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Ich erfahre nie, warum mein Vater so "nervös und ungeduldig" ist.
Mein Vater ist zu Lebzeiten kein Alkoholiker oder Wirtshausraufer, meine Mutter schlägt er nie, und soweit ich weiß auch meine Schwester nicht. Mama erklärt mir später, Papa hasst mich nicht, sondern ist halt nur ungeduldig und nervös. Und ich nerve ihn eben besonders konsequent.
Unser Staubsauger hingegen fasziniert mich so sehr, dass ich mich genau an ihn erinnern kann: ein schwarz-grüner Torpedo aus Bakelit, der auf Kufen (!) über Teppiche und Parkett gleitet, dazu ein Gummischlauch und zwei Metallrohre. In den Sechzigern ist das sogar ein Luxusmodell von heimischer, sozialistischer Arbeiterhand gefertigt und dem sozialistischen Arbeiter in die Hand gegeben, um seine Wohnstatt sauber zu halten. Was in unserem Haushalt Vaters Job ist.
Ich weiß noch, dass ich mich immer auf den Torpedo setze und hoffe, dass Papa mich gleich durch die Zimmer zieht. Doch er setzt mich nur ab und macht weiter. Mama erzählt, dass ich danach beginne, den cremefarbenen Einschaltknopf zu drücken, und den Staubsauger ausschalte, immer wenn Papa gerade vorne beim Saugkopf anlangt und die Arbeit fortsetzen will. Dreimal schilt er mich bloß, ich solle doch den Knopf in Ruhe lassen. Beim vierten Mal geht mein Vater in die Küche, kommt mit einem Kochlöffel zurück, legt mich über den Staubsauger und prügelt mit dem Kochlöffel auf meinen Hintern ein. Nach den ersten Schlägen kommt meine Mutter dazu und legt ihre Hände über meine Backen. Doch Papa prügelt einfach weiter. "Meine Hände waren noch zwei Wochen blau und geschwollen", sagt Mama viele Jahre später.
Sie ist jener Baum im Mediterran, der so nah am Meer wachsen kann wie kein anderer. Die Äste der Tamariske bilden dünne, biegsame Gerten, die in Dalmatien traditionell zum Antreiben der Maultiere verwendet werden. Und zum Austreiben von Flausen unbändiger Kinder. Irgendwie ist auch mein Vater ein Traditionalist, wenn es ums Prügeln mit der Tamariskengerte geht: Ich darf (muss) mir selbst eine aussuchen - ein Klassiker der schwarzen Pädagogik. Zwei dieser Gelegenheiten sind besonders gut in meiner Erinnerung eingegraben.
In Sutivan hat damals niemand eine Wasserleitung, jedes Haus hat eine eigene Zisterne, die das Regenwasser sammelt, das mit ungelöschtem Kalk trinkbar gemacht wird. Während Opa und Papa beim Bau unserer Zisterne schuften, sitze ich am Rand der quadratischen Öffnung auf der Terrasse, die als Einstieg zur Zisterne dient. Neben mir ist ein Haufen des Aushubs aus Kiesel, kleinen Felsbrocken und ein wenig Erde. Ich warte, bis unter mir der Kopf von Papa erscheint, und lasse Kiesel und Erde herabfallen. Anschließend nimmt er mich wütend bei der Hand und schleift mich zum nahen Strand, wo die Tamarisken wachsen.
Bei der anderen Gelegenheit sind wir bereits nah an den Tamarisken. Wir gehen von der Livka-Bucht nach Hause und sind nur noch zweihundert Meter davon entfernt. Doch ich weigere mich weiterzugehen, wenn ich nicht sofort Wasser zu trinken bekomme. Also pflückt mein Vater wortlos zwei Gerten von der nächsten Tamariske, ich suche mir eine aus und weigere mich trotzdem, auch nur einen Schritt zu gehen. Die zischenden Schläge treffen die Rückseite meiner Oberschenkel, es brennt wie ein Wespenstich, ich hüpfe einen halben Meter vor und bleibe stehen. Und immer so weiter, bis wir am Haus ankommen.
Wir leben nun in Wien und Papa hat ein altes, aber empfangsstarkes Radio gekauft. Er ist Nachrichtentechniker und das Radio ist so etwas wie ein früher Weltempfänger. Nun pfuscht er daran herum und versucht es noch leistungsfähiger zu machen, damit er, so sagt er mir, den Jupiter zwitschern hören kann. Ich bin vom Innenleben des Radios geradezu fasziniert. Es steht offen wie ein Patient am OP-Tisch, aber in Betrieb und unter Strom auf dem Esstisch in unserer Küche.
