Vom Leben im Asyl-Container

Kommentar | Mascha Dabić
14. November 2012, 14:50

Vorübergehender Unterricht im Container ist nicht mit Wohnen im Container vergleichbar

Unterkünfte für Asylwerber sind knapp. Das stellt die zuständigen Landespolitiker vor ein schwerwiegendes Problem. Daher wird angedacht, Wohncontainer aufzustellen. Wohl für niemanden eine befriedigende Lösung, aber möglicherweise ist es die pragmatischste. 

Für die Salzburger ÖVP-Landesrätin Tina Widmann sind die Container "eine gute Möglichkeit", schließlich habe sie ja "selbst zwei Jahre lang im Container unterrichtet". Diese Aussage dürfte gut und aufmunternd gemeint sein, zeugt aber von einer völligen Verkennung der Asylrealität.

Unterrichten, das bedeutet bei allen Schwierigkeiten, einen anerkannten Beruf auszuüben. Nach getaner Arbeit kann man sich einen guten Kaffee gönnen, später eventuell ins Kino gehen oder Freunde treffen; seine wohlverdiente Nachtruhe genießt man im eigenen Bett, in einem normalen Zimmer mit Wänden, Heizung und Teppichboden. Am nächsten Morgen nimmt man in der eigenen Küche sein Frühstück ein und geht dergestalt gestärkt wieder in seinen Unterrichtscontainer.

In einem Container zu leben, noch dazu als Asylwerber, bedeutet, auf diese Unterkunft rund um die Uhr angewiesen zu sein. Das knappe Taschengeld ist besser als nichts, kann aber nie und nimmer ausreichen, um sich Freiräume außerhalb des Containers zu erschließen, solche wie Kaffeehäuser, Buchhandlungen, Theater, Kinos, Museen et cetera. Die Natur ist frei und lässt sich auch ohne Geld konsumieren, aber im Winter kann man allenfalls einige Stunden im Freien verbringen. Arbeiten darf man als Asylwerber in der Regel auch nicht, jedenfalls nicht legal, also bedeutet Wohnen im Container auch weitgehend Leben im Container. Dazu kommt, dass Asylwerber - aus welchen Gründen auch immer - ihr Zuhause und ihren gesamten Besitz zurückgelassen oder verloren haben und ihr Container tatsächlich ihr neues Zuhause ist, voll und ganz. 

Die meisten Asylwerber sind vermutlich froh über ein Dach über dem Kopf, und ein Container ist besser als nichts. Und gewöhnen kann man sich an alles, wenn man muss. Zudem kann ein gut ausgestatteter Container besser sein als ein heruntergekommenes Wohnheim. 

Dennoch ist es problematisch, aus dem Mund einer Politikerin zu hören, sie habe "auch zwei Jahre in einem Container unterrichtet", so als ob das ein Argument für die Zumutbarkeit des Containerlebens für Asylwerber wäre. Viele haben schon mit dem größten Vergnügen gezeltet, aber nur die wenigsten würden sich oder ihrem Nächsten ein Leben im Zeltlager wünschen.

Vielleicht ist es zu viel verlangt von Politikern eines Landes, das Krieg und Vertreibung nur noch aus Geschichtsbüchern und Erzählungen von Großeltern kennt, volles Verständnis für die psychische Verfassung und Zumutbarkeitsgrenzen von Asylwerbern aufzubringen; vielleicht ist volles Verständnis aber auch gar nicht notwendig, um zu begreifen, dass Unterrichten in Friedenszeiten und Leben nach überstandener Flucht sich nicht vergleichen lassen; dass ein solcher Vergleich an Zynismus grenzt, auch wenn die Aussage vermutlich nicht zynisch gemeint war. (Mascha Dabić, daStandard.at, 14.11.2012)

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... Das knappe Taschengeld ist besser als nichts, kann aber nie und nimmer ausreichen, um sich Freiräume außerhalb des Containers zu erschließen, solche wie Kaffeehäuser, Buchhandlungen, Theater, Kinos, Museen et cetera. ...

... gehts da um Urlaub oder doch um eine sichere Zukunft? Freier Zugang zu Gesundheit, Wohnmöglichkeit, Taschengeld, Versorgung, was fehlt noch? Lebten die Asylwerber vor ihrer Flucht in Luxus, daß ihnen ein Wohncontainer nicht zugemutet werden kann?

das klingt so wie viele kommentare bei diesem selbstversuch, wo einige leute versucht haben, mit der mindestversorgung auszukommen.

heidenei was war da für ein aufstand, als einer angemerkt hat es war ihm peinlich als alle ein bier nachm anderen bestellt haben, und er den ganzen abend nur bei einem mineral gesessen ist...

Sind des jetzt asylwerber oder touristen?

Der Hintergedanke ist wohl Inklusion und Gesellschaftliche Teilhabe.

so mich meine erinnerung nicht trügt, war es irgendwann anfang der neunziger des vorigen jahrhunderts, dass redakteurInnen des standards professionell und unvoreingenommen recherchierten.

