Vom Leben im Asyl-Container

Kommentar |

Vorübergehender Unterricht im Container ist nicht mit Wohnen im Container vergleichbar

Unterkünfte für Asylwerber sind knapp. Das stellt die zuständigen Landespolitiker vor ein schwerwiegendes Problem. Daher wird angedacht, Wohncontainer aufzustellen. Wohl für niemanden eine befriedigende Lösung, aber möglicherweise ist es die pragmatischste. 

Für die Salzburger ÖVP-Landesrätin Tina Widmann sind die Container "eine gute Möglichkeit", schließlich habe sie ja "selbst zwei Jahre lang im Container unterrichtet". Diese Aussage dürfte gut und aufmunternd gemeint sein, zeugt aber von einer völligen Verkennung der Asylrealität.

Unterrichten, das bedeutet bei allen Schwierigkeiten, einen anerkannten Beruf auszuüben. Nach getaner Arbeit kann man sich einen guten Kaffee gönnen, später eventuell ins Kino gehen oder Freunde treffen; seine wohlverdiente Nachtruhe genießt man im eigenen Bett, in einem normalen Zimmer mit Wänden, Heizung und Teppichboden. Am nächsten Morgen nimmt man in der eigenen Küche sein Frühstück ein und geht dergestalt gestärkt wieder in seinen Unterrichtscontainer.

In einem Container zu leben, noch dazu als Asylwerber, bedeutet, auf diese Unterkunft rund um die Uhr angewiesen zu sein. Das knappe Taschengeld ist besser als nichts, kann aber nie und nimmer ausreichen, um sich Freiräume außerhalb des Containers zu erschließen, solche wie Kaffeehäuser, Buchhandlungen, Theater, Kinos, Museen et cetera. Die Natur ist frei und lässt sich auch ohne Geld konsumieren, aber im Winter kann man allenfalls einige Stunden im Freien verbringen. Arbeiten darf man als Asylwerber in der Regel auch nicht, jedenfalls nicht legal, also bedeutet Wohnen im Container auch weitgehend Leben im Container. Dazu kommt, dass Asylwerber - aus welchen Gründen auch immer - ihr Zuhause und ihren gesamten Besitz zurückgelassen oder verloren haben und ihr Container tatsächlich ihr neues Zuhause ist, voll und ganz. 

Die meisten Asylwerber sind vermutlich froh über ein Dach über dem Kopf, und ein Container ist besser als nichts. Und gewöhnen kann man sich an alles, wenn man muss. Zudem kann ein gut ausgestatteter Container besser sein als ein heruntergekommenes Wohnheim. 

Dennoch ist es problematisch, aus dem Mund einer Politikerin zu hören, sie habe "auch zwei Jahre in einem Container unterrichtet", so als ob das ein Argument für die Zumutbarkeit des Containerlebens für Asylwerber wäre. Viele haben schon mit dem größten Vergnügen gezeltet, aber nur die wenigsten würden sich oder ihrem Nächsten ein Leben im Zeltlager wünschen.

Vielleicht ist es zu viel verlangt von Politikern eines Landes, das Krieg und Vertreibung nur noch aus Geschichtsbüchern und Erzählungen von Großeltern kennt, volles Verständnis für die psychische Verfassung und Zumutbarkeitsgrenzen von Asylwerbern aufzubringen; vielleicht ist volles Verständnis aber auch gar nicht notwendig, um zu begreifen, dass Unterrichten in Friedenszeiten und Leben nach überstandener Flucht sich nicht vergleichen lassen; dass ein solcher Vergleich an Zynismus grenzt, auch wenn die Aussage vermutlich nicht zynisch gemeint war. (Mascha Dabić, daStandard.at, 14.11.2012)

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