Vater ist nervös

Glosse |
  • Ich erfahre nie, warum mein Vater so "nervös und ungeduldig" ist.
    foto: heribert corn

    Ich erfahre nie, warum mein Vater so "nervös und ungeduldig" ist.

Als Papa mich das erste Mal prügelt, bin ich gerade zwei. Ich kann mich nicht erinnern und weiß es nur aus Erzählungen von Mama. Alle späteren Prügel bleiben ein blasser Erinnerungsbrei, weil es so viele sind

Mein Vater ist zu Lebzeiten kein Alkoholiker oder Wirtshausraufer, meine Mutter schlägt er nie, und soweit ich weiß auch meine Schwester nicht. Mama erklärt mir später, Papa hasst mich nicht, sondern ist halt nur ungeduldig und nervös. Und ich nerve ihn eben besonders konsequent.

Kurze Lunte

Unser Staubsauger hingegen fasziniert mich so sehr, dass ich mich genau an ihn erinnern kann: ein schwarz-grüner Torpedo aus Bakelit, der auf Kufen (!) über Teppiche und Parkett gleitet, dazu ein Gummischlauch und zwei Metallrohre. In den Sechzigern ist das sogar ein Luxusmodell von heimischer, sozialistischer Arbeiterhand gefertigt und dem sozialistischen Arbeiter in die Hand gegeben, um seine Wohnstatt sauber zu halten. Was in unserem Haushalt Vaters Job ist.

Ich weiß noch, dass ich mich immer auf den Torpedo setze und hoffe, dass Papa mich gleich durch die Zimmer zieht. Doch er setzt mich nur ab und macht weiter. Mama erzählt, dass ich danach beginne, den cremefarbenen Einschaltknopf zu drücken, und den Staubsauger ausschalte, immer wenn Papa gerade vorne beim Saugkopf anlangt und die Arbeit fortsetzen will. Dreimal schilt er mich bloß, ich solle doch den Knopf in Ruhe lassen. Beim vierten Mal geht mein Vater in die Küche, kommt mit einem Kochlöffel zurück, legt mich über den Staubsauger und prügelt mit dem Kochlöffel auf meinen Hintern ein. Nach den ersten Schlägen kommt meine Mutter dazu und legt ihre Hände über meine Backen. Doch Papa prügelt einfach weiter. "Meine Hände waren noch zwei Wochen blau und geschwollen", sagt Mama viele Jahre später.

Tamarisken im Wind

Sie ist jener Baum im Mediterran, der so nah am Meer wachsen kann wie kein anderer. Die Äste der Tamariske bilden dünne, biegsame Gerten, die in Dalmatien traditionell zum Antreiben der Maultiere verwendet werden. Und zum Austreiben von Flausen unbändiger Kinder. Irgendwie ist auch mein Vater ein Traditionalist, wenn es ums Prügeln mit der Tamariskengerte geht: Ich darf (muss) mir selbst eine aussuchen - ein Klassiker der schwarzen Pädagogik. Zwei dieser Gelegenheiten sind besonders gut in meiner Erinnerung eingegraben.

In Sutivan hat damals niemand eine Wasserleitung, jedes Haus hat eine eigene Zisterne, die das Regenwasser sammelt, das mit ungelöschtem Kalk trinkbar gemacht wird. Während Opa und Papa beim Bau unserer Zisterne schuften, sitze ich am Rand der quadratischen Öffnung auf der Terrasse, die als Einstieg zur Zisterne dient. Neben mir ist ein Haufen des Aushubs aus Kiesel, kleinen Felsbrocken und ein wenig Erde. Ich warte, bis unter mir der Kopf von Papa erscheint, und lasse Kiesel und Erde herabfallen. Anschließend nimmt er mich wütend bei der Hand und schleift mich zum nahen Strand, wo die Tamarisken wachsen.

Bei der anderen Gelegenheit sind wir bereits nah an den Tamarisken. Wir gehen von der Livka-Bucht nach Hause und sind nur noch zweihundert Meter davon entfernt. Doch ich weigere mich weiterzugehen, wenn ich nicht sofort Wasser zu trinken bekomme. Also pflückt mein Vater wortlos zwei Gerten von der nächsten Tamariske, ich suche mir eine aus und weigere mich trotzdem, auch nur einen Schritt zu gehen. Die zischenden Schläge treffen die Rückseite meiner Oberschenkel, es brennt wie ein Wespenstich, ich hüpfe einen halben Meter vor und bleibe stehen. Und immer so weiter, bis wir am Haus ankommen.

Liebe ist ein Stromkabel

Wir leben nun in Wien und Papa hat ein altes, aber empfangsstarkes Radio gekauft. Er ist Nachrichtentechniker und das Radio ist so etwas wie ein früher Weltempfänger. Nun pfuscht er daran herum und versucht es noch leistungsfähiger zu machen, damit er, so sagt er mir, den Jupiter zwitschern hören kann. Ich bin vom Innenleben des Radios geradezu fasziniert. Es steht offen wie ein Patient am OP-Tisch, aber in Betrieb und unter Strom auf dem Esstisch in unserer Küche.

