Reality-TV: Was für Opfer!

  • Reality-Formate wie "Saturday Night Fever" leben von der Schadenfreude.
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    Reality-Formate wie "Saturday Night Fever" leben von der Schadenfreude.

Im Wodka-Glas ist Leitungswasser und die Hochzeit ist auch ein Fake. Wie K. zum Opfer ihres eigenen Traums von Ruhm und Liebe wurde

Thomas Rottenberg hat kürzlich in seiner Kolumne zu Reality-TV eine "Lanze für Tara" gebrochen und erklärt, warum Reality-TV nicht menschenverachtend sei. Seine Argumentation: Alles, was von Tara, Molti, Spotzl und Co. komme, sei echt: eine unverfälschte, authentische "Mischung aus Abgestumpftheit, Ignoranz, Größenwahn und Ich-hab-nix-zu-verlieren". Und gerade weil die Verwechslung von Autodidakt und Autohändler so echt sei, könnten "Saturday Night Fever" und "Das Geschäft mit der Liebe" gar keine Vorführung und Erniedrigung sein. Denn die Mitwirkenden, die wollten das einfach, die Aufmerksamkeit und so. Außerdem passt bei den Formaten die Quote. Ein Win-win sozusagen.

Wie Kollege Rottenberg habe auch ich (leider) eine Affinität zu Trash-Fernsehen. Ich weiß nicht genau, warum, irgendetwas an dem Konzept bindet mich an den Bildschirm. Wahrscheinlich rege ich mich einfach unheimlich gerne auf. Aber wenigstens schäme ich mich ein wenig für meine Fernseh-Vorlieben, seitdem ich weiß, was hinter den Kulissen einer solchen Sendung abläuft. Denn auch ich genieße Einblick in die Zahnräder einer solchen Reality-Show. Und deshalb muss ich Thomas Rottenberg vehement widersprechen: Das ist alles andere als echt. Spontaneität und Authentizität gibt es nicht im Fernsehen. Absurderweise schon gar nicht bei "Reality-TV", jenen bewegten Bildern, die besonders echt und lebensnah aussehen sollen. 

Tatort Internet

Begonnen hat es mit einer Facebook-Einladung. Die Schwester einer guten Freundin veranstaltet einen Polterabend - fürs Fernsehen. Die Reality-Sendung, bei der sie - nennen wir sie K. - ihren Verlobten S. kennengelernt hat, begleitet die beiden am letzten Abend vor der Hochzeit. Dieser Polterabend ist übrigens nicht genau der Tag vor der Hochzeit - da hat das Drehteam keine Zeit -, sondern Wochen davor. Auch findet die Bachelor-Party des Bräutigams nicht gleichzeitig mit K.s Polterabend statt, wie später in der Sendung suggeriert wird. Die Crew kann ja nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. 

Wie dem auch sei, die Produktionsfirma hat K. jedenfalls gebeten, unter ihren Freunden nach Darstellern für den angesetzten Drehtermin zu suchen. Doch das stellt sich als schwierige Aufgabe heraus: Erstens hat sie nur wenige Freunde, und zweitens möchten die paar, die sie hat, auf gar keinen Fall ins Fernsehen. Die Zeit wird knapp und K. nervös. Will denn wirklich niemand zu ihrem Polterabend kommen? Im letzten Moment sagen sehr entfernte Bekannte zu, die K. kaum kennt. Und ich. Weil ich neugierig bin: Wie kommt das, dass K. so plötzlich heiratet? Irgendetwas kommt mir seltsam vor. Und, das muss ich zugeben: Ich wittere eine Story.

Bye, Society

Ich google und finde heraus: K. und ihr Verlobter sind das Vorzeigepärchen (oder soll ich sagen: Vorführpärchen?) einer Reality-TV-Show. Ihr Porträt ziert lange die Facebook-Timeline, fast alle Sneak-Previews und Videos, die auf der Fan-Seite gepostet werden, sind Szenen aus dem Erzählstrang um die beiden. "Freakshow", "pfui" und "würg", meinen besonders eloquente "Fans" der Show.

Weisheiten wie "Manche erkennen eben ihre einzige Chance, wenn sie sie sehen" und "Kein Wunder, dass diese Menschen alleine sind" werden ebenfalls ausgetauscht. Typische Reaktionen auf solche Formate. Das Paar besticht im Privatfernsehen durch den Fremdschäm-Faktor. Mit ihrem Aussehen, ihrer verschrobenen Art und besonders peinlichen Aktionen befriedigen sie Neugier, Sensationslust und Schadenfreude-Bedürfnisse der Zuseher. 