Besonders faszinierend finde ich den mechanischen Sendersucher, der ja von außen nur ein großer Drehknopf ist. Ich will wissen, was sich im Inneren alles bewegt, wenn ich am Knopf drehe. Deswegen greife ich hinein und beginne munter durch die Kanäle zu streifen. Weil das hörbar ist, stürmt mein Vater aus dem Klo, reißt mich vom Radio weg, greift das Erstbeste, was ihm unter die Finger kommt, und beginnt mich damit zu prügeln. Das Prügelgerät ist aber ein Stromkabel, das auf meinem Hintern und den Oberschenkeln noch wochenlang sichtbare Blutergüsse erzeugt.
Mama sagt mir am Abend, weil ich immer noch weine, Papa sei nur erschrocken, weil der Strom im Radio mich töten kann. Also denke ich, Papa hat mich eh lieb.
Ich erfahre nie, warum mein Vater so "nervös und ungeduldig" ist. Auch Gegenstände, die sich Papa widersetzen und nicht so wollen, wie er will, fallen seiner Ungeduld und Nervosität zum Opfer. Meist schlägt er mit dem erstbesten Werkzeug so lange darauf ein, bis sein Zorn vergeht und der Gegenstand, manchmal das Werkzeug, in kleinsten Teilen um ihn herumliegt. Als meine Eltern Gastarbeiter werden und uns Kinder bei Oma und Opa zurücklassen, prügelt mich Oma weiter. Man sagt mir, sie habe von den Bomben im Krieg und den Jahren bei den Partisanen die Nerven verloren. Und ich nerve sie eben besonders konsequent.
Meinem Vater verzeihe ich all die Prügel längst. Vielleicht, weil er jung stirbt. Oma verzeihe ich die Prügel, weil ja "die Deutschen" schuld sind, dass sie so nervös ist. Inzwischen ist auch sie tot. Als jedoch mein kleiner Sohn, gerade zwei geworden, eines Tages, während ich den Staubsauger durch die Wohnung ziehe, den Knopf drückt und den Staubsauger ausschaltet, kaum dass ich beim Saugkopf anlange, sehe ich ihn nur an, beginne zu weinen. Und weiß nicht genau, warum.
Dann, noch Tränen in den Augen, setze ich ihn auf den Staubsauger und fahre ihn durch das Zimmer. Er quietscht vor Vergnügen. Und meine Tränen sind bald trocken. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 15.2.2013)
Einst denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts allein in Zügen aufwacht. Doch Jahre später, als mich der Besitz eines Automobils so richtig erwachsen macht, denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts alleine im Auto nicht einschläft
Um in Österreich Fluglotse zu werden, so heißt es, muss man räumliches Vorstellungsvermögen, Verständnis für Technik, Teamgeist und Verantwortungsgefühl im Übermaß haben
Während der letzten zwei Wochen blattert unser Sohn feucht vor sich hin. Und darf nicht in den Kindergarten. Bis die roten Wimmerln verheilen habe ich keine Zeit zum Schreiben. Aber ich habe genug Zeit um in Texten zu stöbern, gerettet aus den Trümmern meiner vorletzten Festplatte
Es bedeutet nur "außerhalb der Regel" und so nennt man in Dalmatien Sportarten mit Abenteuergeschmack. Doch für die Stivanjani sind es mehr als bloß zwei Worte, seit einer von Ihnen daraus eine öffentliche Party macht, die eine ganze Woche des Mittsommers in Sutivan tobt
Onkel Rifat kommt aus Ägypten, lernt in Beograd meine Tante Iva kennen und fährt für dubiose Geschäfte nach Triest und Alexandria, wo sein Devisenkonto liegt
Wovor sich ein Balkan-Scheißmacho-Partisanenenkel-Oberkotzbrocken fürchtet
Es ist fast wie mit der Erfindung des Rades. Alle Kommunisten aller Länder meinen gleichzeitig, das Wohnglück der Arbeiterklasse in den Plattenbauten von Neustädten zu erfinden
Die Erleichterung kommt schnell, weil im Wartebereich der chirurgischen Abteilung sonst niemand wartet. Wir sind im Pavillon 16 in Lainz, es ist Samstag
Am Ende eines anstrengenden Tages, wenn nichts mehr eilig ist, döse ich oft in der U6, und meine Tagträume vermischen sich mit dem Zischen der Türen und Wortfetzen