Besonders faszinierend finde ich den mechanischen Sendersucher, der ja von außen nur ein großer Drehknopf ist. Ich will wissen, was sich im Inneren alles bewegt, wenn ich am Knopf drehe. Deswegen greife ich hinein und beginne munter durch die Kanäle zu streifen. Weil das hörbar ist, stürmt mein Vater aus dem Klo, reißt mich vom Radio weg, greift das Erstbeste, was ihm unter die Finger kommt, und beginnt mich damit zu prügeln. Das Prügelgerät ist aber ein Stromkabel, das auf meinem Hintern und den Oberschenkeln noch wochenlang sichtbare Blutergüsse erzeugt.

Mama sagt mir am Abend, weil ich immer noch weine, Papa sei nur erschrocken, weil der Strom im Radio mich töten kann. Also denke ich, Papa hat mich eh lieb.

Der ewige Staubsauger

Ich erfahre nie, warum mein Vater so "nervös und ungeduldig" ist. Auch Gegenstände, die sich Papa widersetzen und nicht so wollen, wie er will, fallen seiner Ungeduld und Nervosität zum Opfer. Meist schlägt er mit dem erstbesten Werkzeug so lange darauf ein, bis sein Zorn vergeht und der Gegenstand, manchmal das Werkzeug, in kleinsten Teilen um ihn herumliegt. Als meine Eltern Gastarbeiter werden und uns Kinder bei Oma und Opa zurücklassen, prügelt mich Oma weiter. Man sagt mir, sie habe von den Bomben im Krieg und den Jahren bei den Partisanen die Nerven verloren. Und ich nerve sie eben besonders konsequent.

Meinem Vater verzeihe ich all die Prügel längst. Vielleicht, weil er jung stirbt. Oma verzeihe ich die Prügel, weil ja "die Deutschen" schuld sind, dass sie so nervös ist. Inzwischen ist auch sie tot. Als jedoch mein kleiner Sohn, gerade zwei geworden, eines Tages, während ich den Staubsauger durch die Wohnung ziehe, den Knopf drückt und den Staubsauger ausschaltet, kaum dass ich beim Saugkopf anlange, sehe ich ihn nur an, beginne zu weinen. Und weiß nicht genau, warum.

Dann, noch Tränen in den Augen, setze ich ihn auf den Staubsauger und fahre ihn durch das Zimmer. Er quietscht vor Vergnügen. Und meine Tränen sind bald trocken. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 15.2.2013)

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Berührend....

Danke!

Ich kenne Österreicher

die das erlebt haben und auch ihre Väter. Ich hoffe diese war die letzte Generation, denn das fürhrt nur zu Kriege.

Die Kette der Gewalt durchbrechen.

Man hat jeden Tag aufs Neue die Chance dazu! Schön, dass Sie Ihren Kleinen am Staubsauger durchs Zimmer gezogen haben:)

das weckt in mir den wunsch vater zu werden.

eigentlich wollte ich nie kinder haben...

gäbe es denn ein buch, ich kaufte es sofort und schenkte je eines an all meine freunde!
und:
ein karlovacko tränke ich nur allzu gerne gemeinsam...

gesammelte kolumnen

kommen bald als buch, davor lesung. dastandard wird es ankündigen. freu mich dann auf a glaserl!
BB

zur lesung werde ich es vermutlich nicht schaffen, aber spendiere gerne ein paar biere in split und nehme bei dieser gelegenheit auch gerne ein signiertes buch entgegen...

GEBONGT!

hasta magnana!
BB

Danke - vor allem fuers durchbrechen der Kette.

Das ist wohl am schwersten, denk ich mal - nicht aus Reflex sich so zu verhalten wie man es selber erlebt hat.

Mein Vater hat mich immer zur Seite genommen und mir erklaert das ich eigentlich jetzt eine Watsche verdient haette. Dann haben wir Armdruecken gespielt und ich muszte seinen Bizeps druecken um mir klar zu machen das es ihm ein leichtes waere mich zu schlagen - er dies aber nicht tun wird weil es unfair ist wenn ein so starker Mann ein so kleines Kind schlaegt.

Irgendwie hab ich mich ein Leben lang beschuetzt gefuehlt bei ihm, obwohl ich mir als Kind ab und zu dachte das mir eine kurze Watschen lieber waer als die langen Diskussionen.

Heute bin ich ihm echt dankbar fuer seine Art.

Wie bei mir

Diese geschichte erinnert mich an meine jugend, wo ihr aehnliches erleben durfe. Ich habe auch eine zweijaehrige tochter, und bemuehe mich, ganz anders zu ihr zu Sein, wie meine eltern zu mir. Aus dem was man selbst erlebt hat zu lernen und nicht DIE gleichen fehler nochmals zu machen, ist mein ziel.

Anmeldung

Eigentlich habe ich mich nur beim Standard angemeldet um bb einmal einen Dank für seine Geschichten auszusprechen. Jetzt habe ich mich dazu hinreißen lassen bei anderen Themen auch zu posten- aber eigentlich bin ich nur wegen ihnen hier.