TV total

Als wir am vereinbarten Drehort ankommen, um eine weitere Folge von "Austrias Next Spott-Model" zu drehen, also den Polterabend zu feiern, sind dort schon alle Requisiten vorbereitet: Schilder, die wir angeblich für K. gemalt haben, Alkohol-Shots, Kondome und andere Spaßgeschenke, die wir mutmaßlich für das Event gekauft haben, auch ein Schleier für die angehende Braut. Das alles hat die deutsche Produktionsfirma, die für den Privatsender die Dreharbeiten macht, minutiös vorbereitet. Der Ablauf des Abends wird uns genau erklärt: welche Spiele wir spielen werden, welche Themen zu besprechen sind. 

Hier ist also überhaupt nichts echt - von den Umständen über die Requisiten bis zum Text. Thomas Rottenberg meint zwar ganz begeistert, Bambis und Orsolics' Sager könne man nicht skripten, dass diese "verbalen Griffe ins Klo" die besten Schauspieler nicht zusammenbrächten. Aber Tatsache ist: Alles entspringt den Köpfen der Regisseure, der sogenannten Gestalter. Erzwungen werden die Sager ganz einfach durch freundlichen Nach- und Zeitdruck und viel Lob. Könntest du jetzt bitte dieses und jenes sagen? Und jetzt als ganzen Satz? Noch mal, bitte, etwas langsamer. Super, danke! Das wird so lange gemacht, bis die Gestalter das im Kasten haben, was sie brauchen.

Die Erfolgsstory

Die Situation schaukelt sich durch Resonanz zu Absurditäten hoch. Als Protagonist freut man sich, wenn Szenen schneller abgedreht werden können, und bietet deshalb lieber gleich den Kalauer an. Bei besonders fürchterlichen, idiotischen und peinlichen Kommentaren und Szenen spürt man die Begeisterung und Erleichterung der Crew. Produktionsleiterin und Kameramann tauschen dann vielsagende Blicke aus: Das wird grandios! Nur noch richtig zusammenschneiden, spöttisch kommentieren, mit zweideutiger Musik unterlegen. "Ganz toll hast du das gemacht!", lobt die Leiterin und Regisseurin dann K. und uns. 

Wo Dummheit und Entgleisungen geschätzt und belohnt werden, entstehen, gedeihen und wachsen sie auch besser. Das ist ein ganz normales soziales Anpassungsmanöver an äußere Umstände. Nach fünf Stunden ununterbrochener Dreharbeiten mit viel Herumlaufen werde ich müde und würde alles tun und sagen, damit diese Qual und Erniedrigung endlich ein Ende hat.

Ein Leben fürs Fernsehen

Was ich während des Drehs erlebe und erfahre, verändert meine ohnehin kritische und skeptische Sicht auf Reality-TV zum Schlechteren. K. erzählt mir, dass sie sich zunächst für einen anderen Mann beworben hat. Doch der Sender hat sie mit S. gepaart, den übrigens keine einzige Bewerberin wollte. Angemeldet hat sich K. jedenfalls auch in der naiven Hoffnung, berühmt zu werden. Außerdem hatte sie, wie in der Sendung ununterbrochen betont wird, noch nie eine ernsthafte Beziehung. K.s Lebensgefährte war immer der Fernseher, ihre Idole und Freunde seine Akteure. Das Fernsehen der Zufluchtsort bei Problemen mit Familie und Schule, sie immer eifrige Verfolgerin aller Reality- und Talentshows. Endlich ist sie in Symbiose mit der geliebten Flimmerkiste getreten, Realität und Fiktion sind eins geworden.

Schwer verletzt

Ist das schon bedenklich oder ungewöhnlich? Wer das Fernsehen so sehr liebt, verdient wohl ein Blind Date und, wie Thomas Rottenberg sagen würde, will es eben so. Aber: K. war schon seit ihrer Kindheit ernsthaft krank. Um welche Diagnosen es sich genau handelt, spare ich an dieser Stelle aus. Es sei nur so viel gesagt: K. ist weder körperlich noch geistig in einem Zustand, der den Spott einer Nation verdienen und verkraften würde. "Ich muss bald nach Hause, meine Medikamente rechtzeitig einnehmen", sagt sie, als ihr der lange Drehtag schon zu anstregend wird.

Jetzt könnte man sagen, es handle sich hier lediglich um einen Einzelfall. Der Großteil der Teilnehmer sei doch bestimmt gesund, möchte man sich beruhigen. Doch wo ist die Grenze zwischen Außenseiter und Freak? Zwischen ADHS und Kamerageilheit? Zwischen Stimmungsschwankungen und Depression? Ich behaupte, dass Reality-TV bewusst in dieser Grauzone agiert, denn ihr entspringen die Verrückten, die Scheinwerfer-Motten, die wir so gerne zwecks Abgrenzung oder Identifizierung im Fernsehen sehen wollen - je nachdem, auf welcher Seite im sozioökonomischen Spektrum wir stehen.  