Wer in Dalmatien männlichen Geschlechtes und zwischen dem Anfang und dem Ende der Pubertät ist, wird Mulac genannt. Die herausragende Eigenschaft die den Mulci anhängt, ist das intensive Betreiben von Unfug aller Art
Ich habe schon von ihr geschrieben: der Prostituierten Ivana, meiner Meidlinger Nachbarin. Hier ist ihre ganze - und ganz und gar traurige - Geschichte
Die Idee ist einfach: Jemand mietet eine Yacht für zwei Wochen, fährt aber nur eine Woche, die zweite überlässt er den Kindern von "Mirno More". Das bedeutet "friedliches Meer" und ist der Gruß der Seefahrer Dalmatiens
Die Missgeschicke anderer zu genießen ist nur die halbe Kunst. Man muss stets bereit sein, die eigene Malaise auszukosten
"Die Spira" feiert ihren Siebziger in einem Ottakringer Wirtshaus und ist aufgeladen wie eine fabrikneue Autobatterie
Selbstverständlich liebe ich meine Familie. Darüber hinaus erheitern Sex, Drugs and Rock'n'Roll jenen Teil meines Hirns, der von der mächtigen Eidechse abstammt. Irgendwo dazwischen ist meine persönliche Twighlight Zone der Freude am Missgeschick anderer
Grad hat man einen teuren, schlechten Film über Jesu Wiederkunft in Sachen Weltuntergang gedreht. Von Weltuntergängen halte ich nix. Von Jesu Geburt hingegen sehr viel. Besonders dann, wenn ich sie mir in Simmering unserer Tage denke
Es gibt fünf Dinge, die ich mehr hasse als den Winter in Wien
In den letzten Wochen sterben drei Menschen, die ich kenne und zwei weitere liegen im Koma ohne Wiederkehr. Wien im Winter scheint mir besonders morbid, allemal zu Weihnachten
Ich bin g'rad intelligent genug, um zu wissen, dass ich nichts Weltbewegendes dazu sagen kann, was nicht schon längst gesagt ist
Ich verbringe 1992/93 insgesamt acht Monate in Kroatien auf der Insel Brač. Freunde fragen mich auch heute noch, wozu ich das gebraucht hab'
Es gibt eine Art migrantischen Phantomschmerz, der über das gewöhnliche Heimweh hinausgeht. Es ist nicht so schlimm, wie das, was mancher Opa meiner österreichischen Freunde damals in Stalingrad beim Gedanken an Wien oder Rust empfindet. Diese unsere, migrantische Nostalgie ist irgendwo dazwischen
Ich kann nicht sagen, dass ich beim Bundesheer nichts lerne. Ich lerne beispielsweise, wie man am besten so tut, als ob man was tut
Es gibt diesen pathetischen Augenblick, in dem ein Vater glaubt einen Brief an seinen Sohn schreiben zu müssen, damit im Falle des vorzeitigen Ablebens möglichst nichts von seiner eigenen, im Laufe der Jahre erworbenen Lebensweisheit verloren geht
Wie erklärt man einem Jungen aus dem Punjab die groteske Existenz Fiona Pacifico Griffini-Grassers - auf Denglisch?
Das ist wohl am schwersten, denk ich mal - nicht aus Reflex sich so zu verhalten wie man es selber erlebt hat.
Mein Vater hat mich immer zur Seite genommen und mir erklaert das ich eigentlich jetzt eine Watsche verdient haette. Dann haben wir Armdruecken gespielt und ich muszte seinen Bizeps druecken um mir klar zu machen das es ihm ein leichtes waere mich zu schlagen - er dies aber nicht tun wird weil es unfair ist wenn ein so starker Mann ein so kleines Kind schlaegt.
Irgendwie hab ich mich ein Leben lang beschuetzt gefuehlt bei ihm, obwohl ich mir als Kind ab und zu dachte das mir eine kurze Watschen lieber waer als die langen Diskussionen.
Heute bin ich ihm echt dankbar fuer seine Art.
Diese geschichte erinnert mich an meine jugend, wo ihr aehnliches erleben durfe. Ich habe auch eine zweijaehrige tochter, und bemuehe mich, ganz anders zu ihr zu Sein, wie meine eltern zu mir. Aus dem was man selbst erlebt hat zu lernen und nicht DIE gleichen fehler nochmals zu machen, ist mein ziel.