Damals war es auch noch eine liberale Zeitung :)

Liebe(r) Mascha Dabic

Es kommt drauf an, wie diese Wohncontainer ausschauen. Sind es normale Bauarbeiter-Unterkunftscontainer, dann stimme ich Ihnen voll und ganz zu.

Mit den Containerschulen haben Sie aber vollkommen unrecht. Bevor Sie schreiben sollten Sie, wie es sich für einen guten Journalisten gehört, recherchieren und eine solche Schule besuchen, dann werden Sie feststellen, dass sie sich innen von einem klassischen modernen SChulbau nicht unterscheidet.
Um Ihnen die Recherche schmackhaft zu machen, ein Link zu einem Container-Bürogebäude, den ich auf die Schnelle gefunden habe: http://kurl.de/amilip
Schaun Sie sich die Innenaufnahmen an, ich würde bedenkenlos in so einem Gebäude wohnen. Eines ist allerdings wichtig, die Dinger gehören klimatisiert

Die Dame spricht von Relatität

und meint Asylwerber würden gerne "Kaffeehäuser, Buchhandlungen, Theater, Kinos, Museen et cetera besuchen"

Ganz ehrlich auf der Flucht, sind diese Sachen eher dsa letzte Problem das man hat, und da nochdazu Asylwerber kaum Deutsch sprechen, wirds noch schwiergier mit Theater etc

Viel wichtiger ist den Leuten sicher die Beschaffung von Geld, um es den daheimgebliebenen Angehörigen schicken zu können, die in die Schleppung investiert haben.

Stimmt glaub ich auch eher..

zeigt aber das sie eher Wirtschaftsflüchtlinge sind

Buchhandlungen

in fast jedem noch so kleinen Ort gibt es öffentliche Bibliotheken.

Container ist nicht gleich Container

Es gibt Wohncontainer auf Baustellen in der Pampa, die besser ausgestattet sind als ein Zimmer in einer durchschnittlichen Pension. Mit Heizung, Klimaanlage etc. modular ausbaubar auf beliebige Größe.

Solange man nicht vermittelt was für Container gemeint sind (das geht von Frachtcontainer bis hin zum Luxuscontainer) ist die Diskussion sinnlos.

Beschäftige mich schon sehr lange mit dem Thema..

Wenn man einmal alles unwesentliche beiseite lässt und sich die Kernfrage stellt: Was verbindet alle Menschen auf diesem Planeten in Ihren Basisbedürfnissen so erhalte ich meine 4 Wahrheiten: Nahrung, Wohnraum, Energie, Mobiliät ( dazu zähle ich auch Telekommunikation im 21 Jhd. ) Leistbarkeit von Wohnraum, Selbstversorgung mit Nahrung und Energie in einem Urbanen Umfeld. Ich habe schon sehr viele Konzepte geschrieben und arbeite unermüdlich daran diese um zu setzten und daraus ein social business zu machen. Ich freue mich über euren Besuch und den einen oder anderen Austausch mit Euch. LG.Alex
http://socialmindfields.wordpress.com/

"Kaffeehäuser, Buchhandlungen, Theater, Kinos, Museen et cetera."
Es geht aber noch immer um Hilfe zum Überleben, nicht um ein Unterhaltungsprogramm, richtig?
Bevor das Geld für solchen Blödsinn ausgegeben wird, sollte es besser für andere Flüchtlinge oder hungernde Menschen ausgegeben werden, noch dazu, wo all diese Dinge ersetzbar und praktisch kostenlos zu haben sind. Dafür, dass Mascha Dabic offenbar- anders als die meisten hier, sonst würde sie das nicht kritisieren- selbst Krieg und Entbehrungen erlebt hat, stellt sie aber verdammt hohe Ansprüche. Nochmals: wenn soviel Geld übrig sein sollte, dann bitte für Menschen ausgeben, die dadurch gerettet werden können und nicht zur hochwertigen Unterhaltung derer, die bereits gerettet sind.

Lesen Sie den Kommentar von Dabic einmal langsam und unvoreingenommen und versuchen Sie der Argumentation zu folgen und nicht irgendwelche Stichworte herauszuklauben und sich daraus einen eigenen Text zusammenzureimen, den Dabic gar nicht geschrieben hat!

Dabic sagt nicht, dass den Asylwerbern das alles (Kaffeehäuser, Buchhandlungen, Theater, Kinos, Museen et cetera.) zugänglich sein soll. Sie sagt nur, dass es ihnen nicht zugänglich ist und dass man bei der Einschätzung ihrer Unterbringung dieses Fehlen von Zerstreuungen und Ausweichmöglichkeiten mitberücksichtigen muss.

Freiräume könnten auch in Containern geschaffen werden, die im übrigen nicht so schlecht sind, wie Frau Dabic auch einräumt. Ich finde auch, dass die Aussage von Frau Widmann unangebracht ist, nur ist jegliche Asyldebatte emotional aufgeladen und kann politisch ausgenützt werden- auch wenn es anders gemeint oder nur ein indirekter Vorwurf war.
In der Öffentlichkeit würde dieser Artikel letztlich immer auf diesen Teil reduziert und eine Abwehrreaktion hervorrufen, was den Asylsuchenden am Ende mehr Schaden als Nutzen bringt.