Tausche Leben

Vor der Teilnahme an der Reality-Show lebte K. in einer betreuten Wohngemeinschaft eines Vereins, der sich die Resozialisierung psychisch kranker und behinderter Menschen zur Aufgabe macht. Hier werden Patienten betreut, die langfristig Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags brauchen. Doch Resozialisierung und Reality-TV gehen nicht gleichzeitig. Deshalb hat K. ihren Platz in der WG und im vom Verein betriebenen Geschäft verloren.

Jetzt lebt sie mit ihrem Verlobten, der ähnliche Probleme hat, in einer gemeinsamen winzigen Wohnung. Sie haben beide keinen Schulabschluss und sind Sozialhilfeempfänger, gehen überhaupt keiner geregelten Aktivität mehr nach. Die "Null-Perspektive" kann sich also, entgegen Rottenbergs Meinung, durch ein Mitwirken an so einer Sendung sehr wohl verschlechtern und verkomplizieren.

It's Showtime

Von alldem erfährt der Zuschauer der Sendung selbstverständlich nichts. Die Fassade muss aufrechterhalten werden, K. ist schließlich in diesem Format kein Mitleids-, sondern ein Spottobjekt. Sie kippt ihre Wodka-Gläser und Klopfer wie Wasser, verzieht das Gesicht unglaubwürdig. Kein Wunder, ihre vorbereiteten Getränke enthalten ja immer nur Antialkoholisches: K. darf wegen der Medikamente, die sie regelmäßig einnimmt, keinen Alkohol trinken.

Wieder ein Mosaikstein der Illusionen, aus denen Reality-TV besteht, der mich übrigens auch am extremen Alkoholkonsum der "Saturday Night Fever"-Protagonisten zweifeln lässt. "Zu manchen Sachen wurden wir auch gezwungen", sagt K. Die "ekelhaften" Dinge, die sie und ihr Verlobter etwa vor der Kamera tun und sagen, kommen direkt aus den Drehbüchern der Produktionsfirma. Diese Ideen werden durch nachdrückliche Suggestion, wiederholte Aufforderungen und ununterbrochenen Zuspruch realisiert. Es ist wohl das einzige Lob, das K. jemals von Außenstehenden bekommen hat.

Pfusch im TV

Dass Fernsehbilder manipuliert sind und deshalb manipulativ, ist keine Neuigkeit. Aber die Einstellung, dass die Teilnehmer, weil sie freiwillig mitmachen, genau das verdienen, was sie bekommen - kurze Bekanntheit unter starker gesellschaftlicher Ächtung -, ist doch ein wenig zynisch. Besser Spott als gar keine Aufmerksamkeit, soll die Devise für die "Masse der Übergangenen, Ignorierten, Unattraktiven, Niegehörten, Perspektivlosen" sein. Billige Laien, günstiges Material, mit dem man Ekelfantasien und voyeuristische Fetische bedienen kann. Sollen sie jetzt auch noch froh sein, wenigstens dieses schmale, fahle Rampenlicht zu bekommen? Immerhin für irgendetwas, seien es Ekel und Fremdscham, gut genug zu sein?

Niemand wird Star

"Hauptsache, man redet über uns" - K. hat diese Devise schon verinnerlicht. Es ist ein Mantra, das sie ständig wiederholt, die Philosophie des Senders, der entsetzliche Vertrag zwischen "Unterschichten-TV" und Gesellschaft. Sie meint, der Spott der Zuseher im Internet störe sie nicht.

Ihre unbeholfenen Verteidigungsversuche in der Facebook-Kommentarfunktion sagen aber etwas anderes. Sie entgegnet: "Wir bekommen ja auch positive Rückmeldung und haben Fans." Tatsächlich, Passanten erkennen sie auf der Straße und verlangen ironisch Autogramme. Jetzt ist also endlich ihr Moment gekommen. Sie ist ein Star, sie ist im Rampenlicht, sie hat Bedeutung. Und Liebe. "Ich hatte nie einen Freund - jetzt heirate ich sogar. Wer hätte sich das vorstellen können? Ich dachte immer, ich sterbe als alte Jungfer", sagt K. mir noch nach den Dreharbeiten zum Polterabend, als wir gemeinsam zur Öffi-Station gehen.

Ihre Hochzeit wurde, wie auch der Polterabend, groß in der Sendung platziert. Die Hochzeitsgäste waren alle entweder andere Protagonisten der Reality-Show oder Statisten, K.s Familie ist nicht zu der Hochzeit gekommen. Für ihre Mitarbeit an der Sendung hat K. keinen Cent erhalten. Und wirklich geheiratet haben die beiden entgegen aller Inszenierung und feierlichen Berichte in Boulevardblättern nie: Sie hatten kein Geld für eine Trauung, die Fernseh-Hochzeit war nur ein Fake. (Olja Alvir, daStandard.at, 15.11.2012)

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