsen macht, denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts alleine im Auto nicht einschläft
Um in Österreich Fluglotse zu werden, so heißt es, muss man räumliches Vorstellungsvermögen, Verständnis für Technik, Teamgeist und Verantwortungsgefühl im Übermaß haben
Während der letzten zwei Wochen blattert unser Sohn feucht vor sich hin. Und darf nicht in den Kindergarten. Bis die roten Wimmerln verheilen habe ich keine Zeit zum Schreiben. Aber ich habe genug Zeit um in Texten zu stöbern, gerettet aus den Trümmern meiner vorletzten Festplatte
Es bedeutet nur "außerhalb der Regel" und so nennt man in Dalmatien Sportarten mit Abenteuergeschmack. Doch für die Stivanjani sind es mehr als bloß zwei Worte, seit einer von Ihnen daraus eine öffentliche Party macht, die eine ganze Woche des Mittsommers in Sutivan tobt
Onkel Rifat kommt aus Ägypten, lernt in Beograd meine Tante Iva kennen und fährt für dubiose Geschäfte nach Triest und Alexandria, wo sein Devisenkonto liegt
Wovor sich ein Balkan-Scheißmacho-Partisanenenkel-Oberkotzbrocken fürchtet
Es ist fast wie mit der Erfindung des Rades. Alle Kommunisten aller Länder meinen gleichzeitig, das Wohnglück der Arbeiterklasse in den Plattenbauten von Neustädten zu erfinden
Die Erleichterung kommt schnell, weil im Wartebereich der chirurgischen Abteilung sonst niemand wartet. Wir sind im Pavillon 16 in Lainz, es ist Samstag
Am Ende eines anstrengenden Tages, wenn nichts mehr eilig ist, döse ich oft in der U6, und meine Tagträume vermischen sich mit dem Zischen der Türen und Wortfetzen
Wer in Dalmatien männlichen Geschlechtes und zwischen dem Anfang und dem Ende der Pubertät ist, wird Mulac genannt. Die herausragende Eigenschaft die den Mulci anhängt, ist das intensive Betreiben von Unfug aller Art
Als Papa mich das erste Mal prügelt, bin ich gerade zwei. Ich kann mich nicht erinnern und weiß es nur aus Erzählungen von Mama. Alle späteren Prügel bleiben ein blasser Erinnerungsbrei, weil es so viele sind
Ich habe schon von ihr geschrieben: der Prostituierten Ivana, meiner Meidlinger Nachbarin. Hier ist ihre ganze - und ganz und gar traurige - Geschichte
Die Idee ist einfach: Jemand mietet eine Yacht für zwei Wochen, fährt aber nur eine Woche, die zweite überlässt er den Kindern von "Mirno More". Das bedeutet "friedliches Meer" und ist der Gruß der Seefahrer Dalmatiens
Die Missgeschicke anderer zu genießen ist nur die halbe Kunst. Man muss stets bereit sein, die eigene Malaise auszukosten
"Die Spira" feiert ihren Siebziger in einem Ottakringer Wirtshaus und ist aufgeladen wie eine fabrikneue Autobatterie
Selbstverständlich liebe ich meine Familie. Darüber hinaus erheitern Sex, Drugs and Rock'n'Roll jenen Teil meines Hirns, der von der mächtigen Eidechse abstammt. Irgendwo dazwischen ist meine persönliche Twighlight Zone der Freude am Missgeschick anderer
Grad hat man einen teuren, schlechten Film über Jesu Wiederkunft in Sachen Weltuntergang gedreht. Von Weltuntergängen halte ich nix. Von Jesu Geburt hingegen sehr viel. Besonders dann, wenn ich sie mir in Simmering unserer Tage denke
Es gibt fünf Dinge, die ich mehr hasse als den Winter in Wien
In den letzten Wochen sterben drei Menschen, die ich kenne und zwei weitere liegen im Koma ohne Wiederkehr. Wien im Winter scheint mir besonders morbid, allemal zu Weihnachten
Ich bin g'rad intelligent genug, um zu wissen, dass ich nichts Weltbewegendes dazu sagen kann, was nicht schon längst gesagt ist
Ich verbringe 1992/93 insgesamt acht Monate in Kroatien auf der Insel Brač. Freunde fragen mich auch heute noch, wozu ich das gebraucht hab'
Es gibt eine Art migrantischen Phantomschmerz, der über das gewöhnliche Heimweh hinausgeht. Es ist nicht so schlimm, wie das, was mancher Opa meiner österreichischen Freunde damals in Stalingrad beim Gedanken an Wien oder Rust empfindet. Diese unsere, migrantische Nostalgie ist irgendwo dazwischen
Ich kann nicht sagen, dass ich beim Bundesheer nichts lerne. Ich lerne beispielsweise, wie man am besten so tut, als ob man was tut
Es gibt diesen pathetischen Augenblick, in dem ein Vater glaubt einen Brief an seinen Sohn schreiben zu müssen, damit im Falle des vorzeitigen Ablebens möglichst nichts von seiner eigenen, im Laufe der Jahre erworbenen Lebensweisheit verloren geht
einen schönen geburtstag wünsche ich.
ich hab beim 50er beschlossen, nur noch die primzahl-geburtstage zu feiern, weil die mit dem zunehmen der jahre weniger werden und so vielleicht das vergehen der zeit verlangsamen.
hat bis jetzt aber noch nicht geklappt.
...bei mir und vielen anderen Tschuschen sind diese Zeitformeln gründlich durcheinander geraten - in der Kindheit hat man nur ans Morgen denken dürfen, in der Jugend war plötzlich ein dummes Gestern bestimmend und heute ist heute - ich liege im Gras und die Zeit vergeht wahnsinnig schnell...
Wennst ihm schon das Reusenfischen zeigen willst, bring ihm auch gleich das (Frei-)tauchen bei (und dir selbst am besten gleich dazu behaupte ich mal).
Mehr Meer als Freitauchend kann man nicht erleben und noch ist das Meer schön. Ein paar Jahre noch wenn es so weitergeht.
...dass sich da um eine bildsujetbedingten Künstlernamen handelt?
Nur hat sich die gute Dame in ein blödes Namens-Eck begeben: wie nennt sie sich, wenn sie Urinale fotografiert, denn wo, wenn nicht bei diesen, passerte ihr Namen besser?
Herzelichst
Ihr Lappe
fühle mich dem Tschusch hingezogen.
Nicht immer aber immer öfter bewundere ich diese
Lebensweisheit. Obs am Kiffen liegt? Jedenfalls
können sie einen Fan mehr verbuchen. Mögen sie
vom Schreiben leben können.
Und um es mit Ct. Picard zu sagen, gestern heute
morgen ist relativ
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