Eigentlich habe ich mich nur beim Standard angemeldet um bb einmal einen Dank für seine Geschichten auszusprechen. Jetzt habe ich mich dazu hinreißen lassen bei anderen Themen auch zu posten- aber eigentlich bin ich nur wegen ihnen hier.
Die gewalttätigen Elternteile die ja nur das Beste für die Kinder wollen können ihr Kind vielleicht ja bald in die Ganztagschule schicken, und am Abend gibts das Kindermädchen weil man mit der Geduld ein bisschen haushalten muss.
Gewalt wird vorzüglich von Männern auf Männer projiziert.
Herr Bogumil erlebt eine innere Blockade, weil er in einem Erziehungsdilemma ist. Das gewohnte Verhaltensmuster zu brechen ist tatsächlich schwierig.
Dem Sohn, der auf dem Staubsauger sitzt u spazieren fahren will, sollte jeder Vater erklären, dass dadurch doch der gerillte Plastikschlauch, an dem der Sauger zu ziehen ist, dadurch noch früher reißen wird.
und der Sauger dadurch viel früher kaputt gehen wird.
auch in der trotzphase an die vernunft der kinder appellieren u immer das gelindeste mittel anwenden. zb kind wegheben, ins kinderzimmer sperren u weitersaugen.
... dass es mehr sinn ergibt, die ganze woche nachrichten-enthaltsamkeit zu üben und sich auf bb zu konzentrieren. Es bedarf schon einer ganz besonderen empfindsamkeit, solch berührende texte zu schreiben. Allen, die Teile dieses Mosaiks böse kritisieren, sei ins stammbuch geschrieben: der zusammenhang bringt das verständnis.
von der ersten an bin ich richtig sehnsüchtig danach, das warten bis die nächste online kommt ist schwer zur ertragen.... wann kommt endlich das buch?
und ich schliesse mich dem Fritz the cat voll an. Grossartige schlichte texte die unter die haut gehen, mitten ins herz treffen und für lachanfälle sorgen! :) über erdbeben im klo am gang kann ich immer noch lachen :D
aus ihren geschichten könnte man grossartige filme drehen...
Hr.Balkansky wurde zu einem ordentlichen Menschen erzogen
hoffentlich wird aus seinem Sohn kein verzogener Fratz
na, wird schon gutgehen :-)
[Disclaimer:
Dieses Posting entspricht den Postingregeln und wurde in Wahrnehmung der werblichen Zusage auf freie Meinungsäußerung gepostet. Postingtext und Postingzeitpunkt sind durch Screenshot dokumentiert]
Eine noch immer stets beschwiegene Thematik, dennoch kann man bei denen die ihre Kinder schlagen, 2 Typen unterscheiden, die Einen die es aus tiefer innerer Befriedigung machen, ihre Herangehensweise ist stets materialistisch, das bedeutet nicht mit Liebe sondern mit Ratio zu erziehen, also zu bestrafen.
Der andere Typ, zu dem viele Väter der letzten Generationen gehören, wären gern 'bessere' Väter gewesen, nur fehlte ihnen auch noch die Geduld, obwohl sie im Gegensatz zum ersten Typ es nicht wollen, hatten sie keine andere Maßnahmen bei der Hand, sie mussten bestrafen, da ihre Kinder, im Gegensatz zu ihnen selbst, nicht einfach 'funktionieren', dieser Fluch der autoritären (Erziehungs)systeme geht zum Glück weiter und weiter zurück. :)
Lieber Hr. Balkansky,
weinen Sie so oft wie möglich über die Gewalt, die Sie erlebt haben, der gefühlte Schmerz wird Sie erleichtern. Und es ist so schön, zu lesen, dass sie die Gewalt nicht weitergeben, sondern Ihren Sohn offensichtlich einfach nur lieben. Einfach nur schön.
Danke lieber Hr. Balkansky!
Ich mag ihre Geschichten weil sie mich berühren.
Ich lese sehr viel, unter anderem einige Autoren die sich krampfhaft bemühen Emotionen zu vermitteln, in dem sie versuchen in epischem Stil zu rechtfertigen. Sie nicht, ich mag ihr Schlichtheit und Unverblümtheit. Sehr schön, weiter so.
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