Es gibt

genügende ÖsterreicherInnen die sich die von Frau Dabic aufgezählten "Zerstreuungen" ebenfalls nicht leisten können. Wie z.b. die Obdachlosen in Graz im Vinzi Containerdorf leben, und sehr froh sind ein Dach über dem Kopf zu haben, es im Winter warm zu haben...

Asylwerber gegen Obdachlose auszuspielen ist nicht Thema des Artikels.

Ja und?

Wo liegt der Unterschied ob Asylwerber in einem Zimmer unterbracht werden welches halt ein Container ist oder in einem Zimmer mit ähnlicher Grösse welches mal ein Fremdenzimmer war? Beide Zimmer haben Fenster, werden bezeizt, sind isoliert (Container meist besser als Häuser aus den 70igern), verfügen über sanitäre Einrichtungen, haben einen Kasten, es gibt eine Gemeinschaftsküche usw.

Ich glaube dass die meisten Leute welche sich über die Unterbringung in Containern aufregen keine Ahnung haben wie Wohncontainer (innen)aussehen und ausgestattet sind sind einfach aus einem Reflex heraus ablehnend reagieren. Es gibt sogar (nicht in Ö.) Leute die sich mittels mehrer kombinierter Container ihren ständigen Wohnraum geschaffen haben.

"Es gibt sogar (nicht in Ö.) Leute die sich mittels mehrer kombinierter Container ihren ständigen Wohnraum geschaffen haben."

Das stimmt so nicht! Es gibt zumindest einen Fall auf einem Dauercamperplatz, wo sich jemand einen Doppelcontainer (2x20Fuß) hingestellt hat. Der Fall wurde so weit ich mich erinnern kann bei "Am Schauplatz", behandelt, weil es den Nachbarn ästethisch nicht gefallen hat, und es deswegen Stunk gab. Aber das Containerhaus stand zumindest zu Ende des Beitrages immer noch dort. Ist schon einige Jahre her.

dass sich manche menschen nachts auf bäumen einkuscheln und so übernachten heißt für asylbetreuung : genau gar nichts. ebenso wenig legitimiert es etwas, das menschen und sogar monegassische prinzessinnen freiwillig in containern, hundehütten oder wohnwägen leben. und - streichen wir jetzt allen asylwerberInnen die unterwäsche weil angelina jolie keine anzieht? dann muss es ja luxus sein, oder?
im übrigen das bild vom 14.11.2012 (direktlink geht leider nicht) http://kurier.at/politik/p... slideshow#
genieren sollten wir uns alle miteinander, wenn mich wer fragt.

Dabic schreibt: "Zudem kann ein gut ausgestatteter Container besser sein als ein heruntergekommenes Wohnheim." Dabic dürfte Ihre Belehrung, wie komfortabel ein Container sein kann, nicht brauchen.

Dabic kritisiert nur, dass über die Unterbringung von Asylwerbern gesprochen wird, ohne sich deren Lebensumstände zu verdeutlichen.

So wie die (ehemals sozialen) Gemeindebauten verkommen sind ...

... wäre das ContainerKonzept für Wien nicht nur praktisch, sondern sogar erstrebenswert: Wohnen um 4,50/Tag (wie die Containerfirmen angeben) heisst Wohnen um 150,-/Monat auf (i.a.) 12,5 m2 mit Dusche/WC und Heizung.

Und das ist genau das fehlende Segment, das vor 150 Jahren der kommunale Wohnbau abgedeckt hat (wo heute nur mehr 30 m2 / 500,- aufwärts zu haben sind)

Statt die Stadtnomaden vom Wagenplatz zu vertreiben, sollte die Stadt Wien Container für junge WohnungsSuchende -- die oft monatelang nix finden -- auf Leergrundstücken aufstellen.

Vielleicht sollte man mit Containern am Ballhausplatz und Rathausplatz beginnen, damit Fischer und Häupl aufmerksam werden?

Wien? Wieso? Es geht um die BL, Wien erfüllt die Quoten ja schon längst - sogar weit darüber. Es geht nur um die BL.

Nicht für Asylwerber.

Der Vorredner will solche Containerwohnungen in Wien explizit nicht für Asylbewerber, sondern für Studenten und allgemein Junge. IMO müssen es nicht unbedingt Container sein, aber es gibt in Wien durchaus einen Bedarf an kleinen, brauchbar geschnittenen Wohnungen. Kleinwohnungen sind fast immer Einraumeinheiten. Sucht man etwas mit getrenntem Schlafzimmer, ist das fast nicht zu finden und kostet praktisch immer über 500€ warm.

Die unten von mir verlinkten Einheiten in Amsterdam haben ein getrenntes Schlafzimmer und kosten im teuren Asterdam warm 422€. Es muß kein Metallcontainer sein, man könnte sowas z.B. auch in Holzbauweise standardisiert vorproduzieren. Das wäre innerhalb eines Jahres aufgestellt.

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