Eine Kirche in jedem Dorf

Blog | An Yan
29. Oktober 2012, 09:15

In der Provinz Yunnan gibt es Regionen, in denen Christen in der Mehrheit sind

In Yunnan waren die Missionare eigentlich vor allem in jenem Gebiet aktiv, das an den extremen Rändern Chinas liegt. Das Nujiang- und das daran anschließende Dulongtal sowie daran angrenzende tibetische Gebiete wurden Anfang des 20. Jahrhunderts missioniert. Christen gibt es bei fast allen Minderheiten der Region: Lisu, Nuzu, Dulongzu und unter den Tibetern.

Der Missionar James O. Fraser hatte damals als Teil der China Inland Mission nicht nur den Protestantismus gebracht, sondern auch unter anderem die erste Transliteration der lokalen Lisu-Sprache entwickelt. Das Fraser-Alphabet wird noch heute benutzt und ist als offizielle Umschrift von der chinesischen Regierung anerkannt. Zuvor gab es weder Umschriften noch Bemühungen zum Studium und Erhalt der Sprache. Die lokalen Kirchen benutzen übersetzte Bibeln und Gesangsbücher.

Unzugängliche Gebiete

Wenn man heutzutage in das Gebiet reist, kann man sich nur mit Mühe vorstellen, wie die Missionare es überhaupt geschafft haben sollen, dieses Gebiet organisatorisch zu erschließen. Tiefe Schluchten, die von so hohen und steilen Bergen eingeschlossen sind, dass es bis heute keine Straße hinaus gibt, und reißende Flüsse charakterisieren die Gegend. Drei der größten Flüsse Asiens - der Mekong, der Salween und der Jangtse - haben ihren Oberlauf in den Ausläufern des Himalaya, die mitunter auf vier-, fünftausend Meter oder mehr aufsteigen.

Strenge Gebote

Noch immer überqueren Dorfbewohner den Nujiang (der "wütende Fluss") mit Drahtseilen, weil es kaum Brücken über den reißenden Strom gibt. Und dennoch steht in jedem kleinen Ort eine Kirche und hält ihr Kreuz selbstbewusst neben der obligatorischen chinesischen Flagge in den Wind. Es ist nicht einfach, hier Christ zu sein.

Aber nicht nur die geografischen Gegebenheiten müssen anspruchsvoll gewesen sein. Das merkt man an den Regeln, die durch die protestantischen Missionare eingeführt wurden. Christen dürfen in der gesamten Region zum Beispiel nicht rauchen und trinken, egal welcher Minorität sie angehören. Vollkommen verwirrt ob dieses Gebots, das in Europa nicht existiert, fragte ich nach dem Grund, bekam aber keine Antwort außer: "Das ist nun einmal so, Christen sollen nicht rauchen oder trinken." 

Alkoholismus

Ich verstand erst, wie das Gebot gemeint ist, als ich bei einem kleinen Essen der Lisu dabeisaß und man becherweise starken Alkohol stundenlang in sich hineinschüttete. Alkoholismus ist hier keine Ausnahme, sondern ein gesellschaftliches Phänomen. Also haben die Missionare kurzerhand die Zugehörigkeit zur Religion an diese Bedingung geknüpft. So wirklich streng nimmt man es ohnehin nicht - so gut wie alle trinken dennoch. Christen nur eben nicht vor der Messe und auch ansonsten weniger, und sie haben meist Schuldgefühle dabei.

Ansonsten gibt es einiges, das in Europa jeden Gläubigen sofort aus der Kirche treiben würde. Einerseits dürfen Männer und Frauen nicht beieinander sitzen. Männer sitzen auf der rechten Seite der Kirche, Frauen auf der linken. Der Gottesdienst dauert mehrere Stunden; nach einleitendem Singen wird eigentlich nur gepredigt - stundenlang. Und stundenlang sitzen die Gläubigen mit Feuereifer in den Bänken und hören zu, wie ihnen die Welt ausgelegt wird.

Mit tibetischen Stiefeln in die Messe

Dabei haben die Christen auch viele ihrer eigenen Traditionen nicht aufgegeben; bei einer tibetischen Hochzeit stand die ganze Kirche in tibetischer Tracht da, die Verbeugungen an die Eltern der Braut und die Anwesenden durften nicht fehlen, traditionelle Speisen und Glückwünsche waren auch dabei - nur von Buddha und Co. hörte man natürlich nichts. Das unterscheidet die chinesischen Christen vom Großteil der Bevölkerung, der sich frei an allen möglichen Religionen bedient. Was aber selbst die Missionare nicht ganz verhindern konnten, ist das Weiterbestehen eines starken Glaubens an verschiedene lokale Geister und die damit verbundenen Geschichten und Bräuche.

Religion wird sehr ernst genommen

Die Tibeter, die ich kennengelernt habe, nehmen das Christentum sehr ernst; christliche Tibeter reden sehr häufig von Gott und der Bibel, haben christliche englische Namen - und bauten eine der höchstgelegenen Kirchen der Welt. Im Süden der Autonomen Region, an der Grenze zu Yunnan, steht auf über 4.000 Metern dieses einfache Steinhaus, das während der Kulturrevolution profaniert wurde, zwischendurch als Tierstall diente und heute als "gemeinnütziges Haus" den Hirten und Reisenden zum Übernachten offen steht. (An Yan, daStandard.at, 29.10.2012)

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8 Postings

gibts keine neuen "ni-hao aus china" geschichten mehr?

Sieht seltsam aus: das Kreuz auf dem Pagoden-Dach.
Eigentlich ist das chinesische Volk schon sehr zu bewundern, wie die alles gemeistert haben und es noch immer tun. Denn wirklich gut geht es ja nur einem Teil in den Städten.

"Ansonsten gibt es einiges, das in Europa jeden Gläubigen sofort aus der Kirche treiben würde. Einerseits dürfen Männer und Frauen nicht beieinander sitzen. Männer sitzen auf der rechten Seite der Kirche, Frauen auf der linken."

Das gibt es auch in Österreich. Selbst gesehen als ich ich zur Ableistung meines Zivildienstes 1 Jahr im Ennstal verbringen "durfte". Ich traute meinen Augen nicht, aber für die Eingeborenen war es das Natürlichste auf der Welt.

in orthodoxen Kirchen tlw. noch immer üblich

Gibt es das jetzt nicht mehr? Das war ja bei uns genau so.

wohne seit 2 Jahren in China

... und wundere mich jedes Mal wieder in welchen (teils recht entlegenen) Ecken überall Kirchen stehen.
Die sind jetzt nicht unbedingt vergleichbar mit Kirchen bei uns a la Sakralbau - meist sind das umfunktionierte Wohn/Gewerbebauten mit einem Kreuz auf dem Dach ...

Opium fürs Volk stelle mich anders vor, aber was solls
Ni hao, Zai jian and over.

wow, interessante infos u schöne bilder! vielen dank!

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