THX

; )
BB

Nervöse Väter

Die gewalttätigen Elternteile die ja nur das Beste für die Kinder wollen können ihr Kind vielleicht ja bald in die Ganztagschule schicken, und am Abend gibts das Kindermädchen weil man mit der Geduld ein bisschen haushalten muss.

Genau

dies ist immer noch beser als immer nur aufpassen zu müssen ob der Alte auszucken könnte.

schöne, liebe Erzählung mit einem ernsten Hintergrund.

Gewalt wird vorzüglich von Männern auf Männer projiziert.

Herr Bogumil erlebt eine innere Blockade, weil er in einem Erziehungsdilemma ist. Das gewohnte Verhaltensmuster zu brechen ist tatsächlich schwierig.

Dem Sohn, der auf dem Staubsauger sitzt u spazieren fahren will, sollte jeder Vater erklären, dass dadurch doch der gerillte Plastikschlauch, an dem der Sauger zu ziehen ist, dadurch noch früher reißen wird.

und der Sauger dadurch viel früher kaputt gehen wird.

auch in der trotzphase an die vernunft der kinder appellieren u immer das gelindeste mittel anwenden. zb kind wegheben, ins kinderzimmer sperren u weitersaugen.

Man kann aber auch

eine Schnur am Staubsauger befestigen und das Kind damit spazierenführen,ohne den Schlauch zu beschädigen. Warum soll man sich auch nur eine einzige Gelegenheit entgehen lassen, einem Kind eine Freude zu machen?

ich kann mich des eindrucks nicht erwehren...

... dass es mehr sinn ergibt, die ganze woche nachrichten-enthaltsamkeit zu üben und sich auf bb zu konzentrieren. Es bedarf schon einer ganz besonderen empfindsamkeit, solch berührende texte zu schreiben. Allen, die Teile dieses Mosaiks böse kritisieren, sei ins stammbuch geschrieben: der zusammenhang bringt das verständnis.

ich liebe ihre Geschichten Bogumil...

von der ersten an bin ich richtig sehnsüchtig danach, das warten bis die nächste online kommt ist schwer zur ertragen.... wann kommt endlich das buch?
und ich schliesse mich dem Fritz the cat voll an. Grossartige schlichte texte die unter die haut gehen, mitten ins herz treffen und für lachanfälle sorgen! :) über erdbeben im klo am gang kann ich immer noch lachen :D
aus ihren geschichten könnte man grossartige filme drehen...

Deja vu

Es ist nun 50 Jahre her dass ich in ähnlichen Situationen war. Nicht der Vater, bei mir wars die Mutter. Es schmerzt noch immer wie wenns gestern war. Danke für den Beitrag.

hoffe das menschen mit ähnlicher geschichte das genausogut hinbekommen werden

Srle

vielen Dank!
Spitzen Geschichte!

happy end

Hr.Balkansky wurde zu einem ordentlichen Menschen erzogen
hoffentlich wird aus seinem Sohn kein verzogener Fratz
na, wird schon gutgehen :-)

[Disclaimer:
Dieses Posting entspricht den Postingregeln und wurde in Wahrnehmung der werblichen Zusage auf freie Meinungsäußerung gepostet. Postingtext und Postingzeitpunkt sind durch Screenshot dokumentiert]

Trotz traurigen Inhalts eine sehr schöne Geschichte.

Eine noch immer stets beschwiegene Thematik, dennoch kann man bei denen die ihre Kinder schlagen, 2 Typen unterscheiden, die Einen die es aus tiefer innerer Befriedigung machen, ihre Herangehensweise ist stets materialistisch, das bedeutet nicht mit Liebe sondern mit Ratio zu erziehen, also zu bestrafen.

Der andere Typ, zu dem viele Väter der letzten Generationen gehören, wären gern 'bessere' Väter gewesen, nur fehlte ihnen auch noch die Geduld, obwohl sie im Gegensatz zum ersten Typ es nicht wollen, hatten sie keine andere Maßnahmen bei der Hand, sie mussten bestrafen, da ihre Kinder, im Gegensatz zu ihnen selbst, nicht einfach 'funktionieren', dieser Fluch der autoritären (Erziehungs)systeme geht zum Glück weiter und weiter zurück. :)

Lieber Hr. Balkansky,

weinen Sie so oft wie möglich über die Gewalt, die Sie erlebt haben, der gefühlte Schmerz wird Sie erleichtern. Und es ist so schön, zu lesen, dass sie die Gewalt nicht weitergeben, sondern Ihren Sohn offensichtlich einfach nur lieben. Einfach nur schön.

Danke lieber Hr. Balkansky!
Ich mag ihre Geschichten weil sie mich berühren.
Ich lese sehr viel, unter anderem einige Autoren die sich krampfhaft bemühen Emotionen zu vermitteln, in dem sie versuchen in epischem Stil zu rechtfertigen. Sie nicht, ich mag ihr Schlichtheit und Unverblümtheit. Sehr schön, weiter so.

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